Der Unantastbare

28. Mai 2010 19:44

Man müsste ein Zeit-Weg-Abhängigkeiten-Diagramm der wirtschaftspolitischen Schlüsselfiguren der schwarz-blauen Koalition zeichnen

Beinahe kein Tag ohne ein weiteres, überaus merkwürdiges Detail aus dem Komplex "Die schwarz-blaue Blase". Nun soll Grasser-Freund und Buwog-Kassierer Walter Meischberger vor einer Hausdurchsuchung (in seiner funkelnagelneuen Villa in Wien-Döbling) gewarnt worden sein (siehe Wirtschaft). Meischberger, der ganz dringend gebraucht und mit 700.000 Euro bezahlt wurde, als die Wirtschafts-Uni ein Gebäude wollte und die Telekom eines anzubieten hatte. Hier wie bei der Buwog taucht der Immobilienmakler und FPÖ-Sympathisant Ernst Plech auf, der von Schwarz-Blau an die Spitze des Buwog-Aufsichtsrats gehievt wurde.

Man müsste ein Zeit-Weg-Abhängigkeiten-Diagramm der wirtschaftspolitischen Schlüsselfiguren der schwarz-blauen Koalition zeichnen. Haider-Schüssel-Grasser-Meischberger-Plech: Da geht es um riesige Immobilientransaktionen im staatlichen und staatsnahen Bereich.

Haider-Schüssel-Prinzhorn-Grasser-Stronach: Kaperung der Verstaatlichten Industrie durch Grasser und seine Vertrauten. Ein Ergebnis war die nur knapp verhinderte Verklopfung des Kronjuwels Voest an Magna, bekanntlich früherer Arbeitgeber von Grasser. Ein anderes grandioses Ergebnis war die Einsetzung eines AUA-Managements durch Grasser, das das Unternehmen dann dorthin beförderte, wo es heute ist.

Und noch eine schöne Luft(kampf)linie: der FPÖ-Verteidigungsminister Scheibner wollte den schwedischen Gripen-Jäger, alles schien schon entschieden, bis Grasser bei einem denkwürdigen Frühstück mit Scheibner und Schüssel die Entscheidung auf Eurofighter umleitete.

Die dickste und verschlungenste Linie führt natürlich nach Kärnten. Landeshauptmann Haider ermutigte das Hypo-Management, eine ungeheuer riskante Expansion im kroatischen Staatsmafia-Milieu einzugehen und pleiteträchtige Prestigeprojekte in Kärnten zu finanzieren; als der Trachtenhut schon lichterloh brannte, fanden Haider, das Hypo-Management und der im Kärntner Geldadel verschwägerte Finanzier Tilo Berlin einen überaus kooperativen Käufer in der BayernLB. Im Zuge des Verkaufs konnten unter Anleitung von Tilo Berlin die Creme des südösterreichischen Establishments noch binnen weniger Monate einen 150-Millionen-Euro-Schnitt machen. In der Korrespondenz tauchen die Namen Meischberger/Grasser auf (Ersterer als eine Art Postbox für Letzteren), Grassers Frau Schwiegermama dürfte zu den Nutznießern gehören. Grasser war in der Einfädelungsphase des Deals übrigens noch Finanzminister.

In diesen Verbindungsnetzen hat Grasser eine fixe Position inne. In den laufenden Verfahren wurde er bisher nicht befragt, es gab keine Hausdurchsuchung oder Kontenöffnung bei ihm. Um fair zu sein: Es ist denkbar, dass die Justiz erst rundherum ausrecherchieren will, ehe sie sich an den ehemaligen Finanzminister und Polit-Star wagt.

Grasser steht aber jedenfalls (noch) als der Unantastbare da, der noch dazu in deutschen Talkshows und beim Österreich-Fellner als großer Experte gehandelt wird. (Hans Rauscher, DER STANDARD, Print-Ausgabe, 29./30.5.2010)

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Karin Stadler2
30.05.2010 19:35
Warum sitzt der noch nicht im Knast? Kann mir das jemand erklaeren?

Bin schon ein paar Jahre fern der Heimat und Gott sei Dank ueber die Details der Niederungen der oesterreichischen Politik nicht informiert.
Warum verweigern sich die Leute nicht bei der Wahl, gibt man sich immer wieder mit dem "kleineren" Uebel zufrieden? Aber wahrscheinlich laeuft das so bei bei Berlusconi in Italien.
Was fuer Fortschritte macht eigentlich die Anti-Korruptionsbehoerde unter Walter Geyer?

Bono Nobo
04.06.2010 12:55

Weil Justizia darauf hofft, dass dem Typen in Freiheit endlich die unermesslich gierige Gurgel durchgeschnitten wird und somit sich das Thema Unschuldsvermutung in personam von selbst erledigt.

Tschuri Cazzino
 
30.05.2010 21:54
Weil für Karl-Heinz Grasser die Unschuldsvermutung gilt, solange

ihm vor Gericht keine Schuld nachgewiesen wird. Und daran haben hierzulande die an den Hebeln der Justiz sitzenden kein Interesse.

Wie sollte Verweigerung bei der Wahl Ihrer Meinung nach aussehen? Die Gruppe der Nichtwähler nimmt ohnehin beständig zu, aber dadurch wird sich nichts ändern.

Karin Stadler2
01.06.2010 13:55
Waehlen

Sehr wohl waehlen gehen, aber ungueltig waehlen, da das Angebot eben nicht waehlbar. Wenn man immer das kleinere Uebel waehlt, bekommt man halt auch nur Uebel. Die Leute werden sich verweigern muessen.

Fuer den oesterreichischen Sumpf braeuchten wir sehr gute investigative Journalisten - die scheinen ausgestorben zu sein - und mutige Staatsanwaelte/Richter a la Mafia Prozesse in Italien. Bei uns sind Staatsanwaelte weisungsgebunden. Weiss nicht wie das in Italien ist. Jedenfalls fehlt es an Courage und Unrechtsbewusstsein, sonst haette ja schon etwas aus dem Umfeld heraussickern muessen.

Ivan Fedorov
30.05.2010 15:51
nicht vergessen:

der verkauf der bodenseeschifffahrt duch verkehrsminister gorbach an seinen wenige-monate-später-arbeitgeber klaus...

Fischers Fritz
30.05.2010 15:21
An rau:

Auch wenn Sie schon so sehr wie die Katze um den heissen Brei herumreden, würde ich mir doch einmal eine konkrete Antwort auf die Frage wünschen:

Wie kann man eigentlich ein Überbietungsgefecht beeinflussen?

Wie würden etwa Sie vorgehen, um einen Bieter dazu zu bringen, gegen seine wirtschaftlichen Interessen aus einem Bieterverfahren auszusteigen? Was schließlich die Voraussetzung wäre, einem anderen Bieter die Möglichkeit zu geben, um einen zu geringen Preis (der immer noch höher sein müsste als jener der Konkurrenz) eine Ware zu ersteigern.

Tschuri Cazzino
 
30.05.2010 22:01
Wenn das Ganze eine Versteigerung gewesen wäre, so hätten Sie Recht.

Aber es war keine Versteigerung. Es sind bei einer solchen Ausschreibung zu einem bestimmten Termin verbindliche Angebote zu stellen, die i. a. nicht einfach nachgebessert werden können. Der Unterlegene Mietbieter hatte keine Möglichkeit nachzubessern.
Es war also nicht nötig den Mietanbieter zu irgendetwas zu bewegen. Es genügte schlicht die verbrecherische Weitergabe der Angebotshöhe um für Grasser Freunde das Geschäft zu machen.

Im Übrigen gilt natürlich trotzdem und gerade deswegen für Karl-Heinz Grasser die Unschuldsvermutung.

Lord Helmet
30.05.2010 16:18
Das ist ja wohl das einfachste der Welt.

Wenn ich alle Angebote kenne nenne ich meinen "Auftraggeber" die Summe die ihm dann den Zuschlag bringt.

Und genau so wirds ja wohl gelaufen sein. Oder glauben sie ernsthaft dass es Zufall ist dass bei einem Bieterverfahren für tausende Immobilien es dann letztlich duch Zufall zu 960 Millionen durch Firma A und 961 Millionen durch Firma B kommt?

Und jetzt zu sagen, war immer noch ein gutes Geschäft für Vater Staat ist falsch. Firma B hätte ja auch 990 Millionen bieten können. Mal abgesehen von der Bestechlichkeit und korrekten Abwicklung von Amtsgeschäften.

Fischers Fritz
30.05.2010 16:35
Schon, schon ..

aber damit das Geschäft für Firma B ein gutes Geschäft wird, muss doch wohl Firma A dazu gebracht werden, nicht mehr weiterzubieten. Denn wenn der endgültige Betrag für Firma B ein gutes Geschäft war, dann wäre es doch für Firma A ebenso eins gewesen.

das ist alles sehr kompliziert!
 
30.05.2010 17:10

Schon, aber dann kam noch etwas Timing dazu, soweit ich mich erinnern kann:

Bieter B durfte im letzten Moment nochmal nachbessern und - schwippdiwupp - unmittelbar darauf wurde entschieden. Auch so kann man Bieter ausbremsen.

Fischers Fritz
30.05.2010 17:22
Alle durften nachbessern !

Hubert Ungeist
30.05.2010 17:18
Sie haben recht..

nur müssens das jetzt nur noch beweisen das es so gelaufen ist.

das ist alles sehr kompliziert!
 
30.05.2010 17:47

Die Einstellung, dass eh alles passt, wenn einem nix bewiesen werden kann (und man vielleicht noch Möglichkeiten hat, die Auffindung bzw. Verwertung der Beweise zu beeinflussen), selbst wenn es schon so sehr unter dem Teppich hervorstinkt, das jeder weiß, was es geschlagen hat, ist eine Moralvorstellung die früher wohl nur in Zuhälterkreisen (oder vergleichbarem Halbweltmilieu) üblich war. Dass Sie für die Politiker Grasser & Co. diese Verteidigungslinie ins Treffen führen müssen, positioniert diese Herren ungefähr dort, wo sie hingehören...

Hubert Ungeist
30.05.2010 18:47
Sorry, nur zur Nachfrage

aber hättens jetzt echt lieber eine Justiz die ohne Beweise auskommt?

Was innerhalb der Gesetze liegt, entscheidet dann der Wähler bei der nächsten Wahl und da hat die VP eh nach Grasser verloren.

das ist alles sehr kompliziert!
 
30.05.2010 19:05

Die Justiz soll natürlich weiterhin nach Beweisen verlagen (wiewohl es auch jetzt schon Indizienprozesse gibt), auch wenn ihr dadurch so manche, die es verdient hätten, durch die Lappen gehen, einfach, weil sie halt wen kennen, der da schon die schützende Hand über sie hält, damit nicht zu viel gefunden wird.

Was rauskommt, wenn Beweise durch Gummiparagraphen und Schmierentheater ersetzt werden, kann man gerade Live beim Tierschützerprozess verfolgen. Bevor sowas Schule macht, lass' ich mich lieber von dummdreisten polit-Ganoven verarxxen.

Aber deshalb muss man diesen Leuten noch lange nicht immer wieder bestätigen, dass eh alles passt und sie halt nur Opfer der bösen schiefen Optik sind. "Halbweltmilieu" passt da schon...

Hubert Ungeist
30.05.2010 21:36
Und wo bestätige ich das eh alles passt?

Ich würde mich freuen käme Grasser hinter Gitter. Aber eben nur durch ein Gerichtsurteil und das verlangt eben nach Beweisen.

slobodan covjek
 
30.05.2010 14:23
Das ÖVP-Programm in nuce:

Grasser schützen - auf Sozialhilfeempfänger hintreten.

sociovation
30.05.2010 15:26
Es geht noch kompakter - und noch "treffender"

EAT THE POOR

3ch0
30.05.2010 14:23

Die Politik:"...alles supersauber..."
Die Justiz:"E.g.d. Unschuldsvermutung."
Die Presse:"G.d. Unschuldsvermutung?"
KHG:"...das können sie mir glauben!"
Der Pöbel: "Erst hängen, dann fragen."

Ivan Fedorov
30.05.2010 15:52

khgs anwalt: nicht bei jedem skandal hat der karl-heinz seine finger im spiel.

Tschuri Cazzino
 
30.05.2010 14:02
Die Kesseltreiber, Hexenjäger, Schmutzkübelverschütter, Ansbeinpinkler und Politinquisiteure

haben es alle auf den Karl-Heinz abgesehen, obwohl für ihn doch schon seit Jahren die Unschuldsvermutung gilt. Wenn für einen schon so lange die Unschuldsvermutung gilt, dann hat er Anspruch darauf, dass die Vermutung zur Gewissheit gewandelt wird.

sir osis of liver
 
30.05.2010 15:51

sie meinen der schöne kallheinz hat ein servitut auf die unschuldsvermutung, weil er eh schon genug gestraft ist?

pago1
30.05.2010 14:00
schüssel ist der

eigentliche verbrecher

*QED*
30.05.2010 15:51

Und was hätte er verbrochen? Dem Treiben der
korrupten roten Netzwerke einen Riegel vorgeschoben?

witherabbitt
 
30.05.2010 20:20
??


Was Korruption angeht, hat Schwarz-Blau alles Dagewesene weit in den Schatten gestellt. Schüssel ist zwar kein Verbrecher, aber ein mehrfacher Lügner, Geschichtsverdreher, Verhetzer, kurz, ein Zyniker der Macht. Immer das selbe Muster, wie bei der ÖBB: Einwanderer rein wegen der Wirtschaft und Lohndumping, bei der Sicherheit sparen, und anschließend als Sicherheitspartei die Bevölkerung in der Ausländerfrage verhetzen. Daß die gleiche Moral bei der Privatisierung zu den Auswüchsen führt, deren erste Indizien die typische österreichische Generalunschuldsvermutung nach sich gezogen hat, ist nicht verwunderlich und spricht für sich. — Wenn man die Charaktermaske dechiffriert, zeigt sich das Gesicht des »free-market«-Neoliberalismus.

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