Wir haben unter unseren Verhältnissen gelebt!

28. Mai 2010, 19:36

Die paradoxe Wahrheit ist: Der Kapitalismus muss regelmäßig Geldwerte vernichten, sonst verarmen wir - Von Michael Amon

Die paradoxe Wahrheit ist: Der Kapitalismus muss regelmäßig Geldwerte vernichten, sonst verarmen wir. - Polemische Anmerkungen zur Sprache der Krise und zur Logik des Schuldenmachens - Von Michael Amon

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Ein Gespenst geht um in Europa - das Gespenst der Sanierung. Es ist fröhlich, lächelt mal jovial, mal gereizt, verschmäht es aber, seine wahren Absichten zu offenbaren. Die Krise ist unbestreitbar, daher schickt man die Sprache flanieren. Mit gezückten Federn haben die Bannerträger des Marktextremismus die Propaganda wieder aufgenommen, anstatt sich schmähstad hinter jenen Trümmern zu verstecken, die uns soeben dank ihres bisherigen Wirkens um die Ohren geflogen sind.

Das Lügen beginnt mit der kurzen Wortfolge "Die Märkte" und wird kombiniert mit Begriffen aus dem Setzkasten neoliberalen Wortmülls: "haben geurteilt", "offenbarten" oder "kann man nicht überlisten". Das sind aber bloß religiöse Glaubenssätze. "DIE Märkte" jedoch sind Menschenwerk, haben Namen und Gesichter: die der großen Macher, aber auch die der kleinen Hausfrauen - der Unterschied ist kleiner, als wir wahrhaben wollen. Stell dir vor, es ist Markt, und keiner hatscht hin. Blöderweise sind aber alle dort. Menschen treffen die Entscheidungen, nicht Märkte. Markt ist bloß jener gedachte Ort, an dem Menschen unter formbaren Bedingungen aufeinandertreffen. "Tand, Tand / Ist das Gebilde von Menschenhand", heißt es bei Fontane.

Auch der Spekulant hat ein Gesicht - und nicht nur eines. Kapitalismus ohne Spekulation gibt es nicht. In immer waghalsigeren Pirouetten wurde die Spirale des Exzesses in den letzten Jahren hochgeschraubt. Wir sind in Geiselhaft genommen und selbst zu Spekulanten degradiert worden. Für jeden Arbeitnehmer werden monatlich 1,53 Prozent des Lohns in Rentenfonds einbezahlt, die dafür sorgen, dass die Rendite stimmt. So wetten wir auf der Jagd nach hohen Zinsen gegen den eigenen Arbeitsplatz. Die angebliche Zukunftssicherung verspekuliert die Gegenwart. Da freut man sich richtig auf eine "Spekulationssteuer", die nur die anderen trifft. Auch Gerechtigkeit kann ein Schwindel sein.

Alle im gemeinsamen Boot

Weil wir alle gemeinsam im Boot der Spekulanten vor den Küsten Griechenlands kreuzten, müssen wir die Griechen jetzt vor sich selbst und vor uns retten. Man schnürt ein Griechenland-Paket, das ein Bankenpaket ist. Staaten können nicht Konkurs anmelden, nur ihre Kreditgeber. Nicht Griechenland retten wir, sondern die Banken! Wir haben nicht einmal noch die Suppe vom Vorjahr ausgelöffelt, schon bestellt man uns den nächsten Gang: Die Griechen haben zu viele Schulden gemacht, rufen uns die Marktextremisten zu. Nur deshalb konnten sie ein Opfer der Spekulanten, also von uns allen, werden. Wir alle hätten über unsere Verhältnisse gelebt, der ganze Sozialstaat nur aufgebaut auf Pump und Schulden. Quod licet Iovi, non licet bovi.

Von wegen Schulden: Unser bauernbundschlauer Finanzminister hat inseriert, mit wie vielen Schulden Neugeborene in Österreich zur Welt kommen, mit exakt 23.901 Euro nämlich - und jeden Tag werden es mehr, fügte man frohlockend hinzu.

Eine Grundregel des Steuersystems besagt, dass man sich nicht ärmer machen darf, als man ist. Würde ein Großkonzern auf die Idee kommen, nur seine Schulden, nicht aber das Vermögen zu veröffentlichen?

Unser Sparschweinderl der Nation macht das, denn man will uns erschrecken, reif machen für Angriffe auf unseren Wohlstand. Hier wird nämlich umverteilt. Von bovi zu Iovi. Die Banken kassierten zuerst hohe Risikozuschläge auf griechische Anleihen und jetzt Garantien, für den Fall, das was schiefgeht (und die Zuschläge bleiben im Haus!). Wir Rindviecher sollen zweimal zahlen. Darum jagt man uns ordentlich ins Bockshorn. Darum verkündet Herr Pröll nur die Schulden und verschweigt die Werte: Straßen, Autobahnen, Schulen, öffentliche Verkehrsmittel, Spitäler, Kanalisation, Kläranlagen, Infrastruktur aller Art - wir sind ein reiches Land mit ein paar Schulden. So wie Siemens mit 70 Milliarden Passiva ein reicher Konzern ist.

Trotz all der Schulden spricht man von Steuerentlastung und verschweigt, dass die Entlastung des einen (Iovi) die Belastung des anderen (bovi) ist. Aber man wird natürlich die Steuerschlupflöcher stopfen. Von wegen! Die Schlupflöcher vielleicht, aber die großen Scheunentore, durch die viel Geld bequem hindurchschreitet (Gruppenbesteuerung!), die bleiben sperrangelweit offen.

Meine Herrschaften, was hättet ihr denn mit dem ganzen Mammon gemacht, wenn nicht die Griechen und Spanier und Portugiesen so deppert gewesen wären, Kredite aufzunehmen, um sich so einen höheren Lebensstandard zu spendieren? Wer hätte denn für all das nutzlos herumliegende Kapital ohne Anlagemöglichkeit (Autoindustrie: 100 Prozent Überkapazität!) Zinsen bezahlt, wenn nicht wir, die Prasser? Wenn niemand Schulden macht, wer zahlt die Zinsen?

Die Schuldenbremse ist der Tod des Kapitalismus. Pröll als Kryptokommunist, das hat was. Was würden die Superreichen mit zinsbefreitem Geld machen?

Wessen Geld?

Die paradoxe Wahrheit ist: Der Kapitalismus muss regelmäßig Geldwerte vernichten, sonst verarmen wir. Wir haben nur die Wahl, wessen Geld wir vernichten: das der Reichen oder das der breiten Masse der kleinen Leute. Ich ziehe Ersteres vor, weil ich zu Letzteren gehöre. Wir haben zu wenig Geld der Reichen verjankert. Wir hätten mehr in den Sozialstaat stopfen und höhere Löhne zahlen sollen (was gleich auch den Abstand zum Arbeitslosengeld vergrößern hätte!). Mit jeder Gewinnsteigerung haben wir die Blase gefüttert. Mit jedem Lohnverzicht, jeder Bankensanierung das hungrige Kapital vergrößert. Wir haben mit dem Verzicht auf Steigerung der Masseneinkommen die Kapriolen und jene Krise finanziert, für die wir jetzt noch einmal bezahlen.

Es leuchtet zwar ein, dass man auf Dauer nicht mehr ausgeben als einnehmen kann. Aber im Kapitalismus hat sich das Einleuchtende noch immer als falsch erwiesen. Daher gilt: Wir haben unter unseren Verhältnissen gelebt. Das tut dem Kapitalismus nicht gut. Wir hätten uns lieber ein gutes Leben auf Pump machen sollen, als die Banken zu füttern. Nur wer über seine Verhältnisse lebt, lebt gut. Glücklich, wer nichts zu verlieren hat als seine Schulden! (DER STANDARD, Print-Ausgabe, 29./30.5.2010)

Zur Person

Michael Amon lebt als freier Schriftsteller in Wien und Gmunden. Mit dem Thema Krise und Kapitalismus hat er sich zuletzt in der Essaysammlung "Nach dem Wohlstand" (erschienen bei Molden) beschäftigt.

Kommentar posten
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Euroumrechner
00
29.6.2010, 20:51

Zitat weiter unten, hört man immer und immer wieder: "..wenn ich etwas investiere, MUSS ich mehr ... "

Ziel sollte es sein, den Wert über die Zeit einfach nur zu halten. Brot verfault, Geld nicht. Beim Streben nach Werterhaltung könnts von mir aus gern tüchtig und fleissig sein. Aber aus Brot mehr Brot machen, das sollte nur Gott vorbehalten sein!

Buntspecht12
00
sehr guter Artikel

und einige sehr gute und kompetente Postings dazu!
Ich wüde mir wünschen, dass dieses Thema öffentlich und für die breite Masse verständlich diskutiert wird - da liegt unheimlich viel Zündstoff drinnen!

Lichtfreak
00
Dann vernichtet dort

wo es in Massen vorhanden ist und nicht dort, wo die kleinen Geldbeutel sind!

Mork vom Ork
00

Herr Amon ...
1. ein Jahresabschluss besteht nicht nur aus der Bilanz, sondern auch aus der G&V. Der Bund budgetiert nach der Kameralistik. Dieser entsprechend mach der Staat seit Jahrzehnten nur Verluste ...

2. Richtig ist, dass man die Passiva in Relation setzen muss .. und zwar sowohl zu den Aktiva (entweder: Was bringen diese wirklich? - oder: wollen wir die irgendwann verwerten?) Die meisten aktiva sind aber bereits ausgegliedert und budgetieren selbständig ... mmit ausgegliederten Verbindlichkeiten. Die ÖBB z.B. müsste aus den wirtschaftlichen Zahlen heraus eigentlich zusperren ..als auch:

3. zur Wirtschaftskraft. Und da sind wir in einem Verhältnis von mehr als 1.5 Jahren der Gesamteinnahmen des Staates....

pepitant
01
10.6.2010, 13:14
Entweder habens den Artikel nicht gelesen

oder nicht verstanden.
Nochmal bitte und mit Bezug auf seine Aussagen.

kibi
02
klasse artikel

teuerzahler
02
die krise ist ein zu gutes geschäft,

als dass es sich die krisengewinnler vermiesen ließen.

wenn dann noch regierungen so dumm sind, den zockern und spekulanten in die hände zu spielen, dann ist der steuerzahler machtlos, will er nicht mit dem strafgesetz in konflikt kommen.

er verliert in jedem fall.

franz tabei
00
es ist doch ganz einfach: die geldmenge muß steigen und damit kommt es zwangsläufig zur inflation. einer der widersprüche....

...wieso bleibt mensch aber bei einem system, das offensichtlich nicht funktioniert? WIESO???

...weil es nicht verstanden wird... erst wenn mensch versteht, kann das problem überwunden werden.

...und wieso VERARMEN? wir haben überproduktion, wir können die doppelte menge menschen ernähren, es gibt genug für alle.
und was machen wir? wir zerstören alles, wir produzieren mehr und mehr ramsch, warum wohl?

kann es sein, daß wir unsere lebensgrundlagen zerstören NUR UM ein nicht-funktionierendes finanzsystem aufrecht zu erhalten? WEG MIT DEM GELD!

kibi
02
das system bleibt aufrecht, ...

... weil mächtige wirtschaftseliten und ihre politischen handlanger, die nicht am ganzen, sondern nur an ihrem eigenen vorteil interessiert sind, es aus eigeninteresse so beibehalten wollen, bis zum zusammenbruch. denn auch ein solcher schadet diesen privilegierten gruppe verhältnismäßig wenig. die menschen werden systematisch sediert, mit fernsehbeblödung und konsum (eh nur minderwertiger plunder) also der erzeugung von scheinbaren bedürfnissen, um vom wesentlichen abzulenken. das wesentliche: glück, zufriedenheit, soziales miteinander etc. zeit darüber nachzudenken wird ihnen natürlich nicht gegönnt, echte bildung, die auf verständnis von zusammenhängen beruht auch nicht, wäre ja kontraproduktiv.

ist doch ganz einfach, oder?

Sabine Splitternackt
 
03
31.5.2010, 03:25
Ich finde diese Diskussion deprimierend

Es ist deprimierend wie wenig Leute auch nicht die geringste Ahnung von Karl Marx haben.
Aber hier einen Schee von sich geben das schon peinlich ist. Wissen ist Macht - nichts wissen macht nichts könnteman auch sagen.
Versucht doch wenigstens mal in Sätzen zu sprechen und nicht nur ein paar sinnlose Worte ohne jeden Zusammenhang.

toneburst
20
31.5.2010, 08:07

dann klären Sie uns doch über Karl Marx auf.

Warnboje
 
01

Sie könnten Marx auch selbst lesen. Sekundärliteratur gibt es ebenfalls.

Außerdem: Kennen Sie "Wealth of Nations"?

kibi
01
man kann sich auch selber bilden.

fangen sie am besten mit bd 3 an, da steht das wesentliche zum grundverständnis des kapitalistischen systems drinnen.

Sabine Splitternackt
 
22
31.5.2010, 12:57
würde ich gerne machen

dazu brauche ich mindestens 5000 Zeichen damit das auch verstanden wird. (3000 Zeichen entsprechen etwa einer A4 Seite) Das Hauptwerk von Karl Marx, das "Kapital" umfaßt über 800 Seiten. Das kann man nicht in 700 Zeichen erklären. Darum finde ich diese Community hier so . . . . . Bei Blog.de gibt es z.B. KEINE Begrenzung in der Kommentarlänge.

hcl
01

Die Logik sagt mir, daß Sie auch einfach 8 Postings absetzen könnten. ;)

ach na hahah
00
31.5.2010, 12:41
Sabine Splitternackt
 
05
31.5.2010, 03:18
Denkt mal darüber nach.

Denkt mal darüber nach.

Verantwortlich ist man nicht nur für das, was man tut, sondern auch für das, was man nicht tut" LAOTSE (6.Jh.v.Chr.)

"Die Welt wird nicht bedroht von den Menschen, die böse sind, sondern von denen, die das Böse zulassen."
Albert Einstein

"Zwei Dinge sind unendlich, das Universum und die menschliche Dummheit, aber bei dem Universum bin ich mir noch nicht ganz sicher."
Albert Einstein

"Wenn 50 Millionen Menschen etwas Dummes sagen, bleibt es trotzdem eine Dummheit."
Anatole France

Der Horizont vieler Menschen ist ein Kreis mit dem Radius Null - und das nennen sie dann ihren Standpunkt
[Albert Einstein]

Sabine

witherabbitt
 
00
30.5.2010, 22:06


»Wir haben mit dem Verzicht auf Steigerung der Masseneinkommen die Kapriolen und jene Krise finanziert, für die wir jetzt noch einmal bezahlen«.

Kaum überbietbar!

Frico
06
30.5.2010, 20:31

S.g. Herr Amon - DANKE!

Werte Redaktion: Bitte mehr Beiträge dieser Art und ich hole mir wieder ein Standard ABO - Versprochen!

Sabine Splitternackt
 
21
30.5.2010, 20:23
zugabe zu "Was soll das"

Wenn man hier nur mit Fragmenten von Argumenten antworten kann ist diese ganze Kommunity für die Katz. Denn nahezu alles was ich hier an Antworten lese ist so niveaulos wie der Artikel selbst. Das Problem ist das Gesellschaftssystem.

gomey
00
30.5.2010, 20:01

amon!

Michael George1
10
30.5.2010, 19:01
Passiva

"So wie Siemens mit 70 Milliarden Passiva ein reicher Konzern ist" - Passiva sind aber nicht gleich Schulden. wenn man über Wirtschaft schreibt, sollte man sie auch verstehen.

miauxx2000
00
17.6.2010, 03:52
Nicht wahr!

In der Kaufmannssprache sind Passiva schlichtweg "Schulden" (siehe Duden). Der Begriff wird hier doch ganz offensichtlich in diesem Sinn verwendet.
Bilanztechnisch umfassen die Passiva Eigenkapital, Verbindlichkeiten, Rückstellungen und passive Rechnungsabgrenzungsposten. Nachdem Amon lt. seiner Homepage einst im Brotberuf Leiter eines Rechnungswesens war, weiss er wohl sicher, wovon er hier spricht.

typograph
01
30.5.2010, 19:03

Bitte den Artikel (ohne Auslassungen) noch einmal gründlich lesen.

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