Pessimismus und Weltekel am Strand

28. Mai 2010, 19:15
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Am Donnerstag startete das Primavera-Festival - Neben Größen wie The Fall oder Pavement überzeugten vor allem die britischen Newcomer The xx

Der Hafen von Barcelona ist keine echte Schönheit, doch eine zarte Brise bei angenehmen Temperaturen im Sonnenschein macht ihn zusammen mit dutzenden Bands auf sechs Bühnen einmal jährlich zu einem Hot Spot für Musikliebhaber. Das Primavera-Festival ist eine wohltuende Ausnahme abseits des üblichen Festivalmainstreams.

Auch heuer. Bloß dass am Donnerstagabend, gegen Ende eines prächtig säuerlich dargebrachten Auftritts der britischen Schlechte-Laune-Institution The Fall um Mastermind Mark E. Smith tatsächlich schwarze Wolken den Himmel verdunkelten. Schade, aber toll. Denn nichts passte besser zum anschließenden Auftritt der jungen britischen Newcomerband The xx als Wolken und Nieselregen. Das Trio aus London spielt einen zeitgeistig-pessimistischen Minimal-Pop, der mit reduziertem Gitarrenspiel und einigen elektronischen Beats eine Weltsicht formuliert, in der Zukunftshoffnungen nur in Dunkelschwarz gemalt werden. Nicht "No Future" , sondern, noch ärger, eine ungewisse Zukunft als Bedrohungsszenario eines jungen Lebens. Live, vor sicher 10.000 Fans, unterstrich die Band dann ihren vertonten Skeptizismus so eindrücklich wie glaubwürdig.

So als wüssten sie, dass sie eigentlich keine Festivalband sind, schlichen sie auf die Bühne, um ihr natürlich titelloses Debütalbum, das im Vorjahr für Aufsehen gesorgt hatte, live zu spielen. Romy Madley Croft, natürlich in Schwarz, die pummelige Sängerin mit strengem Seitenscheitel und schmalen Lippen, entkam zwar hin und wieder ein unsicheres Lächeln angesichts des enormen Zuspruchs, den The xx erfuhren, für Lebensfreude war auf dieser Bühne dennoch kein Platz.

Strenge Kammer am Strand. Stumpfe Beats wie aus einem mit Hausarrest und Fernsehverbot belegten Jugendzimmer, dazu pochte der Bass wie der Puls eines herzkranken Wesens, während die Sängerin visionslose Zweizeiler ins Mikro hauchte und dazu die Gitarre zupfte. Teenage-Angst für immer! Niemand braucht im Moment weniger Noten, um derartige Wirkung zu erzielen.

Ebenfalls minimalistisch, aber mit eher kapriziöserem Gestus trat später die britische Band Wild Beasts an und übertrug ihren Dance-Pop mit Hang zum Pathos in eine mitreißende Show, die von den falsettierten Kicksern ihres Frontmanns Hayden Thorpe ebenso Herzblut bezog wie vom treibenden Klicke-di-Klack-Schlagzeugspiel. Auch hier: etwas Weltekel und lieber eine verklärte Vergangenheit als eine unsichere Zukunft. (Karl Fluch aus Barcelona, DER STANDARD/Printausgabe, 29./30.05.2010)

  • The xx überzeugten in Barcelona mit ihrem Minimal-Pop.
    foto: primavera

    The xx überzeugten in Barcelona mit ihrem Minimal-Pop.

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