Lesen und Leben als poetischer Akt

28. Mai 2010, 19:12
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Halbzeit beim dritten Literaturfest Salzburg

Salzburg - Für H. C. Artmann gab es einen unangreifbaren Satz, nämlich "dass man Dichter sein kann, ohne auch irgend jemals ein Wort geschrieben (...) zu haben. Vorbedingung ist aber der mehr oder minder gefühlte Wunsch, poetisch handeln zu wollen." Und "Stoff gibt es genug, um für immer zu schweigen" , heißt es bei Franz Dodel, der gerade deswegen, so wie Artmann es tat, weiterschreibt. Dodel war es dann auch, der mit einer Lesung aus seinem Mega-Lyrikprojekt, dem Endlos-Haiku Nicht bei Trost (Teile davon wurden in der Wiener Edition Korrespondenzen publiziert), das Literaturfest Salzburg eröffnete.

Kunst und Literatur - wenn sie gut ist - haben immer mit einer besonderen Sicht auf die Welt zu tun, die das Verborgene wahrnimmt, die Erinnerung an das Verlorene wachhält und zuweilen trotz des Lebenschaos auf Schönheit und Stimmigkeit setzt. Stimmig waren auch die ersten zwei Tage des dritten Literaturfestes Salzburg. So zeigte etwa Georg Klein mit einer beeindruckenden Lesung aus seinem Roman unserer Kindheit, dass Literatur durchaus etwas mit Körperlichkeit zu tun hat. Erika Pluhar las aus ihrem "späten Tagebuch" , Ludwig Laher aus seinem Roman Einleben über eine Mutter und ihr Kind, bei dem das Down-Syndrom diagnostiziert wurde, und Paulus Hochgatterer, Monika Helfer, Georg Klein und Ludwig Laher diskutierten über "Kindheit in der Literatur" .

Mit Spannung wurden auch die Freitagabend-Lesungen von André Heller, der Artmanns Dialektgedichte vortrug, und Urs Widmer erwartet, der in seinem Herr Adamson einen rüstigen 94-Jährigen über die Schrecken der Vergänglichkeit nachdenken lässt, der die hundert Meter noch immer in "zehn Komma null. Minuten halt, nicht Sekunden" läuft. Weiters stellten Andrea Winkler und Anne Weber ihre neuen Bücher vor. Die Stimmung bei den gut besuchten, in Hotels, Theatern und der Universitätsaula stattfindenden Veranstaltungen ist angenehm entspannt und doch konzentriert. Obwohl Autoren wie Stefan Zweig, Georg Trakl, Artmann, Thomas Bernhard, Peter Handke, Kathrin Röggla, Karl-Markus Gauß, Bettina Balàka und Walter Kappacher mit Salzburg verbunden sind, hatte man bisher trotz der nachhaltigen Arbeit des hiesigen Literaturhauses den Eindruck, die Literatur werde eher stiefmütterlich behandelt. Der Schuh, den sie in der Tür der musiklastigen kulturellen Jahresplanung der Stadt hat, dürfte mit diesem Literaturfest wesentlich breiter sein.

Samstag und Sonntag werden Kathrin Röggla, Reinhard Kaiser mit seiner Neuübertragung von Grimmelshausens Simplicissimus, Alissa Walser, der große Harry Rowohlt, Ulrike Draesner, Ursula Krechel und Daniela Danz beim Literaturfest lesen. (Stefan Gmünder, DER STANDARD/Printausgabe, 29./30.05.2010)

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