Aufgeraute Strahlkraft

28. Mai 2010, 19:10
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Das Pittsburgh Symphony Orchestra

Wien - Amerikanische Orchester spielen mit größter Perfektion, dafür aber immer ein wenig unterkühlt. So will es ein beliebtes Vorurteil, das anscheinend nicht aus der Alten Welt zu schaffen ist, obwohl auch in Europa - zuletzt etwa vom Cleveland Orchestra mit Franz Welser-Möst - mehrfach der Gegenbeweis zu dieser bequemen, eindimensionalen Schubladisierung erbracht wurde.

Dass in jedem Klischee ein Körnchen Wahrheit, ein gerüttelt Maß Übertreibung sowie eine ordentliche Portion Ungerechtigkeit stecken, zeigte auch das Pittsburgh Symphony Orchestra, das sich bei seinem Wien-Gastspiel als diszipliniert, dabei aber weder seelenlos noch makellos erwies.

Authentischer Mahler-Ton

Zwar schien der unbestreitbare Höhepunkt der beiden Abende im Musikverein, Gustav Mahlers 1. Symphonie, am Donnerstag von einem anderen Planeten zu kommen, wenn man daran dachte, wie hiesige Orchester dabei klingen.

Dennoch: Die Brüchigkeit, Derbheit - wie im zweiten Satz - und die aufgeraute, nie penetrante Strahlkraft, mit der die Musiker zu Werke gingen, führten zu einem authentischeren Mahler-Ton als manches, was heimische Formationen zuwege bringen. Manfred Honeck, Chef der Amerikaner und zugleich an prominenten Positionen in Stuttgart und Prag, hatte bereits am Vorabend Schostakowitschs 5. Symphonie in die Nähe Mahlers gerückt und mit Verve das Trügerische an deren triumphalem Schluss verdeutlicht.

Dass es bei aller Fulminanz nie oberflächlich klang, verdankte sich höchster Klangbalance, so sehr das kernige Blech auch donnerte. Allerdings gibt es bei Pittsburgh auch keineswegs unfehlbare Holzbläser, vor allem, wenn es um die Kunst der Phrasierung und des punktgenauen Atmens geht.

Beim zweiten Termin war dies zunächst vernachlässigbar. Denn Anne-Sophie Mutter gab Brahms' Violinkonzert mit so aufgesetztem Pathos, so viel rhythmischer Freiheit, dass es stellenweise nicht wiederzuerkennen war - und mit deutlichen Intonationsschwierigkeiten.

Interessanterweise gelang dem Orchester dabei das Kunststück, den Launen der Solistin zu folgen, besser, als in sich stimmig zu agieren. Auch Emanuel Ax hatte sich am Vortag bei seiner kräftig zupackenden Wiedergabe von Beethovens 5. Klavierkonzert diesbezüglich sicher fühlen können. Mit etlichen Zugaben von Solisten und Orchester gerieten beide Abende, besonders für Honeck, den ehemaligen Wiener Philharmoniker, zu einem veritablen Triumph. (Daniel Ender, DER STANDARD/Printausgabe, 29./30.05.2010)

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