Grammatik mit Fingerspitzengefühl

28. Mai 2010, 19:08
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In einem Wiener Kindergarten werden gehörlose und hörende Kinder gemeinsam betreut - Verständigungsprobleme gibt es keine

Wien - Marwin macht die Gebärde für "Elefant", Valentina für "Bär" und Patrick gebärdet "Frosch". Im städtischen Kindergarten in der Gussenbauergasse haben alle auch einen Gebärdennamen. In bunten Bilderrahmen hängen die Fotos der Kleinen an der Wand neben dem Gruppenraum. Drinnen jausnen die Kinder gerade mit Janina, der gehörlosen Assistentin, es gibt Äpfel, Topfenaufstrich und Reiswaffeln. "Wollt ihr auch Saft?", fragt Janina in Gebärdensprache. Dominik mit dem blitzblauen Hörgerät schnappt sich ein Glas, trinkt und saust wieder zu seinen Freunden.

Der Kindergarten im 9. Bezirk ist der erste der Stadt Wien, in dem gehörlose Kinder gemeinsam mit gehörbeeinträchtigten und hörenden betreut werden. Insgesamt 13 Integrationskinder gibt es in den beiden Gruppen. Alle Räume sind barrierefrei, was im Fall von Gehörlosen bedeutet, dass Besucher bereits an der Eingangstür von einem kleinen Schild begrüßt werden, auf dem ein Bub zu sehen ist, der in Gebärdensprache "Guten Tag!" sagt.

Karin hat mittlerweile begonnen, mit ein paar Kindern Memory zu spielen. John-Christopher, von allen JC genannt, ist auf den Schoß der 27-Jährigen geklettert und dreht gemeinsam mit ihr die Karten um. Als das Bild einer Lokomotive auftaucht, machen beide die Gebärde für "Zug" . Karin Lang ist die erste gehörbeeinträchtigte Kindergartenpädagogin in Österreich. "Komm, setz dich zu uns", gebärdet sie in die Richtung von Dominik, "wir haben schon mit dem Spiel begonnen."

Alle Betreuerinnen und Assistentinnen im Kindergarten beherrschen die Gebärdensprache. Die hörenden Kinder müssen die Gebärdensprache nicht lernen, wie in jedem zweisprachigen Umfeld ist die Verständigung aber bald kein Problem mehr. "In Österreich gibt es viel zu wenige gehörlose Pädagogen", sagt Doris Hofmeister. Sie ist Psychologin und kommt jede Woche ein- bis zweimal in den Kindergarten. Es ist noch nicht lange her, dass gehörlose Kinder automatisch in die Sonderschule gehen mussten.

Andere Grammatik

Die Gebärdensprache ist in Österreich erst seit 2005 als eigene Sprache anerkannt. Sie hat eine andere Grammatik - das Verb steht am Schluss, und es existiert keine eigene Vergangenheitsform. Aber es gibt wie bei der Lautsprache regionale Färbungen. "Einen Vorarlberger oder Steirer erkennt man gleich", erzählt Hofmeister. In Österreich leben rund 450.000 Hörgeschädigte, 9000 davon sind gehörlos.

Bis weit in die 1970er-Jahre wurde gehörlosen Kindern meist verboten, die Gebärdensprache zu verwenden. Als oberstes Ziel galt, ihnen das Sprechen beizubringen. Nur langsam schwindet das Vorurteil, dass die Gebärdensprache den Erwerb der Lautsprache behindern würde. "Bei Kindern, die ins Lycée oder in die International School gehen, hat niemand Bedenken, dass eine Sprache die zweite verhindert", sagt Hofmeister. Ebenso wenig würde das bei der Gebärdensprache passieren. Studien haben gezeigt, dass Kinder bereits viel früher in Gebärdensprache kommunizieren können als in der Lautsprache. Es gibt Filmaufnahmen, auf denen ein acht Monate altes Mädchen seiner Mutter mit der Gebärde für Buch sagt, dass sie mit ihm ein Bilderbuch anschauen soll.

Alexandra Moudry und ihre Kolleginnen haben für die Kinder eigene Gebärdenkinderbücher gestaltet. Bei Laterne, Laterne, Sonne Mond und Sterne ist neben jedem Wort ein Foto, auf dem eines der Kinder den Begriff gebärdet. Daneben steht das Wort geschrieben. "Wir schauen, dass die Kinder auch früh das Gebärdenalphabet lernen", sagt Moudry.

Am Spieltisch im Gruppenraum geht mittlerweile Memory in die zweite Runde. Dominik und JC sind noch immer eifrig dabei, die zweite passende Karte zu finden. Karin Lang zeigt auf das Bild eines Hasen, die Buben machen die Gebärde - die Hände neben dem Kopf symbolisieren die Hasenohren. Auf der nächsten Memory-Karte ist eine Puppe zu sehen.

Frauen wie Karin Lang sind wichtige Role-Models. Nicht nur für die Kinder selbst, sondern vor allem für deren Mütter und Väter. "Die Eltern", sagt Doris Hofmeister, "können an ihrem Beispiel sehen, "dass ihre gehörlosen Kinder einmal beruflich erfolgreich sein können."  (Bettina Fernsebner-Kokert/STANDARD Printausgabe, 29.05.2010)

  • John-Christopher hat beim Memory-Spielen die Karte umgedreht, auf der ein Zug zu sehen ist. Gemeinsam mit der Kindergartenpädagogin Karin Lang macht er die entsprechende Gebärde.
    foto: standard/urban

    John-Christopher hat beim Memory-Spielen die Karte umgedreht, auf der ein Zug zu sehen ist. Gemeinsam mit der Kindergartenpädagogin Karin Lang macht er die entsprechende Gebärde.

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