Obama vor Ort - BP spricht erstmals von "Umweltkatastrophe"

28. Mai 2010, 19:19
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Der US-Präsident reiste am Freitag ein zweites Mal in die von der Ölpest betroffene Region - BP hat erstmals eingeräumt, dass es sich um eine Umweltkatastrophe und keine "moderate Umweltverschmutzung" handelt

Billy Nungesser hat lange gewartet, dass Hilfe kommt. Jetzt handelt er auf eigene Faust. Er wird im Meer einen Wall aufschütten lassen, eine Barriere, die das Öl stoppen soll. Ob sie ihren Zweck erfüllt oder die schmierige Masse nicht einfach umlenkt in andere Buchten, darin sind sich die Wissenschaftler keineswegs einig.

Billy Nungesser, dem Landrat von Plaquemines Parish, dem Kreis, der den Ostteil des Mississippi-Deltas umfasst, ist es herzlich egal. Seit zwei Wochen liegt er dem Weißen Haus in den Ohren mit seinem Plan. Er fühlt sich im Stich gelassen. "Ich glaube nicht, dass der Präsident weiß, wie die Lage hier unten ist" , sagt der Lokalpolitiker mit der Leibesfülle eines Sumo-Ringers. "Ich glaube, es gibt einen Block zwischen ihm und der Realität." Schuld daran sei Thad Allen, der phlegmatische Kommandeur der Küstenwache, der die Lage schönfärbe. Während Nungesser ihn eine "nationale Peinlichkeit" schimpft, hofft er darauf, dass ein hochintelligenter Mensch wie Obama den Ernst der Lage begreift, sobald er sich selbst ein Bild machen kann.

Obama vor Ort

Am Freitag traf Obama an der betroffenen Küste ein. Er besuchte einen bedrohten Strandabschnitt und sprach mit Allen sowie mit dem Gouverneur von Louisiana, Bobby Jindal. Seinem Vorgänger George W. Bush war nach dem Hurrikan Katrina der Vorwurf gemacht worden, im Elfenbeinturm zu sitzen und nicht zu wissen, wie es vor Ort aussieht. Bush wirkte hilflos, und desinteressiert. Heute drängt sich aus der Golfküstenperspektive der Eindruck auf, dass Obamas Krisenmanagement nicht viel besser funktioniert.

53 Prozent der US-Bürger bescheinigen Obama laut Gallup-Umfrage, seinen Krisenjob entweder schlecht oder sehr schlecht zu machen. James Carville, ein Parteistratege der Demokraten, zu Hause in New Orleans, nimmt kein Blatt vor den Mund. "Der Präsident wirkt einfach so, als sei er nicht involviert."

Obamas Krisenmission am Golf ist vor allem Schadensbegrenzung. Wohlwollende legen ihm ans Herz, er solle endlich zeigen, dass er die Existenzängste der Fischer versteht. Wenn er schon nicht viel ausrichten könne gegen die Ölpest, müsse er zumindest Mitgefühl zeigen und aufhören mit dem "blame game" , dem Spiel der Schuldzuweisungen.

Es vergeht kaum ein Tag, an dem Obamas Innenminister dieses Spiel nicht betreibt. "Wir treten BP mit dem Stiefel in den Nacken" , tönt Ken Salazar in markiger Cowboysprache und droht damit, den Ölmännern die Verantwortung für die Krisenoperation zu entziehen. Vor dem Kongress musste er indes einräumen, dass die Administration gar nicht die Kapazitäten besitzt, um BP zu ersetzen. Es gibt keine Unterseeroboter, keine Schlammkanonen, die Washington schicken könnte.

"Ich habe mich geirrt"

Am Donnerstag schlug Obama vor der Presse selbstkritische Töne an: "Ich habe mich geirrt." Er habe geglaubt, die Konzerne seien auf den schlimmsten Fall vorbereitet. Nur deshalb habe er im April grünes Licht für den Ausbau der Offshore-Förderung gegeben. Zweitens sei sein Team nicht schnell genug darangegangen, die korrupte Aufsichtsbehörde der Ölindustrie umzukrempeln. Die Rede ist von Beamten, die sich zu Jagdausflügen und Trinkgelagen einladen und der Branche dafür so gut wie alles durchgehen ließen. Die Direktorin der Mineralienbehörde, Elizabeth Birnbaum, nahm jetzt ihren Hut.

Drittens habe er sich geirrt, als er BP die untertriebenen Zahlen abnahm, dass angeblich 800.000 Liter pro Tag aus dem defekten Bohrloch sprudelten. Laut Geologischem Dienst der USA sind es zwei bis vier Millionen Liter.

Am Freitag hieß es von BP, es trete nun weniger Öl aus. Es werde aber frühestens am Sonntag klar sein, ob die Top-Kill-Methode mit dem Einspritzen von Schlamm erfolgreich sei. (Frank Herrmann aus Washington/DER STANDARD-Printausgabe, 29.5.2010)

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    Obama reiste zum zweiten Mal in den Golf von Mexiko. Die US-Regierung wird angesichts der Ölpest vielfach kritisiert.

  • BP-Vorstandsvorsitzender Tony Hayward hat erstmals offiziell eingeräumt, dass es sich bei den Folgen der nach einer Explosion gesunkenen Ölplattform "Deepwater Horizon" im Golf von Mexiko um eine Umweltkatastrophe handelt. In den vergangenen Wochen hat er lediglich von einer "moderaten Umweltverschmutzung" gesprochen.
    foto: epa/daniel beltra

    BP-Vorstandsvorsitzender Tony Hayward hat erstmals offiziell eingeräumt, dass es sich bei den Folgen der nach einer Explosion gesunkenen Ölplattform "Deepwater Horizon" im Golf von Mexiko um eine Umweltkatastrophe handelt. In den vergangenen Wochen hat er lediglich von einer "moderaten Umweltverschmutzung" gesprochen.

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