Beutestücke im filmischen Wien-Fluss

28. Mai 2010, 18:51
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Die Ausstellung im Wien-Museum spürt dem Bedeutungswandel der Hauptstadt im heimischen Kino nach - und bedient sich dabei auch dessen Mitteln

Wien - Wenn sich Wien wie in Geißel des Fleischs (1965) zu Jazzklängen in gleißendes Lichtzucken verwandelt und für ein dahingleitendes Kameraauge fast so aussieht wie eine Autofahrt über den Neon-Strip in Las Vegas, dann weiß man: Man ist im Sehnsuchtsraum des Kinos, wo Wien nicht im realen Grau der 1960er-Jahre erscheint, sondern in den imaginären Farben des Films.

Der Raum ist ein Ort, mit dem man etwas macht, lautet die Raumtheorie seit Michel de Certeau. Die filmische Inszenierung des Städtischen, wie in der Ausstellung Wien im Film im Wien-Museum, belegt diesen Hinweis auf die Gemachtheit urbaner Situationen äußerst eindrucksvoll. Zum einen werden die kurzen Ausschnitte aus 80 teilweise internationalen Spiel- und einer Handvoll Experimentalfilmen über das seit 100 Jahren existierende Filmset "Wien" zu einem Parcour für den musealen Flaneur verdichtet - in einer wohltuend reduzierten Dramaturgie aus Wand- und hängenden Projektionsflächen.

Wien spielt sich selbst

Zum anderen werden die von den Kuratoren Michael Loebenstein, Christian Dewald und Werner Michael Schwarz sorgsam herauspräparierten Erfahrungsräume neu umgeschnitten und zu einer filmartigen Reflexion über Traum und Wirklichkeit einer Stadt montiert. Wien erweist sich daher in den insgesamt drei Stunden langen Clips (ähnlich wie in dem fast gleich langen Filmessay Los Angeles Plays Itself von Thom Andersen) als extrem wandelbar. Die Ausstellung entfaltet sich in acht Kapiteln, die auf Untersuchungsmethoden aus dem Film wie Tempo oder Lichteinsatz und auf Anleihen aus der Soziologie, der Urbanistik und der Mentalitätsgeschichte basieren.

Beim Sound gelingt es, durch die Variation zwischen Raumbeschallungen und Kopfhörerangeboten, die Intimität von Dialogszenen mit der dezenten Wahrnehmung des Hintergrundrauschens der Stadt zu vermitteln.

Die audiovisuellen Stationen fungieren eher als Erkundungsvorschläge denn als kuratorische Festlegungen: Wien wird zum Wien-Fluss, erscheint häufig als walzerseliges Beutestück imperialer Träume, als idyllisierte Kulisse für touristische Blicke und als erotischer Ort der Verführung des süßen Wiener Vorstadtmädels durch den Offizier - in einer Zeit, als Wien noch Zentrum einer international maßgeblichen Filmindustrie war. Später wandeln sich die Bilder, analog zum Bedeutungswandel der Stadt im Kalten Krieg, und künden nicht nur in The Third Man von US-amerikanischen Einflüssen und einer vom Avantgardefilm beförderten Neubetrachtung der Risse im Selbstverständnis der Stadt. Nichtrepräsentative urbane Szenerien jenseits von Prater und Steffl rücken zunehmend in den Blick.

Multikulturelle Metropole

Nach der Lust am Strizzimilieu (Exit - nur keine Panik) und an sozialer Tristesse (von Hundstage bis Slumming) scheint der Spielfilm Wien nun mehr und mehr als multikulturelle Metropole zu begreifen. Jugofilm (1997) von Goran Rebic findet dafür ein eigenartig entrücktes, zugleich wirklichkeitsgesättigtes Bild: Während die Kamera über die Dächer streift, sitzt die Hauptfigur, ein Heimkehrer aus dem Jugoslawienkrieg, freischwebend und doch vom Absturz bedroht, auf der Außenmauer des Flakturms.

Diese Transformation deutet schon Before Sunrise von Richard Linklater (1995) an, der von der Begegnung zweier Menschen erzählt. Die ausgewählte Schlussszene kehrt bei Tageslicht nochmals zu den nächtlichen Orten der Liebe zurück. Sie zeigt das Beliebige an ihnen, rettet sie aber gleichzeitig als Orte der Erinnerung für den Film; genauso wie das Museum seine Quellen, in diesem Fall die Filmausschnitte, vor dem Vergessen bewahrt und neu sichtet. (Thomas Edlinger, DER STANDARD/Printausgabe, 29./30.05.2010)

Bis 19. September

  • Wien als wenig glamouröser Hauptdarsteller: Peter Patzaks Spielfilm-Variante von "Kottan ermittelt", "Den Tüchtigen gehört die Welt" aus dem Jahr 1982.
    foto: filmarchiv

    Wien als wenig glamouröser Hauptdarsteller: Peter Patzaks Spielfilm-Variante von "Kottan ermittelt", "Den Tüchtigen gehört die Welt" aus dem Jahr 1982.

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