Strahlemann wird interviewt

28. Mai 2010, 18:32
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"Das große Interview des Strahlemanns" vulgo "Teflon-Manns", mit dem "News" neulich die PR-Woche für Karl-Heinz Grasser einläutete, ermunterte einige andere Blätter

Das große Interview des Strahlemanns vulgo Teflon-Manns, mit dem "News" neulich die PR-Woche für Karl-Heinz Grasser einläutete, ermunterte einige andere Blätter, aus demselben Born ökonomischer Weisheit zu schlürfen. Schließlich sollen die Verdienste des besten Finanzministers aller Zeiten und international begehrten Wirtschaftsgurus nicht völlig unter dem Scheffel von Meischis Trauzeugenschaft verschwinden. Für das "WirtschaftsBlatt" wechselte der einstige Sonnyboy der Innenpolitik ("News") aus dem blitzblauen Anzug in graues Tuch und die Attitüde des verfolgten Polit-Quereinsteigers, obwohl er doch aus der Politik dank Andreas Khol längst ebenso quer ausgestiegen, wie er zuvor von Wolfgang Schüssels Gnaden eingestiegen ist.

Emotionaler als gewohnt war Karl-Heinz Grasser beim Interview mit dem WirtschaftsBlatt am Dienstag, indem leider offenblieb, welchen Grad an Grasser'scher Emotionalität Mitarbeiter dieser Zeitung gewohnt sind. Er fühlt sich - im Zusammenhang mit Affären wie der Buwog - zu Unrecht beschuldigt; er werde als Polit-Quereinsteiger einfach anders behandelt, wobei wieder offenblieb, anders als wer? Schließlich stellte sich die versprochene Emotion bei einem anderen Thema ein. Emotional wurde der früher immer coole Ex-Finanzminister aber besonders beim Thema Griechenland und Euro-Rettungspaket.

Ähnlich emotional wurde der coole Ex-Finanzminister - wie war er eigentlich als Finanzminister? - einen Tag später, als "Österreich" die Schmach bisheriger Grasserlosigkeit mit einem Interview zum Thema Griechenland zu tilgen und das "WirtschaftsBlatt" mit dem Aufmacher Grasser: ,Euro in höchster Gefahr!' zu übertrumpfen bemüht war. Dort hatte Grasser mit seiner ganzen ökonomischen Autorität festgestellt: "Eine geordnete Staatspleite Griechenlands ist der einzige Weg". Ein Vorschlag, den er in der Ägäis folgendermaßen unter die Leute gebracht hätte: Ich hätte gesagt: Liebe (griechische) Freunde, ihr verhandelt einen Schuldennachlass mit euren Gläubigern und ihr scheidet aus der Eurozone aus.

In "Österreich" las sich das so: Die einzige Lösung für Griechenland wäre eine geordnete Staatspleite. Ich hätte den Griechen gesagt: Liebe Freunde, Ihr habt euch reingeschwindelt in die Währungsunion, habt jahrelang über eure Verhältnisse gelebt - jetzt bleiben nur Verhandlungen über Schuldennachlass, also eine Umschuldung, und das Verlassen er Eurozone.

Der Erkenntniswert der beiden Interviews bestand nicht nur darin, dass der Sonnyboy in Griechenland scharenweise liebe Freunde haben muss. Auch seine Landsleute kommen nicht zu kurz. "Es ärgert mich, dass der kleine Mann für die Griechen zahlen muss", ließ er im "WirtschaftsBlatt" seinen Emotionen freien Lauf. Und in "Österreich" nicht weniger: Ja, und das ärgert mich enorm. Erstens ist das Problem nicht gelöst. Und zweitens muss jetzt der kleine Mann die Rechnung zahlen.

Um die Banken machte er sich weniger Sorgen. In Österreich würde ein 50-prozentiger Schuldenverzicht für Griechenland die Banken rund 2,5 Milliarden € kosten. Das ist tragbar, fand er im "WirtschaftsBlatt", was in "Österreich" als Echo so erschien: Bei einem 50-prozentigen Schuldenverzicht wären das 2,5 Mrd. Das halte ich für verkraftbar.

Eine bange Frage warf das "WirtschaftsBlatt" auf: Wird die Wirtschafts- und Währungsunion das alles überleben? "Österreich" hingegen fragte knapper: Überlebt der Euro? Darauf die bescheidene Antwort im ersten Blatt: Seriös kann man das nicht sagen, ich hoffe aber natürlich schon. Und nicht weniger bescheiden bei Fellner: Ich glaube nicht, dass man das heute seriös sagen kann. Ich hoffe es sehr.

Einen originelleren Weg journalistischer Krisenbewältigung ging der "Kurier". Er interviewte einen Wirtschaftspsychologen, der mit Sicherheit wusste: "Das ist eine Männerkrise". Denn die Verdrängung des Sterbens ist laut Othmar Hill die Ursache des verhängnisvollen Kapitalismus, und wenn da nicht Ursache und Wirkung verwechselt werden, steht doch fest, der wird vorwiegend von männlichen Managern und Politikern getragen. Damit sind die hiesigen Frauen aber nicht aus dem Schneider. Ihnen kann man nur vorwerfen, dass sie nicht laut genug dagegen aufgetreten sind. Wenn ich höre, wie Türkinnen und Ukrainerinnen in Management-Seminaren reden, da bleibt Männern die Spucke weg. Leider nur im Seminar. (Günter Traxler, DER STANDARD; Printausgabe, 29./30.5.2010)

  • Bild nicht mehr verfügbar

    Karl-Heinz Grasser.

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