"Frauentag ist scheinheilig"

28. Mai 2010, 18:07
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Sozialexperte Mazal greift Politik der Sozialpartner an

Wien - Wolfgang Mazal kann die salbungsvollen Worte für Gleichberechtigung nicht mehr hören. "Anlässe wie der Frauentag werden allmählich scheinheilig" , sagt der Sozialrechtsexperte: "Am 8. März drücken alle auf die Tränendrüse. Am Tag danach werden Regelungen beschlossen, die den Pay-Gap zwischen Männern und Frauen zementieren."

"Mittelbare Frauendiskriminierung" wirft Mazal etwa den Sozialpartnern vor, die Kollektivverträge fixieren, die für zusätzliche Dienstjahre automatische Gehaltssprünge vorsehen. "Frauen, die für Familienarbeit ein paar Jahre aus dem Erwerbsleben aussteigen, holen den Rückstand nie wieder auf", sagt er, "das zieht sich durch bis zu niedrigeren Pensionen." Um dies zu ändern, sollten - wie im öffentlichen Dienst - Kinderbetreuungszeiten angerechnet und die Gehaltskurven verändert werden. Mazal plädiert für starke Steigerungen in jungen Jahren zulasten der Zuwächse im Alter.

Ein "Ärgernis" nennt Mazal auch die Praxis, Gehälter und Löhne jährlich um einen pauschalen Prozentsatz zu erhöhen. Die Besserverdiener - also grosso modo die Männer - zögen dadurch immer weiter davon. Steigerungen um Fixbeträge könnten die Kluft kleiner halten, "doch die Vertreter von Arbeitgebern und Arbeitnehmern blockieren den Wandel", kritisiert er: "Kollektivverträge werden halt hauptsächlich von Männern um die 50 ausgehandelt."

Für wirkungslos hält Mazal den Plan von Frauenministerin Gabriele Heinisch-Hosek, Firmen Durchschnittsgehälter offenlegen zu lassen. Das sei wenig aussagekräftig und ließe Spielraum für Tricksereien. Das Gesetz biete schon jetzt viel schärfere Waffen gegen Unterbezahlung: Betriebsräte haben Einblick in Gehaltslisten und könnten bei Diskriminierungen Verfahren einleiten. Der Unternehmer habe dann zu beweisen, dass ein "Pay-Gap" sachlich gerechtfertigt ist, die Arbeitnehmer hätten umfassenden Kündigungsschutz. Mazal: "Ich verstehe nicht, warum Betriebsräte diese Möglichkeit kaum nützen."

Weil sich Betroffene trotz aller rechtlichen Garantien vorm Arbeitgeber fürchten? "Für seine Rechte zu kämpfen, ist nie angenehm", sagt Mazal: "Aber wenn unsere Altvorderen auch so zaghaft gewesen wären, gäbe es gar keinen Arbeitnehmerschutz." (Gerald John, DER STANDARD/Printausgabe 29./30.5.2010)

 

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