Aufgetaute Fernsehwelt

28. Mai 2010, 17:57
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Mittels Recycling die TV-Vergangenheit zur Gegenwart zu erheben, ist ja offenbar ein Konzept, das funktioniert

Gar seltsam ist die Zeit! Man sieht sie nicht verstreichen, und doch vergeht sie immerzu, macht Furchen ins Gesicht, und plötzlich erscheint, was gerade noch nah war, ziemlich fern und alt und fremd. Diese schmerzhafte Erfahrung, die man auch Älterwerden nennen könnte, will niemand haben. Da helfen Sender wie Austria 9, sie versuchen mit alten Serien nicht weniger, als für uns die Zeit zurückzudrehen.

Da erreicht uns etwa eine Meldung, wonach "Austria 9 mit der ersten Episode der "neuen" Krimi-Serie "Petrocelli" einen schönen Marktanteil erzielt habe. Mit dem alten Petrocelli! Es waren doch die 1970er-Jahre, als die US-Anwaltsserie (produziert auch nur kurz, zwischen 1974 bis 1976) das zerfurcht-sympathische Gesicht des Mimen Barry Newman präsentierte. Das alte Knautschgesicht allerdings als "neue Serie" ? Wäre schön, sie als solche empfinden, oder sie wenigstens bewusst als alte Serienmumie genießen zu können. Gelingt jedoch nur mit erheblicher Verdrängung von inzwischen gemachten TV- und sonstigen Erfahrungen. Wir wollen jedoch nicht verallgemeinern!

Mittels Recycling die TV-Vergangenheit zur Gegenwart zu erheben, ist ja offenbar ein Konzept, das funktioniert. Es lebt der Austria-Sender ja immerhin schon eine gewisse Weile. Und dies trotz eines Umfelds, das nicht wenig rückwärtsgewandte Konkurrenz (Kabel eins, Das Vierte) im Angebot hat. Aus aktuellem Anlass sei auch der offenbar unsterbliche Song Contest erwähnt. Auch dort siegt oft Musik, die es seit den 70ern eigentlich nicht mehr gibt. (Ljubiša Tošić, DER STANDARD; Printausgabe, 29./30.5.2010)

  • "Petrocelli" auf Austria 9.
    foto: austria 9

    "Petrocelli" auf Austria 9.

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