Ein rotes Land mit schwarzen Flecken

28. Mai 2010, 19:37
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Die Wahl im Burgenland kann als erste der drei heurigen Wahlgänge neben der Steiermark und Wien als Signal gewertet werden

Wenn Hans Niessl seinen Sechziger feiert - das wird am 12. Juni des nächsten Jahres der Fall sein - dann will er, no na, immer noch der Landeshauptmann des Burgenlandes sein. Sollte ihm das jetzt am Sonntag gelingen, dann wird er sich vorzubereiten haben auf einen anderen, noch wichtigeren Geburtstag: Im Dezember 2011 feiert nämlich das ganze Burgenland seinen Neunziger.

Bis dahin werden die Wunden des Wahlkampfes, der mit einer fürs Burgenland eher unüblichen Schärfe - um nicht zu sagen: Tiefe - geführt wurde, halbwegs wieder verheilt sein. Und man wird sich einem ausgiebigen Rückblick widmen können, in dem dann viel von Erfolgsgeschichte, Aufholprozess und Normalisierung die Rede sein wird.

Mit Österreich verbunden

Mit einigem faktischen Recht, wobei im historischen Rückblick die Eingangsfeststellung der Landeshymne am erstaunlichen ist. Nach tausendjähriger, unbestrittener Zugehörigkeit zum Königreich Ungarn singen die Burgenländer nun, ebenso unbestritten:"Mein Heimatvolk, mein Heimatland, mit Österreich verbunden."

In manchem waren die Burgenländer durchaus Vorreiter. Hier wurde erstmals ein Bundesland umgefärbt. 1964 wechselte der Landeshauptmann von schwarz auf rot. Dabei ist es bis heute geblieben, selbst die schwärzesten Schwarzen rechnen nicht damit, dass am Sonntag die SPÖ nicht die stärkste Partei wird.

Worum es am Sonntag geht - und das hat etwas durchaus typisch Burgenländisches -, sind ein paar tausend Stimmen. Diese aber könnten die Republik - nein, nicht verändern, aber immerhin bewegen. Ein paar tausend Stimmen werden wohl darüber entscheiden, ob die SPÖ ihre Absolute behalten kann - und damit Bundeskanzler Faymann den ersehnten klaren Wahlerfolg beschert oder nicht.

Österreichbewegend

Andererseits können ein paar tausend Stimmen weniger für die ÖVP zum Verlust des 13. Mandats und damit der Verfassungsgesetz-Sperrminorität führen. Und dann ist die Wahrscheinlichkeit sehr hoch, dass die Schwarzen mit einer dadurch ermöglichten Änderung des Proporzsystems auch aus der Landesregierung fliegen. Ein mögliches Debakel auch für Josef Pröll.

Es sind aber auch bloß ein paar tausend Stimmen, die Grün oder Blau für die großen Herbstwahlgänge in der Steiermark und Wien mit Rücken- oder Gegenwind versorgen können. Und ein paar tausend Stimmen entscheiden, ob mit der Liste Burgenland die Karten im Landtag überhaupt neu gemischt werden.

Insgesamt entscheiden am Sonntag ja bloß 248.712 Wahlberechtigte - 127.885 Frauen und 120.827 Männer - über die Zusammensetzung des 36-köpfigen Landtages.

Schon am Donnerstagabend haben die Parteien ihre diesbezüglichen Schlussveranstaltungen abgehalten. Bis Sonntag wird freilich noch ordentlich gelaufen. Denn das ist wohl auch etwas nicht untypisch Burgenländisches: Wahlkampf heißt da nicht, große Reden zu schwingen, sondern von Haus zu Haus rennen, sich den Leuten leibhaftig zu zeigen und dabei so zu tun, als sei das das Selbstverständlichste der Welt.

Und im Grunde ist es das ja auch. Die Zeiten, in denen die Spitzenpolitiker noch aus eigenem Antrieb echtes Sitzfleisch hatten bis spät in den Abend hinein, sind zwar auch hier vorbei. Aber so, dass man die politischen Protagonisten ausschließlich übers Fernsehen und die Zeitungen kennt, ist es nicht. Was unter anderem auch dazu führt - wenn auch in zunehmend abgeschwächter Weise -, dass die Menschen sich im Grunde selber ein Bild machen, Kronen Zeitung hin, Kronen Zeitung her.

Ein Blick auf die Landkarte zeigt, dass das Burgenland schon längst kein Agrarland mehr ist. Ein Land der Dörfer freilich ist es allemal noch.

Und auf dieser Ebene - von Dorf zu Dorf - funktioniert auch die wohl größte Herausforderung des jungen Landes, das im nächsten Jahr erst seinen Neunziger feiert: nämlich sich der eigenen Geschichte innezuwerden und das Gewicht der tausend ungarischen Jahre zum eigenen Nutzen und dem des Kontinents in die europäische Waagschale zu legen. (Wolfgang Weisgram/DER STANDARD Printausgabe, 29.5.2010)

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