Überfälle und Lebenslügen

28. Mai 2010, 18:04
posten

Man braucht eine Zeit, um sich im Roman "Cash" von Richard Price zu orientieren

Der Singsang der Satzfetzen macht es schwer, zwischen den Straßengangstern der Lower East Side und den Wache schiebenden Cops zu unterscheiden. Der Titel ist doppeldeutig, er ist der Name eines Protagonisten, und dann geht es hier um Geld und sonst nichts. Bei einem Routineüberfall läuft etwas schief. Ein kleiner Nachwuchskrimineller verliert die Nerven und erschießt sein Opfer. Der Leser kennt den Täter, nicht aber die Ermittler. Price geht es nicht um den Kriminalfall. Stattdessen schildert er mitreißend, wie ein Scherbenviertel brutal "saniert" wird.

Auf der einen Seite die verwahrlosten Sozialbatterien, in denen Farbige, Patchworkfamilien, Alleinerziehende, Arbeitslose, Huren und Dealer wohnen, auf der anderen Seite die Kreativindustrie, die sich in den schicken Bars und Restaurants selbst feiert. Ein explosives Gemisch, das der New Yorker Autor aus eigener Anschauung mit Tempo und Härte schildert. Die mangelnde Intelligenz der Gangster findet ihre Entsprechung in den Lebenslügen des Kreativprekariats: jede Barfrau eine verhinderte Schauspielerin und dazwischen jede Menge Verstörte. Price, der Erfinder der TV-Serie Wire, eines gefeierten Gesellschaftspanoramas, holt sich seine Anregungen von der Straße. Hier wird ein Krimi zur Sozialstudie! Ingeborg Sperl, ALBUM - DER STANDARD/Printausgabe, 29./30.05.2010)

Richard Price, "Cash" . Deutsch von Miriam Mandelkow. € 29,95 / 528 Seiten. S. Fischer, 2010

Link:
www.krimiblog.at

Share if you care.