Goethe-Hof: "Ich wohn nur so da"

29. Mai 2010, 00:01
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Der Goethehof in Wien-Donaustadt ist ein geschichtsträchtiger Gemeindebau - Heute verbindet die Bewohner nicht mehr viel, weder Fernsehprogramme noch Parteiprogramme

Natürlich erinnere sie sich daran. Neben den Fenstern befanden sich auf jeder Seite kleine Halterungen aus Metall. In die steckte man die Holzstäbe mit den roten Miniaturfahnen. Die meisten hatten den Kreis mit den drei Pfeilen, einige halt Hammer und Sichel. "Und immer hat in der Früh am 1. Mai eine Musikkapelle gespielt, von den Straßenbahnern oder von den Eisenbahnern, die Musiker sind durch alle drei Höfe marschiert und haben alle rechtzeitig aufgeweckt."

Frau Buzek* trägt eine kleine Kette mit dem Schriftzug ihres Vornamens um ihren Hals. Sie raucht Falk und hat einen kleinen weißen Hund. Sie ist immer hier auf der Bank beim Kindergarten vor ihrer Stiege. Im Mittelhof sind ja keine Bänke mehr, im unteren Hof, wo die türkischen Familien sitzen, hat sie nichts verloren. Sie hat gar nichts gegen die Türken, sagt sie, das sind "brave Leut" , aber die Kinder sind halt sehr laut. Sie weiß alles über den Goethehof, sie wohnt ihr ganzes Leben lang da. Bei der letzten Renovierung sind die Halterungen nicht wieder montiert worden, die Fahnen wurden nicht mehr aufgehängt, das ist vorbei, vielleicht war es schon vorher vorbei, aber manche hätten sie noch, die Fahnen, als Andenken. Was soll man denn damit machen? Wegschmeißen tut man so was nicht, oder?

Der Goethehof liegt in Kaisermühlen am Kaiserwasser, einem Seitenarm der Alten Donau. Wenn die Sonne scheint, ist die Lagerwiese voll, auf dem Wasser patrouillieren Elektroboote. Neuerdings gibt es sogar ein Biotop, ein Biber ist ansässig geworden. Die SV Donau, die im Mai ihren 100. Geburtstag feierte, hat einen Kunstrasenplatz bekommen.

Der Goethehof wurde von 1930 bis 1931 von einem Architektenteam, in der Mehrzahl Meisterschüler von Otto Wagner, errichtet. Die Anlage gliedert sich in drei Höfe. Die schweren Eisengitter an der Front zur Schüttaustraße verleihen dem Hof einen burgähnlichen, wehrhaften Charakter und suggerieren eine klare Trennung von Außen- und Innenleben. Zur Alten Donau begrenzen zwei konkave Seitenblöcke den Hof, im Inneren verbinden geschwungene Promenadenstraßen die 50 Stiegen mit ihren ursprünglich 727 Wohnungen. Der mächtige Gemeindebau ist wie ein Raumschiff zwischen dem Brettldorf, einer elenden Barackensiedlung an der Donau, und dem weitgehend noch unverbauten Kaiserwasser gelandet. Wie der Karl-Marx-Hof steht der Goethehof heute unter Denkmalschutz. Er taucht nicht ganz so häufig in Architekturführern auf, aber dennoch ist er ein Stück materialisierte Geschichte Wiens über fast ein Jahrhundert hinweg. Es kämen jetzt immer mehr Leute, sagt Frau Buzek, die fotografieren und schauen, wegen der Architektur. Bald könne man Eintritt verlangen.

Verkümmern und verwelken

Ab 1922 reagierte die Gemeinde Wien auf die allgemeine Wohnungsnot mit einem ehrgeizigen Programm. Innerhalb von zwölf Jahren wurden 348 Wohnanlagen mit mehr als 60.000 Wohnungen errichtet. Die Wohnungsnot war dramatisch. Die Zimmer-KücheWohnungen mit Fenster zum winzigen Lichthof waren im Schnitt nur 20 Quadratmeter groß. Noch 1917 hatten 95 Prozent der Arbeiterwohnungen keine eigene Wasserleitung. Die Miete verschlang ein Viertel eines Arbeiterlohnes. Schlafburschen und Bettmädel zur Finanzierung der Miete waren die Regel, weniger als die Hälfte der Arbeiter verfügte über ein eigenes Bett. "Diese Wohnungen" , notierte der liberale Sozialreformer Eugen Philippovich 1894, "bieten keine Behaglichkeit und keine Erquickung. Wer in sie hinabgesunken oder hineingeboren wurde, muß körperlich und geistig verkümmern und verwelken oder verwildern."

Neben der Gesundheits- und Schulpolitik war die Wohnbaupolitik ein Kernstück des Roten Wien. Die Gemeindebauwohnungen waren für damalige Verhältnisse groß und luxuriös ausgestattet, vor allem waren sie leistbar. Der Mietzins betrug nur etwa vier Prozent eines Arbeitereinkommens, die Mieteinnahmen finanzierten nur etwa ein Zwölftel der tatsächlichen Baukosten. Die Wohnungsvergabe war ein wirksames politisches Instrument.

Jede Wohnung im Goethehof bietet Licht von zwei Seiten. Die kommunalen Einrichtungen wie Bibliothek, Tröpferlbad, Montessori-Kindergarten und natürlich die Parteilokale waren über die drei Höfe verteilt. Unter dem Dach hatte jede Stiege eine gemeinsame Waschküche für die Mieter.

Im Februar '34 war der Goethehof heftig umkämpft. Die Wohnungen wurden mit schwerer Artillerie beschossen. Schutzbündler und Kommunisten verteidigten den Hof bis zum 18. Februar. Die Bibliothek, etliche gassenseitige Wohnungen und das Café wurden völlig zerstört. Für viele war der Beschuss und die Zerstörung der Wohnungen, kaum drei Jahre nach Eröffnung, eine tiefe Zäsur im Leben. Die jährlichen Gedenkfeiern zum 12. Februar, mit Kranzniederlegung und Fackelzug, waren über Jahrzehnte die wichtigste Zusammenkunft der Mieter.

Bis in die 1970er-Jahre waren neben den Fenstern im ersten Stock der Stiege 7 noch die Einschüsse von schwerem Maschinengewehrfeuer zu sehen. Dann wurde die Fassade renoviert, die Grünanlage im Mittelhof wurde, durchaus auf Wunsch der Mieter, zu einem Parkplatz umgestaltet. Viele hatten schon ein Auto.

Roland Galber (53) ist eine der Erfolgsgeschichten des Goethehofs aus der Nachkriegszeit. Gewohnt hat er eigentlich gegenüber, im Marshallhof, einem der heute als gesichtslos empfundenen Gemeindebauten aus den frühen 50er-Jahren. Im Kindergarten war er jedoch im Goethehof. Kaisermühlen war damals, erinnert sich Galber, die Bronx von Wien. Die Vergangenheit will er nicht verklären: Es ist viel gerauft und viel gestohlen worden. Was die Leute miteinander verband, war, dass keiner Geld hatte. Keiner von den Marshallhofern wäre in den Goethehof gezogen. Die Wohnungen waren kleiner, die im Marshallhof hatten Bäder, alles war moderner. Galber ist heute Spitzenmanager bei einem internationalen Speditionsunternehmen.

Wahltag und Alltag

Es gibt ein altes Foto mit den Kindern aus dem Jahr 1961. Die meisten tragen Lederhosen und blinzeln gegen die Sonne. Einer ist straffällig geworden, ein anderer ein Stricher, ein Einziger (der Sohn der praktischen Ärztin) hat Matura gemacht. Aus den meisten "ist ein bisschen etwas geworden" , Facharbeiter, Angestellte, kleine Beamte. Im Herbst wird er, auch wenn er weiß, dass es gegen seine ökonomischen Interessen ist, sozialdemokratisch wählen. "Aus Erinnerung" , sagt er. Sein Großvater war Februarkämpfer, er selbst hat jahrelang Mietbeihilfe bezogen, was ihm damals, als seine drei Kinder klein waren, das Leben gerettet hat. Alle Kinder haben maturiert, sein Sohn studiert heute Wirtschaftswissenschaften in China. Würde er heute zurückziehen nach Kaisermühlen, dann eher in den Goethe- als in den Marshallhof. "Die Architektur ist einfach besser." In Wahrheit kommt eine Rückkehr für ihn nicht infrage. Galber lebt in einer Eigentumswohnung, einer Maisonette mit begrünter Dachterrasse am Donaukanal.

Die Karriere Galbers war von viel Arbeit geprägt und von der konkreten Hoffnung auf sozialen Aufstieg. Sein relativer Wohlstand verdankt sich einer ungewöhnlich langen Phase der Hochkonjunktur mit Vollbeschäftigung, aber auch der Reformpolitik unter Bruno Kreisky zu Beginn der 70er-Jahre. Der Bildungsboom und die Individualisierung der Lebensentwürfe brachte die Sozialdemokratie in ein politisches Dilemma. Die traditionelle Parteienbindung wurde geschwächt, eine einheitliche Klientel, wie es sie vielleicht noch zu Kreiskys Zeiten gab, gibt es nicht mehr. Am Ende des Jahrhunderts fiel die SPÖ in der Donaustadt auf unter 50 Prozent, die grüne Partei erlebte auch im Goethehof einen Aufschwung, die FPÖ erzielte bei der Gemeinderatswahl 1996 fast 30 Prozent, bei der Nationalratswahl 2008 immer noch 25,6 Prozent der gültigen Stimmen. Die rote Hochburg gibt es nicht mehr - weder am Wahltag noch im Alltag.

Der junge Mann mit schulterlangem Haar auf Stiege 19 macht einen sedierten Eindruck. In der rechten Hand trägt er einen Plastiksack, aus dem eine Kabelschlange mit einem Joystick als Schlangenkopf hervorquillt, seine Linke hält eine gestraffte Leine. Das Tier, das daran zieht, könnte juristisch als Kampfhund gelten. Von der Waschküche weiß der junge Mann nichts. Auf dem Dachboden war er noch nie, auch im Keller nicht. Er wohnt im zweiten Stock, aber, so sagt er, "ich wohn nur so da." Man könne sich beim Hausmeister erkundigen. Der stämmige Hund blickt von jedem Treppenabsatz auf den Besucher zurück, interessiert, aber nicht unbedingt freundlich. Eine Tür öffnet sich, Hund und Herr verschwinden.

Von der "tragenden Rolle der Gemeinschaft im Gemeindebau" , von der Wohnbau-Stadtrat Michael Ludwig spricht, ja von der Existenz einer solchen Gemeinschaft ist im Goethehof nichts zu bemerken. Was verbindet die Bewohner des Goethehofs? In Wahrheit nichts, weder Parteiprogramme noch Fernsehprogramme. Auf den Balkonen haben sich wie überall die pilzähnlichen Strukturen der Satellitenschüsseln etabliert, mit hunderten verschiedenen Sendern, die jedem sein eigenes Programm liefern. Die aktuelle Krise dämpft den sozialen Zersetzungsprozess nicht, eher wird er durch sie weiter beschleunigt. Es wird auch gar nicht versucht, diesen Zusammenhang erneut herzustellen, aber die Erinnerung daran wird gerne beschworen.

Mit der nächsten Sanierung des Goethehofs soll ab 2012 begonnen werden. Das Dach wird neu gedeckt, Fassade, Fenster und Türen werden ästhetisch und ökologisch korrekt erneuert. Die Kosten werden 30 Millionen Euro betragen. Neu ausbaut werden auch die Dachgeschoße, 165 neue Wohnungen sollen entstehen, der alte Goethehof soll wieder "attraktiver" werden. 80 Jahre nach Eröffnung des Goethehofes ist man dabei wieder bei marktwirtschaftlichen Prämissen angelangt. Mit einer Mietbelastung von 24,7 Prozent des Einkommens liegt man im Wiener Durchschnitt.

Im Oktober werden auch die Einkommensobergrenzen für Gemeindebauten gesetzlich neugestaltet, das heißt sie werden massiv angehoben. Das höchstzulässige jährliche Nettoeinkommen etwa für einen Dreipersonenhaushalt wird 66.180 Euro (derzeit: 47.270) betragen. Mit der Novelle wird sichergestellt, heißt es in einer Aussendung, "dass Wohnen auch in Zukunft für alle erschwinglich bleibt." Der Zusammenhang mit der Anhebung der Einkommensobergrenzen ist nicht ganz klar. Aber vielleicht macht das Fehlen eines Zusammenhanges einiges klar. Langsam wird das Publikum des Hofes ausgetauscht.

Austausch des Publikums

Erika Hofer ist Kuratorin in einem Wiener Museum, seit 15 Jahren wohnt sie jetzt im Goethehof, im dritten, unteren Hof in einer gemütlichen Eckwohnung. Ihr Haar ist kurz geschnitten und hennarot. Auch wenn die Wohnung klein ist, wohnt sie gerne da und schätzt die Proportionen. An schönen Tagen sitzt sie mit ihrem Laptop auf der Terrasse. Im Museum ist sie nur halbtags beschäftigt, die Freizeit neben der Anstellung nützt die Historikerin, um an ihren Büchern zu arbeiten. Zu den Nachbarn hat sie nur wenig Kontakt. "Ich will meine Distanz haben" , sagt sie. Ihr Freundeskreis hat mit dem Hof nichts zu tun. Da sie auf dem Land aufgewachsen ist, weiß sie die Anonymität des Gemeindebaues zu schätzen.

Was Frau Hofer und die neuen Bewohner stört, sind die Fenster. Sie findet es nicht in Ordnung, was man in den vergangenen Jahren zugelassen hat: Die wilden Verbauungen der Balkone, die Glotzfenster statt der alten Holzsprießelfenster. Das originale Design der Kastenfenster mit den Holzsprossen, das nun wiederhergestellt werden soll, war freilich aus der Not geboren. Große Fensterflächen waren zu teuer. Bei kleineren Fensterteilen war es anders. Ging eines zu Bruch, wurde von den Mietern ein neues eingesetzt. Die meisten hatten den Fensterkitt daheim. Die Generation der älteren Kaisermühlner erinnert sich noch an den Spruch, der von den Leuten erzählt, die so arm sind, dass sie "den Kitt aus den Fenstern fressen" . Beschworen und verklärt wird die Erinnerung an ein Elend.

Am Promenadenweg durch den Hof steht man unter Beobachtung. An den gemauerten Brüstungen der Balkone lehnen die Rentner und Pensionistinnen mit verschränkten Armen. Sie vertreiben sich die Zeit damit, stundenlang hinunter in den Hof zu blicken. "Oweschaun" nennt man das. Sozialwissenschafter attestieren den Bewohnern heute ein "hohes Maß an Zufriedenheit" . Von den Balkonen scheint die Welt der Randale, der Sprayer und der abgefackelten Autos ebenso weit entfernt wie die Welt der großen Gewinne, der Bonuszahlungen und der unverdienten Verdienste. Die Probleme im Hof halten sich tatsächlich in Grenzen: der Hundekot, der Müll auf dem Rasen, der Lärm der Kinder und natürlich die Migranten. Vor zwei Jahren wurden im Goethehof rechtsradikale Flugblätter verteilt. Sie blieben wirkungslos, man arrangiert sich mit dem Fremden: Nicht aus Interesse oder aus Toleranz, sondern aus Gleichgültigkeit - wohl auch dem eigenen Leben gegenüber. Man hat nicht viel zu verlieren und auch nichts zu gewinnen, weder politisch noch ökonomisch. Vielleicht verwechseln manche Studienautoren Zufriedenheit mit Depression.

Im Käfig am vordersten Hof zur Uno-City läuft wie jedes Wochenende ein Match. Die Fußballer sind gut, sie spielen seit Stunden, artistisch und kühl. Den breiten Wiener Dialekt, den Frau Buzek als einzige Sprache spricht und den Herr Galber noch sprechen kann, wenn er will, beherrschen sie nicht mehr. Ihre Sprache ist ein sonderbares Hochdeutsch, das aus Berliner Rap-Songs bekannt vorkommt.

Bei den nächsten Gemeinderatswahlen im Herbst wird jeder Dritte oder jeder Zweite von ihnen FPÖ wählen. Sie machen kein Hehl daraus, wenn sie überhaupt zur Wahl gehen, was eher selten der Fall sein wird. Soziologen sprechen von Demokratieentleerung und von postdemokratischen Verhältnissen: Die gesellschaftlichen Institutionen werden zwar irgendwie als funktionstüchtig wahrgenommen, aber sie verlieren an Substanz, das Interesse an ihnen versiegt.

Die Hoffnung auf den sozialen Aufstieg, der über zwei Generationen hinweg das Leben der Bewohner des Goethehofs bestimmte, wird heute in der jungen Generation von der Angst vor dem Abstieg dominiert. Mehr noch: Es regiert der Zweifel, ob ihnen ein regulärer Einstieg in diese Gesellschaft überhaupt gelingt.

Wilhelm Heitmeyer, Soziologe an der Universität Bielefeld, konstatiert in seiner neuen Untersuchung ein Lebensgefühl, das er "wutgetränkte Apathie" nennt. Die Wut gilt den Folgen der aktuellen Krise, aber auch einer Politik, die nichts bewirkt und bloß noch auf mildernde Umstände der Wirtschaft hofft. Zugleich beobachtet Heitmeyer die wellenförmige Ausbreitung einer tiefgreifend resignativen Stimmungslage. Sie tritt an die Stelle des Protests gegen Ungleichheit, die Wut findet kein konkretes Objekt und scheint sich gerade in sozial benachteiligten Milieus zunehmend gegen sich selbst zu richten: gegen sozial Schwache und Langzeitarbeitslose, die den Sozialstaat plündern.

Nach dem Match gehen die jungen Fußballer auf die Wiese ans Kaiserwasser. Am anderen Ufer steht das Projekt "Luxury Homes" vor der Fertigstellung. Acht Lofts mit eigener Marina und Schwimmbiotop werden im Eigentum abverkauft, "Luxury living pur" , verspricht der Katalog, "geschaffen für Menschen, die das Besondere suchen." Die vollverglasten und videoüberwachten Wohnungen gehören zu den teuersten der Stadt. Sie sind durchaus in Schwimmweite für die Fußballer und zugleich völlig unerreichbar. Gegen diesen Blick, unbestimmt wütend wie apathisch wie realistisch, hat die Sozialdemokratie kein Rezept.

Die alten Goethehofianer

Auch die kommunalen Infrastrukturen im Goethehof haben sich verändert, wenn auch auf bescheidene Art und Weise. Wo einst das Tröpferlbad war, befindet sich heute ein evangelisches Gemeindezentrum. Im Ecklokal an der Schüttaustraße, das über Jahrzehnte eine Konsum-Filiale beherbergte, hat sich seit dem Vorjahr der Verein Pflegehospiz etabliert. "Ein bisschen erstaunt war ich schon" , lächelt Pfarrer El-mar, Obmann des Vereins, verschmitzt, "dass uns ausgerechnet die sozialistische Gemeinde Unterschlupf gewährt." Der Verein kümmert sich um die alten Goethehofianer, bringt sie ein Stück näher zu Gott und begleitet sie beim Sterben. Der einst antiklerikale Vermieter hat Frieden mit der Kirche geschlossen und nimmt nun jede Hilfe an, die er bekommen kann.

Ein paar Stiegen weiter betreibt Erwin (55) das Kaisermühlner Werkl in den Räumen des ehemaligen KPÖ-Lokals. Mit dem Theater im Goethehof hat sich der Musikkabarettist einen Traum erfüllt. Sein aktuelles Programm heißt Runderneuert, es beschäftigt sich satirisch mit persönlicher Sinnfindung. Die Fenster des Theatersaals gehen auf die Innenseite des Gemeindebaus. Im Herbst wird das Werkl eine neue Produktion herausbringen, etwas von Jura Soyfer. Entweder Der Lechner-Edi schaut ins Paradies, ein marxistisches Lehrstück, oder, was dem Erwin eigentlich besser gefiele, Vineta, die Geschichte von der versunkenen Stadt. (Ernst Strouhal, DER STANDARD/Album - Printausgabe, 29. Mai 2010)

*Die Namen wurden redaktionell geändert.

Zum Autor
Ernst Strouhal, geb. 1957 in Wien, ist Autor und Kulturwissenschafter an der Universität für angewandte Kunst in Wien. Zuletzt erschien von ihm der Essayband "Umweg nach Buckow. Bildunterschriften" (Edition Transfer, Springer, 2009).

Literatur
Wilhelm Heitmeyer (Hrsg.), "Deutsche Zustände" . Folge 8. Suhrkamp. 2010

Reinhard Raml, Lebensqualität im Wiener Gemeindebau. IFES-Studie. Wien 2007

Helmut Weihsmann, Das Rote Wien. Sozialdemokratische Architektur und Sozialpolitik. Promedia. Wien 2008

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    Wie viel von der "tragenden Rolle der Gemeinschaft im Gemeindebau" ist hier noch zu spüren?

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    Die Hoffnung auf sozialen Aufstieg, der über zwei Generationen das Leben der Bewohner des Goethehofs bestimmte, wird heute in der jungen Generation von der Angst vor dem Abstieg dominiert.

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