Wirtschaft erholt sich nur langsam

4. Juni 2010, 13:31
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Ein Kommentar aus dem Equity Weekly der Erste Group von Hans Engel

Die zuletzt veröffentlichten US-Konjunkturdaten bestätigten die Einschätzung, dass sich die wirtschaftliche Situation zwar im Vergleich zum Vorjahr gebessert hat, die Erholung aber nur sehr langsame Fortschritte macht. Für Besitzer von Aktien ist es beispielsweise besonders wichtig, wie rasch sich die Produktivität in einer Volkswirtschaft erhöht. Gerade diese Kennzahl zeigte zuletzt zwar leicht nach oben, das Ausmaß (+2,8 % Produktivitätszuwachs außerhalb der Landwirtschaft) ist noch als deutlich zu niedrig einzuschätzen um sich letztendlich auch in einem Beschäftigungszuwachs niederzuschlagen.

In diesem Zusammenhang ist auch der Trend des Produktivitätszuwachses beachtlich. Trotz aller Beschönigungen in vielen US-Medien geht dieser Trend bereits seit Ende 2009 wieder nach unten, was die Aussichten für eine nachhaltige Konjunkturerholung wesentlich eintrübt. Solange das Millionenheer an arbeitslosen Bürgern nicht wesentlich abgebaut werden kann, ist eine deklarierte Wirtschaftserholung eher das Ergebnis einer geschönten statistischen Berechnung als einer wirklich nachhaltig positiven Änderung der Lebensumstände der Bevölkerung.

Die zuletzt wieder angestiegene Zahl an offiziell als arbeitslos gemeldeten US-Bürger (4,67 Mio.) zeigt, dass die Konjunktur noch lange brauchen wird, um an Fahrt zu gewinnen. Aus dem Industriebereich, der in den USA in den letzten Jahrzehnten aufgrund der Auslagerungen vieler Produktionssparten ins Ausland dramatisch an Bedeutung verloren hat, kamen zuletzt uneinheitliche Berichte. Der Autoabsatz hat im letzten Monat leicht zugenommen (+ 9,14 Mio. verkaufte Fahrzeuge), liegt aber immer noch mehr als 30% unter den Niveaus vor dem Absatzeinbruch 2008. Der Trend zeigt in diesem Bereich wieder leicht nach oben.

Die Auftragseingänge im Industriebereich sind zuletzt ebenfalls wieder geringfügig angestiegen (+1,2 %), was als positiv einzuschätzen ist, keinesfalls aber als „dynamische Entwicklung" bezeichnet werden kann. Immerhin gibt es erste Anzeichen dafür, dass einige Industriesektoren trotz des erstarkten Dollars in der Lage sind, Zuwächse zu erzielen. Wie in unserer letzten Ausgabe dieser Publikation erwähnt, ist es vor allem der Technologiesektor, in dem sich US-Unternehmen weiterhin gut behaupten können bzw. in einigen Teilbereichen auch klare Wettbewerbsvorteile aufgrund innovativer Produkte haben.

Weniger erfreulich ist die Situation nach wie vor für viele Unternehmen aus dem US-Finanzbereich. JP Morgan wurde soeben in Großbritannien von der britischen Wertpapieraufsichtsbehörde FSA zu einer Strafzahlung von 33,3 Mio. Pfund verurteilt, weil das Unternehmen über mehrere Jahre hindurch Kundengelder in Milliardenhöhe nicht entsprechend von eigenen Geldern abgegrenzt hat, weshalb diese in einem Insolvenzfall nicht geschützt gewesen wären. Die Tatsache, dass dies nicht nur kurzfristig der Fall war, sondern im Zeitraum 2002 - 2009 stattfand, stimmt bedenklich. Allerdings geschah dies unabsichtlich. Strafmindernd wurde aber gewertet, dass durch diese Vorkommnisse kein Schaden entstanden ist und JP Morgan selbst zur Aufklärung dieser Umstände beigetragen hat.

Weiterhin sehr schleppend entwickelt sich die Restrukturierung des Versicherers American International Group, der sich noch zu 80% im Staatsbesitz befindet. Der geplante Verkauf der AIA Group Ltd., der asiatischen Versicherungssparte von AIG, an den britischen Mitbewerber Prudential Plc. um USD 35,5 Mrd. ist vorerst am Widerstand der Eigentümervertreter seitens Prudential gescheitert. 182,3 Mrd. Dollar muss das Unternehmen noch an Staatshilfen zurückzahlen. Das ist das 7,4-fache der aktuellen Marktkapitalisierung von AIG. Auch für Minderheitsaktionäre ist das ein Projekt mit äußerst ungewissem Ausgang.

Wesentlich bessere Chancen auf Erfolg haben voraussichtlich Anteilscheinbesitzer von Krispy Kreme Doughnuts Inc. Das Unternehmen hat in den letzten Jahren an der Verbesserung wichtiger Rentabilitätskennzahlen gearbeitet und weist hierbei erste Erfolge aus. Die Konzernleitung hat zuletzt die Erwartung bezüglich der operativen Gewinne für dieses Geschäftsjahr angehoben. Für Investoren bietet sich mittelfristig hier die Möglichkeit an einer Turnaround-Story teilzuhaben, die im Falle des voraussichtlichen Erfolges üblicherweise einen wesentlich höheren Ertrag bringen wird als ein Index-Investment.

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