Ethik: Gegen "ein moralisches Outsourcing" in Kommissionen

30. Mai 2010, 15:18
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Nicole Karafyllis thematisiert Verhältnis von Ethik und Technik in internationaler Perspektive bei Tagung in Wien

Wien - Moderne Forschungsgebiete wie embryonale Stammzellforschung oder Nanotechnologie führen in ein noch kaum erschlossenes moralisches Niemandsland. Doch in Europa würden Fragen der Ethik fast immer mit Hilfe von Ethikkommissionen diskutiert, "das ist ein moralisches Outsourcing an die Geistes- und Sozialwissenschaften, das ich nicht gut finde", kritisierte Nicole Karafyllis, Philosophieprofessorin an der United Arab Emirates University in Abu Dhabi. Karafyllis wird im Rahmen der 10. Konferenz des Instituts für Technikfolgen-Abschätzung (ITA) der Akademie der Wissenschaften (ÖAW) kommende Woche in Wien sprechen. Die Tagung widmet sich dem Thema "Ethisierung der Technik".

"Ein Trend zur Ethisierung besteht seit mindestens zehn Jahren. Man sieht auch aktuell in der Finanzkrise, dass mehr Verantwortung gefragt ist", erklärte Karafyllis, die auf der Konferenz das Verhältnis von Ethik und Technik in internationaler Perspektive thematisieren wird. Die Philosophin und Biologin beschäftigt sich mit der Fragestellung, inwieweit die Wirksamkeit von Ethik von kulturellen Kontexten abhängig ist.

Die mahnende Kassandra

Die von ihr in Europa geortete Auslagerung ethischer Diskussionen in Kommissionen werde "den ökonomischen Verhältnissen nicht gerecht. Zuerst wird investiert, dann forschen die Naturwissenschafter und dann wird gesagt: Stopp", kritisiert Karafyllis das oftmals zu späte Einsetzen der Expertisen. "Ethik ist dann immer nur die mahnende Kassandra, die nichts mehr ändern kann, außer vielleicht Betroffenheitsdiskurse zu generieren."

Schon in den Forschungsanträgen sollten die Naturwissenschafter mehr in die Pflicht genommen werden, ethische Ziele, aber auch Methoden ihrer Arbeit genauer zu beschreiben. "Es herrscht noch zu wenig ethische Reflexion, es gibt kein Frühwarnsystem, wenn jemand zum Beispiel verbrauchende Embryonenforschung betreibt", meinte die Expertin.

Reduktionismen

Untersuchungen zu Ethik und Technik seien in Europa und Nordamerika oft von Reduktionismen gekennzeichnet, meint Karafyllis. Entweder sei der Blickwinkel zu sehr auf das Individuum gerichtet oder man habe es mit einer zu engen Perspektive kultureller und nationaler Wertesysteme zu tun. Bei letzterer Sichtweise sei die historisch gewachsene Vormachtstellung des Westens angesichts des technologischen Aufschwungs Asiens mittlerweile besonders hinterfragenswert.

Die Ethisierung der Technik wird nach Ansicht Karafyllis' weiter voranschreiten, in einigen Bereichen mehr als in anderen. "Sie wird auf jeden Fall in den Lebenswissenschaften zunehmen. Beim Neuro-Enhancement etwa, der Verbesserung der geistigen Kapazitäten des Menschen durch die Wissenschaft." Ebenso werde sich die Debatte um die Finanzierung des Gesundheitswesens noch weiter verschärfen. Auch Energienutzungsformen würden künftig schon wegen des Klimawandels verstärkte Ethikdebatten nach sich ziehen, gibt sich die Expertin überzeugt.

Karafyllis ist seit dem Wintersemester 2008 Lehrstuhlinhaberin für Philosophie an der UAE University in Abu Dhabi. Im August kehrt sie nach Deutschland zurück, wo sie den Lehrstuhl für Philosophie an der Technischen Universität Braunschweig übernimmt. Ein Senior Research Fellowship des Internationalen Zentrums für Kulturwissenschaften (IFK) führt Karafyllis für das kommende Wintersemester nach Wien. (APA)


Tagung
"Die Ethisierung der Technik und ihre Bedeutung für die Technikfolgenabschätzung"
31.5 bis 1.6.; 1010 Wien, Dr. Ignaz-Seipel-Platz 2/Sonnenfelsgasse 19.

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