Nicole Karafyllis thematisiert Verhältnis von Ethik und Technik in internationaler Perspektive bei Tagung in Wien
Wien - Moderne Forschungsgebiete wie embryonale Stammzellforschung oder
Nanotechnologie führen in ein noch kaum erschlossenes moralisches Niemandsland.
Doch in Europa würden Fragen der Ethik fast immer mit Hilfe von
Ethikkommissionen diskutiert, "das ist ein moralisches Outsourcing an die
Geistes- und Sozialwissenschaften, das ich nicht gut finde", kritisierte Nicole
Karafyllis, Philosophieprofessorin an der United Arab Emirates University in Abu
Dhabi. Karafyllis wird im Rahmen der 10. Konferenz des
Instituts für Technikfolgen-Abschätzung (ITA) der Akademie der Wissenschaften
(ÖAW) kommende Woche in Wien sprechen. Die Tagung widmet sich dem Thema "Ethisierung der
Technik".
"Ein Trend zur Ethisierung besteht seit mindestens zehn Jahren. Man sieht
auch aktuell in der Finanzkrise, dass mehr Verantwortung gefragt ist", erklärte
Karafyllis, die auf der Konferenz das Verhältnis von Ethik und Technik in
internationaler Perspektive thematisieren wird. Die Philosophin und Biologin
beschäftigt sich mit der Fragestellung, inwieweit die Wirksamkeit von Ethik von
kulturellen Kontexten abhängig ist.
Die mahnende Kassandra
Die von ihr in Europa geortete Auslagerung ethischer Diskussionen in
Kommissionen werde "den ökonomischen Verhältnissen nicht gerecht. Zuerst wird
investiert, dann forschen die Naturwissenschafter und dann wird gesagt: Stopp",
kritisiert Karafyllis das oftmals zu späte Einsetzen der Expertisen. "Ethik ist
dann immer nur die mahnende Kassandra, die nichts mehr ändern kann, außer
vielleicht Betroffenheitsdiskurse zu generieren."
Schon in den Forschungsanträgen sollten die Naturwissenschafter mehr in die
Pflicht genommen werden, ethische Ziele, aber auch Methoden ihrer Arbeit genauer
zu beschreiben. "Es herrscht noch zu wenig ethische Reflexion, es gibt kein
Frühwarnsystem, wenn jemand zum Beispiel verbrauchende Embryonenforschung
betreibt", meinte die Expertin.
Reduktionismen
Untersuchungen zu Ethik und Technik seien in Europa und Nordamerika oft von
Reduktionismen gekennzeichnet, meint Karafyllis. Entweder sei der Blickwinkel zu
sehr auf das Individuum gerichtet oder man habe es mit einer zu engen
Perspektive kultureller und nationaler Wertesysteme zu tun. Bei letzterer
Sichtweise sei die historisch gewachsene Vormachtstellung des Westens angesichts
des technologischen Aufschwungs Asiens mittlerweile besonders hinterfragenswert.
Die Ethisierung der Technik wird nach Ansicht Karafyllis' weiter
voranschreiten, in einigen Bereichen mehr als in anderen. "Sie wird auf jeden
Fall in den Lebenswissenschaften zunehmen. Beim Neuro-Enhancement etwa, der
Verbesserung der geistigen Kapazitäten des Menschen durch die Wissenschaft."
Ebenso werde sich die Debatte um die Finanzierung des Gesundheitswesens noch
weiter verschärfen. Auch Energienutzungsformen würden künftig schon wegen des
Klimawandels verstärkte Ethikdebatten nach sich ziehen, gibt sich die Expertin
überzeugt.
Karafyllis ist seit dem Wintersemester 2008 Lehrstuhlinhaberin für
Philosophie an der UAE University in Abu Dhabi. Im August kehrt sie nach
Deutschland zurück, wo sie den Lehrstuhl für Philosophie an der Technischen
Universität Braunschweig übernimmt. Ein Senior Research Fellowship des
Internationalen Zentrums für Kulturwissenschaften (IFK) führt Karafyllis für das
kommende Wintersemester nach Wien.
(APA)