Wenn Männern Brüste wachsen

  • Die Lipomastie ist eine Folge des Übergewichts.
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    Die Lipomastie ist eine Folge des Übergewichts.

Besonders Burschen leiden darunter, wenn ihnen Brüste wachsen - Ein schwacher Trost: Mit dem Ende der Pubertät verschwindet auch die Oberweite

In Zeiten, in denen Übergewicht und Adipositas epidemische Ausmaße erreichen, ist auch der Anblick männlicher Brüste beinahe schon Normalität. Für das männliche Geschlecht ist das vornehmlich weibliche Attribut mitunter eine große psychische Belastung, um eine echte Gynäkomastie handelt es sich dabei aber nicht. 

„Die Brustentwicklung in Folge von Übergewicht ist eine Lipomastie beziehungsweise unechte Gynäkomastie", erklärt Brigitte Esterbauer, Fachärztin für Urologie und Andrologie in Salzburg. Die Lösung für das Problem bietet sich an: Mit der Gewichtsreduktion bildet sich in der Regal auch das subkutane Fettgewebe im Brustbereich erfolgreich zurück.

Echt oder unecht?

Nicht Fett-, sondern wachsendes Brustdrüsengewebe sorgt dagegen bei der echten Gynäkomastie auch beim Mann für die Entwicklung einer mitunter beträchtlichen Oberweite. Diese Tatsache kratzt nicht weniger am männlichen Ego, ist jedoch in den meisten Fällen ein rein physiologisches Phänomen. Die Ursache findet sich zum Teil auf hormoneller Ebene, eine Imbalance zwischen Testosteron und Östrogen, wie sie beim Neugeborenen, in der Pubertät und im höheren Lebensalter beim Mann vorübergehend der Fall ist. 

Hexenbrust wird die physiologische Gynäkomastie beim männlichen Neugeborenen genannt, ausgelöst durch die weiblichen Hormone der Mutter, die über die Plazenta auf das Kind übertragen wurden. Burschen in der Pubertät sind mit dem Phänomen besonders häufig konfrontiert. In dieser Entwicklungsphase bildet der männliche Organismus vermehrt Testosteron, und in geringerem Ausmaß auch Östrogen.

Immer abklärungsbedürftig

Diese Hormonkonstellationen betreffen die gesamte Männerwelt, jedoch nicht jedem männlichen Wesen wächst deshalb auch gleich eine Brust. „Die tatsächliche Höhe von Östrogen oder Testosteron im Blut ist unerheblich", so Esterbauer, „ und in vielen Fällen bringt die Untersuchung des Hormonstatus deshalb auch keine Erklärung für das Wachsen der männlichen Brust. Entscheidend ist eher, dass manche Brustdrüsen offenbar mehr Rezeptoren besitzen und auf Hormonverschiebungen empfindlicher reagieren."

Mit der Bestimmung der Hormone ist es diagnostisch ohnehin nicht getan, denn wenn auch selten, kann sich hinter einer männlichen Brust auch eine pathologische Ursache verbergen. Beim jungen Mann ist daher ein Hodenultraschall zum Ausschluss eines gutartigen Hodentumors obligat. Erlaubt es die Brustgröße, wird auch eine Mammografie gemacht, um gegebenenfalls Brustkrebs nicht zu übersehen. Und damit ist die Liste an möglichen Erkrankungen noch lange nicht komplett. Verschiedene Medikamente, wie Entwässerungsmittel, einige Psychopharmaka und Antidepressiva können unter Langzeiteinnahme zur Gynäkomastie führen. Angeborene Störungen der Keimdrüsen, oder eine Tumor in der Hirnanhangsdrüse sind ebenfalls manchmal ursächlich verantwortlich.

Warten und hoffen

Erfreulich, wenn sich von all dem nichts findet und die Diagnose physiologische Gynäkomastie am Ende der Untersuchungsreihe steht. Jedoch macht es dieses diagnostische Ergebnis für Jugendliche nur peripher leichter. Auf der Suche nach der eigenen Identität ist das Erwachsenwerden ohnehin von diversen Problemen gepflastert. Das Aussehen ein wichtiger Faktor um Anerkennung in der Gruppe zu genießen und eine weibliche Brust kann ein halbstarker Knabe allein deshalb überhaupt nicht gebrauchen. Umso tragischer für den Betroffenen, bietet sich doch vorerst keine Lösung an.
Andrologen agieren gelassen mit therapeutischer Zurückhaltung, während pubertierende Jugendliche gezwungen sind abzuwarten, ob die Gynäkomastie mit dem Ende der Pubertät wieder verschwindet. Ausnahme: Wenn die Brüste, die sich im Übrigen häufig einseitig ausbilden, schmerzen, dann wird eine medikamentöse Therapie mit Tamoxifen in Erwägung gezogen. Dieses Präparat besitzt antiöstrogene Wirkung und wird auch bei der Behandlung von Brustkrebs eingesetzt.

Therapeutisch betrachtet, war es das in dem meisten Fällen bereits. Wenn die Gynäkomastie persistiert und der Leidensdruck zu groß wird, dann eröffnet sich die Operation als Option. In Österreich übernehmen die Krankenkassen im Regelfall die Kosten. Im Vorfeld dieser kosmetisch chirurgischen Intervention, ist der Ausschluss jeder behandelbaren Ursache ebenfalls ein Muss.(derStandard.at, 06.2010)

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