Das Sterben der Neuronen

    30. Mai 2010, 18:33
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    Die Parkinson-Krankheit ist eine schwere neurologische Störung, die sich heute schon gut therapieren lässt - Über die Ursachen gibt es zahlreiche wissenschaftliche Debatten

    Der Mann ging langsam, unsicher, sein Körper nach vorn gekrümmt. Er zitterte. James Parkinson erkannte diese Haltung. Der englische Arzt hatte in seiner Praxis schon früher Patienten mit diesen seltsamen Symptomen gesehen. "Shaking palsy", Schüttellähmung, nannte sie Parkinson in seiner 1817 erschienenen Abhandlung. Die kleine Publikation war die erste Beschreibung einer Krankheit, die knapp zwei Jahrhunderte später als Geißel des Alterns gilt - das Parkinson-Syndrom. Unter ihm litt auch der berühmte deutsche Gelehrte Wilhelm von Humboldt, der seinen eigenen Krankheitsverlauf in den Jahren 1825 bis 1834 detailliert aufgeschrieben hat.

    Was aber genau ist Parkinson? Das Leiden äußerst sich am deutlichsten in den Bewegungen der Betroffenen: Zittern, Steifheit, Schluckschwierigkeiten, Trägheit. Im fortgeschrittenen Stadium fällt vielen Patienten das Sprechen schwer, manchmal tritt auch Demenz ein. Parkinson trifft überwiegend ältere Menschen. In der Alterskategorie über 65 liegt die Häufigkeit bei ein bis zwei Prozent. In seltenen Fällen erkranken auch Personen, die jünger als 40 sind. In Österreich leben zurzeit zirka 20.000 Parkinson-Patienten. Früher war die Sterblichkeit unter den Betroffenen fast dreimal so hoch. Moderne Therapiemethoden haben dies ausgeglichen.

    Die Ursachen des Syndroms sind nach wie vor Thema hitziger wissenschaftlicher Debatten, doch über seine Mechanismen liegen heutzutage zahlreiche gut gesicherte Erkenntnisse vor. Im Mittelpunkt steht das fortschreiten-de Absterben von Nervenzellen, vor allem in der sogenannten "Schwarzen Substanz" (Substantia nigra) im Hirnstamm. Diese Zellen sind unter anderem für die Produktion des Botenstoffs Dopamin verantwortlich und geben diesen über Axone an den Corpus striatum im Gehirnzentrum weiter. Dopamin hält die Übertragung von Signalen an den Synapsen, den Verbindungsstellen zwischen einzelnen Nervenzellen, aufrecht. Steht der Stoff nicht mehr zur Verfügung, dann fällt im betroffenen Bereich auch die neuronale Kommunikation aus. Dopamin-Mangel verursacht bei Parkinson-Patienten vor allem eine Verlangsamung ihrer Bewegungen, Bradykinese genannt. Die Krankheit betrifft allerdings auch die Produktion anderer Botenstoffe wie zum Beispiel Acetylcholin (ACh). Der Dopamin-Mangel führt zu einem Überschuss von ACh, was wiederum das Parkinson'sche Zittern, den Tremor, und die erhöhte Muskelspannung (Rigor) auslöst.

    Das Sterben der Substantia-nigra-Neuronen ist ein schleichender Prozess. Lange bemerkt der Betroffene gar nichts. Bis die ersten deutlichen Parkinson-Symptome auftreten, ist etwa die Hälfte der besagten Nervenzellen bereits tot. Als möglicher Auslöser für das Zugrundegehen gilt ein Protein namens ß-Synuklein. Es ist der Hauptbestandteil der mysteriösen Lewy-Körperchen, welche sich in der Schwarzen Substanz fast aller Parkinson-Patienten nachweisen lassen.

    Entstehungstheorien

    In den vergangenen Jahren diskutieren Wissenschafter darüber, ob die Krankheit ähnlich wie BSE und das Creutzfeldt-Jakob-Syndrom durch einen prionenartigen Erreger verursacht werden könnte (vgl. u. a. Science, Bd. 326, S. 1337). Prionen sind missgebildete Proteine, die andere, normal gebaute Proteinmoleküle zur Umwandlung und anschließender Aggregatbildung veranlassen. So entstehen immer größere Klumpen. Die Zellen, in denen sie wachsen, sterben ab. Wenn sich ß-Synuklein wie ein Prion verhält, würde dies die Entstehung der Lewy-Körperchen erklären - und möglicherweise die Entstehung des Parkinson-Syndroms. Im Rahmen neuer Laborstudien wurde die Bildung von ß-Synuklein-Aggregaten genauer untersucht. Die Ergebnisse deuten auf eine "ansteckende" Veränderung der Proteinmoleküle hin (vgl. Biophysical Journal, Bd. 98, S. 1302).

    Einige Experten stehen der Prion-Theorie dennoch skeptisch gegenüber. "Das ist eine Idee, aber ich glaube nicht, dass es eine einheitliche Parkinson-Ursache gibt. So einfach darf man es sich nicht machen", sagt der Wiener Neurologe Dieter Volc (siehe Interview). Meistens dürften verschiedene Faktoren zusammenspielen. Es sind allerdings auch starke Einzelauslöser bekannt, eine Frucht namens Annona zum Beispiel. Sie wächst auf Guadeloupe und enthält eine Substanz, die die Synthese von L-Dopa, der Vorstufe von Dopamin, hemmt und so Parkinson verursacht. Der Kontakt mit synthetischen Giftstoffen kann ebenfalls gefährlich sein. In Österreich kamen im Weinbau Pestizide zum Einsatz. Winzer leiden deshalb häufiger an Parkinson als Getreidebauern, berichtet Volc. Die auslösenden Stoffe seien allerdings nicht in den Wein gelangt und die Mittel zum Glück schon seit zwanzig Jahren verboten.

    Impfung gegen Parkinson

    Auf der Suche nach einer Impfung verfolgt die Wiener Firma Affiris einen interessanten Ansatz: 2011 soll mit der klinischen Erprobung des Präparats PD01 begonnen werden. Dieser Impfstoff soll das Immunsystem zum Abbau von ß-Synuklein anregen und so die Bildung von Lewy-Körperchen hemmen. Einfach ist das nicht. Die Affiris-Wissenschafter müssen gewährleisten, dass die Immunantwort nicht auch das Nervenzellen schützende ß-Synuklein betrifft. Die ersten Tests seien aber erfolgreich verlaufen, hat die Firma erklärt. (Kurt F. de Swaaf, DER STANDARD Printausgabe, 31.5.2010)

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      Ottfried Fischer ist 2008 mit seiner Erkrankung an die Öffentlichkeit gegangen.

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