US-Arztserien im Reality-Check

30. Mai 2010, 18:26
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Wie realistisch sind US-Arztserien? Wer berät die Drehbuchschreiber und können eventuell sogar die Zuseher davon lernen?

Ein Patient spuckt Blut. Ohne Spenderleber wird er die nächsten 24 Stunden nicht überleben. Der Oberarzt muss sich zusätzlich um die Alkoholprobleme seines Chefs kümmern. Eine neue Kardiologin sorgt für Eifersucht. In der sechsten Staffel von Grey's Anatomy geht es wieder rund: Ärzte diagnostizieren, operieren und intrigieren. Medizinserien sind erfolgreicher denn je. "Das Thema Medizin mit dem Kampf um Leben und Tod eignet sich ideal, um spannende Geschichten darzustellen", meint Elena Strauman, Kommunikationsexpertin der Uni Charleston in den USA. "Fernseh-Mediziner mit ihrem Expertenwissen und ihrem Charisma gefallen den Zuschauern. Sie bekommen Einblick in eine Welt, die gleichzeitig aufregend und beängstigend ist."

Strauman und ihre Kollegin Be-thany Goodier zeigten kürzlich, wie sehr sich die Arztserien in den vergangenen Jahrzehnten änderten: "Die heutigen Serien idealisieren Ärzte nicht mehr so extrem wie früher - es gibt eine gesunde Portion Realismus", so Goodier. Die Grundfrage ist die gleiche: Wie schaffen es Ärzte, Halbtote wieder gesund zu machen? Fast ebenso wichtig sind heute jedoch die Schicksale der Ärzte, die nicht mehr wie zu Professor Brinkmanns Zeiten permanent lächelnd durchs Krankenhaus schweben, sondern Macken, Fehler und Probleme haben wie wir alle.

Faszination Arztserie

Was aber an den neuen Serien am meisten zu faszinieren scheint: Das, was die Ärzte machen, sieht total echt aus - zumindest für Laien. "Mediziner erkennen immer sofort, wenn etwas nicht stimmt, dann ist die Serie unten durch", weiß Peter Tschudi, Allgemeinmediziner aus Zürich. "Die medizinischen Berater der US-Serien haben ganze Arbeit geleistet - ich sehe so gut wie nie medizinische Fehler." Tschudi muss es wissen: Er arbeitete als Berater einer Schweizer Arztserie. "Untersuchungstechniken, die Medizinstudenten während sechs Jahren Studium üben, mussten die Schauspieler innerhalb weniger Wochen können. Ich musste immer wieder predigen, dass man das Stethoskop auf die linke Seite des Brustkorbs legt, wenn man das Herz abhören will und erklären, wie man den Bauch richtig abtastet. Die amerikanischen Produzenten haben ein etwa zehnmal so großes Budget - kein Wunder, dass die Serien so perfekt sind." Da halte niemand ein Röntgenbild falsch.

So gut sollen die Serien sein, dass Mediziner sie inzwischen auch für die Ausbildung von Medizinstudenten nutzen. Beliebt ist vor allem Dr. House. Kann man den Fakten glauben? Richtig systematisch untersucht hat das noch niemand. Aber es gibt einzelne Studien: So zeigten britische Ärzte, dass es ihren Serienkollegen ähnlich häufig gelang wie in der Realität, einen Menschen wiederzubeleben: nämlich in rund 46 von 100 Fällen. Überraschenderweise waren die Serienpatienten mit etwa 36 Jahren aber nur halb so jung wie "echte" Patienten mit etwa 65 bis 75 Jahren.

Einflussfaktor Arztserie

Die Serien können auch ihre Fans ziemlich beeinflussen: Manche möchten nun auf jeden Fall Medizin studieren, andere erst recht nicht. Einige werden Hypochonder, andere haben viel mehr Angst vor Operationen. "Natürlich darf man nicht alles blind glauben, was die Serien zeigen", sagt Tschudi. "Außerdem ist natürlich der Alltag in einem US-amerikanischen Krankenhaus etwas anderes als in Europa: Die Intimsphäre der Patienten wird bei uns besser geschützt, und der Ton unter europäischen Ärzten ist nicht so ruppig." Ihre Ideen holen sich die Drehbuchautoren aus dem medizinischen Alltag von Medizinern oder aus medizinischen Fachzeitschriften. "Deshalb fasziniert Dr. House vermutlich auch so viele Ärzte - man kann aus den Fällen wirklich etwas lernen." (Felicitas Witte, DER STANDARD Printausgabe, 31.5.2010)

Lesetipp:

E. Strauman und B. C. Goodier,

"J Med Humanit" (2008): "Not Your Grandmother's Doctor Show: A Review of Grey's Anatomy, House, and Nip/Tuck"

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    Dr. House fasziniert auch die Ärzteschaft.

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