Das "schlechte Feng-Shui" der elektronischen Legebatterien

28. Mai 2010, 10:41
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Arbeitsbedingungen nach Foxconn-Suiziden - Schuften für Apple und Co.

Vorstandschef Terry Gou flog im Hubschrauber zu seinen Shenzhener Fabriken. Dort warteten mehr als 200 Reporter aus China und Hongkong auf den Großinvestor aus Taiwan. Für den Multimilliardär arbeiten inzwischen mehr als 800.000 Chinesen auf dem Festland, die für seine Tochterfirma und weltweit größten Elektronik-Hersteller "Foxconn" Zulieferteile für Apple, Hewlett-Packard, Dell, Sony oder Nokia produzieren.

Expansionskurs

Bislang war Foxconn auf Expansionskurs. Doch nun plagt Terry Gou ein schweres Imageproblem in China, das die Kurse seiner "Foxconn Holdings" einbrechen ließ. Ohne erkennbaren Anlass springen junge chinesische Arbeiter, statt für ihn zu arbeiten, lieber in den Tod. Das war der Grund für den medienscheuen Chef des Mutterkonzerns Hon Hai, aufs Festland zu fliegen und selbst nach dem Rechten zu schauen.

Ende

Terry Gou versprach, persönlich Sorge zu tragen, dass die Suizidserie unter jungen Wanderarbeiter ein baldiges Ende findet. Nur wenige Stunden nach seinem Blitzbesuch in Shenzhen wurde ein weiterer Selbstmord gemeldet. Ein 23-jähriger Arbeiter war kurz vor Mitternacht auf Donnerstag vom siebten Stock seines Wohnheims in den Tod gesprungen. Kaum ein Jahr hatte der Bauernsohn aus Gansu für Foxconn gearbeitet. In der unheilvollen Statistik war es der zwölfte Selbstmordversuch, der sich seit heuer in den Shenzhener Fabriken ereignete, wo 420.000 Chinesen für Foxconn arbeiten. Zehn Sprünge endeten tödlich

Die Häufung von Suiziden unter Jungarbeitern hat die Öffentlichkeit aufgeschreckt. Einige sprechen abergläubisch vom schlechten "Feng-Shui" der Fabriken und möchten sich Mönche vom heiligen Wutaishan-Berg zum Vertreiben der bösen Geister holen. Die Foxconn-Gruppe, die ihre Elektronik-Unternehmen wie eigene Kleinstädte mit Wohnheimen, Freizeiteinrichtungen, Läden und Kantinen aufgebaut hat, reagierte rasch. Sie ließ alle Treppenaufgänge der Wohnheime nach außen vergittern und 1,5 Millionen Quadratmeter Abfangnetze um Wohn- und Fabrikgebäude legen. Foxconn ordnete Einstellungstests für jeden neuen Arbeiter an, um labiles Verhalten frühzeitig zu entdecken, rief 70 Psychiater aus dem ganzen Land zu Hilfe und lobte Belohnungen für jeden aus, der einen Suizidversuch verhindert.

100 Euro

Konzernchef Gou will Teile seiner Produktion ins Hinterland nach Sichuan und Chongqing auslagern. Junge Bauernarbeiter könnten so näher bei ihren Familien sein. Er versprach zudem eine Therapieklinik aufzubauen und will Gehälter aufbessern. Bisher erhielten Arbeiter Mindestlöhne von 900 Yuan (100 Euro) pro Monat, die sie mit Überstunden und Feiertagsschichten auf rund 2000 Yuan Gehalt erhöhen konnten.

Die Selbstmordwelle hat eine breite Debatte um die Arbeitsbedingungen in China ausgelöst. Chinas bekannter Sozialwissenschaftler Yu Jianrong warnt davor, ein hinter den Selbstmorden verborgenes explosives neues Sozialproblem der "Nongmingong - der Bauernarbeiter" zu übersehen. Die meisten der ungelernten Fabrikarbeiter, die sich heute für Unternehmen wie Foxconn ans Fließband stellen, gehören der zweiten Generation dieser Bauernarbeiter an. Anders als ihre Eltern, die nach 1980 zielgerichtet und innerlich stabil in den Städten arbeiteten, um Geld zu verdienen, das sie nach Hause auf ihr Bauernland zurückbrachten, hätten die Kinder ihre Bindungen zur eigenen Scholle längst verloren. Nach Ende ihrer Schulzeit "treiben sie entwurzelt herum", auf der Suche nach Arbeit und Geld. Sie hätten nur diffuse Zukunftshoffnungen und niemand, der ihre Interessen vertrete. "In ihnen ist eine große Leere." Das lasse sie auf Krisen labil reagieren. (Johnny Erling aus Peking, DER STANDARD Printausgabe, 28. mai 2010)

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