Innere Stadt: Der erste Bezirk ist Wirtschafts- und Politikzentrum, Bewohner gibt es jedoch immer weniger
Wenn am 10. Oktober in Wien gewählt wird, wird es ruhig sein im ersten Wiener Gemeindebezirk, der „Inneren Stadt". Tausende Touristen werden ungeachtet des Wahltags zwischen Kaisergruft, Albertina und Stephansplatz umherirren, die Feierlaunigen zieht es nach langer Nacht noch in der Früh in ein Café. Erst am Nachmittag werden sich im Rathaus die Politiker versammeln, um den Wahlausgang zu diskutieren.
Ursula Stenzel und ihre Kontrahenten werden auf den Plakaten um die wenigen zu erhaltenen Stimmen in Wiens bevölkerungsärmsten Bezirk werben. Wiens Zentrum ist eine Werktagsblase. Hier wird gearbeitet, gehandelt, gefeiert - doch gewohnt wird hier immer seltener.
Arbeit und Konsum
Horrende Mietpreise und eine zunehmende Musealisierung der Innenstadt führen zu einer sinkenden Einwohnerzahl. Eine negative Geburtenbilanz und Abwanderungstendenzen führten allein in den Jahren 2004 bis 2008 zu einer Abnahme der Wohnbevölkerung um 2,5 Prozent.
1961 wohnten noch gut 32.000 Menschen im direkten Zentrum Wiens, heute sind es nur mehr rund 17.000 Menschen - so wenig wie in keinem anderen Bezirk. Rund 19,6 Prozent der Einwohner sind nicht österreichische Staatsbürger, die Lebenserwartung ist mit 82,5 Jahren die höchste in ganz Wien
Mittlerweile gibt es mehr Lehrlinge (18.000) als Einwohner, rund 20 Prozent der Wiener Werktätigen arbeiten im ersten Wiener Gemeindebezirk (167.230 Personen). 10,7 Prozent der gesamten Kaufkraft werden im 1. Bezirk wirksam. Es sind diese Menschen, die die Hülle der Gebäude und Plätze mit Leben befüllen.
Ruhe und Sicherheit
Wiens Zentrum hat sich verändert in den letzten Jahrzehnten. Früher konnte man mit dem Auto noch die Kärntnerstraße entlangfahren, die U-Bahn schleust erst seit den 1970er Jahren die arbeitende Bevölkerung ins Zentrum. In den letzten Jahren wurden Kärntnerstraße, Graben und Stephansplatz mit einem neuen Bodenbelag versehen.
Lampenform und Gestaltungsfragen führten immer wieder zu Konflikten zwischen ÖVP-Bezirksvorsteherin Ursula Stenzel und dem SPÖ-regierten Rathaus. Umgebaut soll bis 2013 auch die Passage zwischen Oper und Karlsplatz werden, dabei wird die Sozialeinrichtung, die einen Spritzentausch für Drogensüchtige anbietet, geschlossen (derStandard.at berichtete). Die Drogenszene rund um den Karlsplatz passt nicht zu Stenzels Bild des Bezirkes. Von der Wiener ÖVP wurde die Forderung der "Zerschlagung" der Drogenszene laut.
Stenzel trat in den letzten Jahren vehement für mehr Ruhe und Sicherheit im ersten Bezirk ein. Die Rathaus-SPÖ wurde da schon mal scharf attackiert, die Fanzone bei der Fußballeuropameisterschaft kritisierte Stenzel ebenso wie eine geplante Garage ab Neuen Markt. In dem Bezirk der vielen Hotels forderte Stenzel sogar ein Nachtfahrverbot für Reisebusse. Sie sei ein "Störfaktor" so Stenzel selbst über ihre Rolle in der Wiener Politik.
Schwarze Hochburg
Politisch ist der erste Bezirk fest in schwarzer Hand. Die ÖVP stellt hier seit 1946 durchgängig den Bezirksvorsteher. Bei den letzten Wiener Wahlen im Jahr 2005 konnte die ÖVP 43,3 Prozent der Stimmen auf Bezirksebene erzielen, die SPÖ musste sich mit 29,8 Prozent begnügen. Ursula Stenzel wurde in der Folge Bezirksvorsteherin. Die Grünen konnten 2005 auf Bezirksebene 18,3 Prozent erzielen, die FPÖ rund 6 Prozent. Bei der Bundespräsidentenwahl wurde zuletzt Heinz Fischer mit rund 81 Prozent wiedergewählt.
(seb, derStandard.at, 30.5.2010)
Infos zum Bezirk:
Wahlberechtigte bei der Gemeinderatswahl 2005: 12.871
Bezirksvorsteherin: Ursula Stenzel (ÖVP)
Bezirksvertretung in Mandaten: 18 ÖVP, 13 SPÖ, 7 Grüne, 2 FPÖ