Alters-Monolog: Ich ist ein Jüngerer

27. Mai 2010, 19:35
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Nehle Dicks "Die Nacht ist jung" im Theater an der Gumpendorfer Straße

Endlich wieder schmerzfrei, endlich wieder nach Herzenslust essen und trinken, endlich wieder gut hören und sehen. Der Protagonist von Nehle Dicks "Die Nacht ist jung" hat keine großen, aber, wie es scheint, unerfüllbare Wünsche. Denn er ist alt, und mit dem Alter kommen die einst noch unvorstellbar fernen Zipperlein der Eltern und Großeltern zu ihrer Blüte.

Doch Julian Loidl, der von der Bühne des Theater an der Gumpendorfer Straße zu den Zusehern spricht und diese in seine Leiden einweiht, ist Ende 20. Damit hebt er sich deutlich von seinen weitestgehend stummen Kollegen, einer tatsächlich in den besten Jahren befindlichen Square-Dance-Truppe ab. Warum sieht der greise Erzähler so jung aus?

Die Antwort: Mittels modernster Technik wurde der Geist des Alten in einen jugendlichen Wunschkörper verpflanzt. Das bringt viele Vorteile. Die Finger erreichen wieder den Boden, das Bindegewebe sitzt und passt, das jüngere weibliche Geschlecht ist für charmante Avancen weitaus empfänglicher. Zugleich stellen sich dem Verjüngten allerdings auch philosophische Fragen der Güteklasse 1A. Wer bin ich, wo sind die Grenzen meines Selbst, und was wäre, wenn niemand mehr altert? Es sind diese Fragen, um die sich Die Nacht ist jung dreht.

Nehle Dick hat ihren anlässlich der Werktage 2009/10 konzipierten, auf Hanif Kureishis Roman "In fremder Haut" basierenden Monolog zu einem unterhaltsamen Theaterabend ausgebaut, der von Julian Loidl souverän getragen wird. Wiederholt schildert er, wie er eine unbekannte Eroberung im Hotelzimmer zurücklässt, um die ihm nun zu Füßen liegende Welt zu erobern. Doch ob er nun in der Karaokebar "It's now or never" zum Besten gibt oder aus der Ferne seine Frau aus älteren Tagen beobachtet, er wird sich selbst immer so fremd bleiben, wie die Schöne im Hotelbett. (wall / DER STANDARD, Print-Ausgabe, 28.5.2010)

 

28.–29._5. TAG, 20.00

  • Artikelbild
    foto: anna stöcher
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