Der "Emergency Room" am Nordrand

27. Mai 2010, 19:20
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Weniger Warten, kein Kompetenzwirrwarr: Das soll die Notaufnahme des Krankenhauses Nord bieten, österreichweit als einziges Spital mit echtem "Emergency Room"

Notfallmediziner fehlen aber. 

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Wien - "Sie kennen das vielleicht aus dem Fernsehen", sagt Wilhelm Behringer, wenn er das Konzept der Notaufnahme erklärt, die im Krankenhaus Nord eingerichtet werden soll. Denn in Österreich gibt es das, was Behringer vorschwebt, noch nicht: eine eigenständige notfallmedizinische Abteilung mit speziell ausgebildeten Ärzten.

Bisher bräuchten Patienten, die Hilfe in der Notaufnahme suchen, laut Behringer vor allem eines: Geduld. "Wenn zum Beispiel eine Frau über Bauchschmerzen klagt, dann wird sie vom Portier wahrscheinlich zuerst in die chirurgische Ambulanz geschickt; wenn dort nichts gefunden wird, zum Internisten, zum Gynäkologen, und so weiter." Dieser "Kompetenzstreit" führe zu Ressourcenverschwendung und Wartezeiten.

Behringer arbeitet derzeit im Emergency Department des Al Ain Hospital in Abu Dhabi, für das KH Nord ist er als Konsulent tätig. Das Konzept für die Wiener Notaufnahme kommt aus Amerika: Eingeschleust werden die Patienten via sogenanntem Triage-Platz, an dem Schwestern entscheiden, wie dringend jemand behandelt werden muss. Weniger akute Fälle werden in den Warteraum geschickt, von dem aus es dann in einen der Ambulanzräume geht. Zudem sind ein Schockraum für dringende Fälle und eine Beobachtungsstation vorgesehen. Trotz der zusätzlichen Kosten für eine Abteilung könne dieses System dem Krankenhaus Geld sparen, meint Behringer: Die Liegezeit werde verkürzt, unnötige Aufnahmen würden verhindert. Die endgültige Entscheidung über die Einrichtung eines "Emergency Room" müsse der Krankenanstaltenverbund erst fällen, räumte Behringer ein.

Kurze Schichten, wenig Geld 

60.000 Patienten, hat der Mediziner errechnet, könnten dort pro Jahr behandelt werden. Zusätzlich soll es eine eigene Notaufnahme für Kinder geben; psychiatrische und gynäkologische Notfälle werden ebenfalls weiterverwiesen. 17 Ärzte und 45 Schwestern benötige man für solch eine Abteilung. Arbeiten sollen sie in achtstündigen Schichten. Das bedeutet weniger Nachtdienste und weniger Geld - Aufgabe der Verwaltung sei es daher, attraktive Entlohnungsmodelle zu finden.

Speziell geschulte Internisten, Chirurgen und Praktiker sollen im "Emergency Room" zusammenarbeiten - denn "echte" Notfallmediziner gibt es in Österreich nicht. Behringer ist Mitglied der österreichischen Vereinigung für Notfallmedizin, die eine eigene Facharztausbildung etablieren will, wie das in Europa in den letzten Jahren sukzessive geschehen sei. Ob das bis zum Betriebsstart des Krankenhaus Nord in vier bis fünf Jahren gelingt, ist fraglich. Eine Nachfrage des Standard bei der Ärztekammer ergab, dass dies derzeit "kein Thema" sei. (Andrea Heigl, DER STANDARD - Printausgabe, 28. Mai 2010)

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