"Skandale direkt vor unseren Augen"

27. Mai 2010, 21:12
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Damit Politik und Justiz bei Unvereinbarkeiten und Unverantwortbarem "nicht gleich wieder wegschauen können", gibt es Journalisten: STANDARD-Aufdeckerin Renate Graber dankt für den Kurt-Vorhofer-Preis

Wien - "Schreiben, was geschrieben werden muss, und, rechtlich wasserdicht, geschrieben werden kann: Das ist, worum es im Journalismus geht", sagte Renate Graber, der die Journalistengewerkschaft Donnerstag den Vorhofer-Preis verlieh. Beim Standard könne sie schreiben, was zu schreiben ist. "So selten und so wertvoll" sei das geworden "in Österreich, wo Verlage das Land schon mit ihrem Namen vereinnahmen. Wo Zeitungen neben scheinbar einfühlsamen Interviews mit einer Mutter, die gerade ihren kleinen Sohn verloren hat, Fotos stellen, die dieses Kind an der Unfallstelle in den letzten Minuten seines Lebens zeigen. Unappetitlicher kann Journalismus nicht sein."

2006 hat ORF-Anchor Armin Wolf mit seiner Rede zum Hochner-Preis "beinahe ganze Anstalten in die Luft gesprengt". Sie könne nicht dienen mit Rücktritten: "Die Leute, deren Geschäften ich auf den Grund gehen will, treten nicht zurück." Auch nicht jene, "die all das ermöglichen und politischen Netze und Auffangnetze dafür knüpfen. Ab und zu treten die mich. Aber auch ich trete nicht zurück."

"Die Skandale finden statt. Direkt vor unseren Augen, vor den Augen der Politik und der Justiz - Eyes wide shut. Einer Justiz, die bewusst alleingelassen in kollektive Überforderung taumelt. Justiz, die Staatsanwälten Causen zumutet, deren Akten Lagerräume füllen, deren Umfang allein zu Lähmungserscheinungen führen kann. Justiz, die - jedenfalls im Seenland Österreichs - vergessen hat, dass es das Offizialdelikt gibt, bei dem die Behörde von Amts wegen tätig werden muss. Justiz, die auf einer Seite überraschend milde, auf der anderen überraschend streng agiert - ohne die Gründe dafür verständlich machen zu können. Dem Rechtsstaat, an den ich immer noch glaube, wird so ein schlechter Dienst erwiesen."

Aufblasen, dann ausräumen

Da wären der "Politik gefällige Unternehmenschefs, die himmelhoch fliegende Projekte oder riskante Spekulationsdeals in den Sand setzen und unbehelligt bleiben". Banker, denen "unter den Augen der Politik, die ihnen zudem die offenen Hände entgegenstreckt, Jahre Zeit gegeben wird, ihre Institute aufzublasen und dann auszuräumen oder ausräumen zu lassen". Politiker "die ohne Konsequenzen Staats- oder Landesvermögen vermindern". Landeshauptleute, "die ungestraft Minderheiten ihrer Rechte berauben". Sie aber sprach Donnerstag "von denen, die zuschauen".

"Dafür, dass die nicht gleich wieder wegschauen können, dafür, dass deren Blick immer und immer wieder auf Ungereimtheiten, Unvereinbarkeiten, Unverantwortliches und Unverantwortbares gelenkt wird, dafür gibt es Journalisten."  (red/DER STANDARD, Printausgabe, 28.5.2010)

  • Warnender Zeigefinger? Franz Kössler, Präsident Heinz Fischer, Renate Graber (DER STANDARD).
    foto: standard/hendrich

    Warnender Zeigefinger? Franz Kössler, Präsident Heinz Fischer, Renate Graber (DER STANDARD).

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