Der andere Ort zwischen Kasse und Klasse

27. Mai 2010, 15:37
posten

Nordkette, Altstadt und Goldenes Dachl. Das ist Innsbruck. Die Tiroler Architekturtage 2010 erweitern den Horizont: Sie führen zu Wohnorten unter der Brücke, in Schneekugeln und in "Shopping-Schulen

Innsbruck - "Räume sollten für alle da sein", sagt Jussuf Windischer, Leiter des Integrationshauses Tirol. Deshalb zeigt Windischer im Rahmen der Architekturtage interessierten Besuchern das "andere" Innsbruck: die Lebensräume von Obdachlosen, Prostituierten und Junkies. Die Wohnorte unter Brücken, das Frieren am Straßenstrich. "Auch das ist Innsbruck", sagt er. Es gebe eben nicht nur die glitzernden Konsumtempel, nicht nur die von Dominique Perrault entworfene Rathauspassage, nicht nur das kürzlich eröffnete Kaufhaus Tyrol des Londoner Architekten David Chipperfield.

Gerade die Wiederbelebung von Kaufhäusern in der Innenstadt ist für den Chef der österreichischen Architektenkammer Georg Pendl wichtig: "Architektonisch und gesellschaftlich ist das eine große Chance für die Stadt." Die raumplanerischen Fehler der Siebziger- und Achtzigerjahre mit dem Bau von Einkaufszentren an den Stadtgrenzen hätten viele Innenstädte veröden lassen.

Vieldiskutiert zurzeit: Auch der Bau des fünften Innsbrucker Gymnasiums in Kombination mit anschließendem Shoppingcenter berge "Chancen". Die Symbiose zwischen Einkaufszentrum und Gymnasium sei nämlich nicht nur architektonisch interessant. "Die Verbindung von Lernen und Einkaufen kann auch etwas Gescheites sein", sagt Pendl. "Wir wissen es noch nicht." Im Rahmen der Architekturtage ist eine Baustellenführung möglich. Auftraggeber, Architekten und die Direktorin der zukünftigen Schule werden anwesend sein.

Freie Tiroler Formen

"In Sachen Baukultur steht Tirol eben für freie Formen", sagt Pendl. Das sei ein starker Gegensatz zu Vorarlberg, das zur Zeit von Holzboxen dominiert werde, aber auch zur Steiermark, wo sich eine Art von steirischer Schule entwickelt habe. So frei wie die Tiroler Form ist auch das Programm der heurigen Architekturtage. Die Fotokünstlerin Celia di Pauli zeigt "Souvenirräume" in einer Ausstellung im Volkskunstmuseum. Andernorts begibt man sich auf die Spuren jüdischer Vergangenheit oder aber auf eine europaweite Wanderung zu Steueroasen und Offshore-Zentren. Außerdem stehen rund zwanzig Architekturbüros und Baustellen offen.

Den Abschluss der Architekturtage bildet die Veranstaltung "Architektur, die brennt". Bei dieser Gelegenheit wird der von columbosnext geplante temporäre Bau "Ich will an den Inn" abgebaut. Die Flammen sind sprichwörtlich zu verstehen. (Verena Langegger, DER STANDARD, Print-Ausgabe, 20.5.2010)

Share if you care.