Von der Baggerschaufel ins Soletti-Atelier

27. Mai 2010, 15:26
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Das Wiener Programm schreckt vor miachtelnden Baustellen nicht zurück. Zum Ausgleich öffnen rund 70 Architekturbüros ihre Pforten. In der slowakischen Nachbarkapitale steht Dramatisches auf dem Programm

Wien - Jahrzehnte lang fristete der Donaukanal ein Dasein als unattraktives Rinnsal am Rande der Innenstadt. Das ist vorbei. Nach dem Ansiedeln saisonaler Einrichtungen wie Summerstage, Strandbar, Badeschiff und Tel-Aviv-Beach ist nun die Architektur an der Reihe. Im Bereich des Schwedenplatzes entstehen gleich zwei Bauwerke, die sich in einem Kopf-an-Kopf-Rennen um Lärm und Staub duellieren. Der Schiffsterminal des Wiener Büros fasch & fuchs wird am 15. Juli eröffnet, das Hotelhochhaus des Pariser Architekten Jean Nouvel nimmt den Betrieb im November auf.

Wer nicht so lange warten will, der kann am Samstag, den 29. Mai, im Rahmen einer geführten Tour durch Estrich und Mörtel waten. Insgesamt können während der Architekturtage rund 60 Bauwerke besichtigt werden - von miachtelnden Baustellen über kürzlich fertiggestellte Häuser bis hin zu historischen Ikonen, die für gewöhnlich nicht oder nur schwer zugänglich sind - etwa das nagelneue Geriatriezentrum in der Leopoldstadt, innovative Bürobauten im Prater sowie die Baustelle des 20er-Hauses im Schweizer Garten.

Bunker in Bratislava

Dank der Kooperation mit der Slowakischen Akademie der Wissenschaften können auch Bauwerke in der nahegelegenen Twin-City Bratislava besichtigt werden. Rund 20 Führungen durch Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft werden angeboten. Auf dem Programm stehen Wohnbauten, Kulturbauten und Fernsehtürme, aber auch sinistre Einrichtungen aus dem Zweiten Weltkrieg wie etwa der BS8-Militärbunker in Petrzalka oder die 800 Meter lange Untertunnelung des Schlossberges.

Fröhlicher und ausgelassener wird die Stimmung in den offenen Ateliers in Wien sein. Knapp 70 Architekturbüros öffnen am Freitag ihre Pforten und lassen sich bei der Arbeit und beim kollektiven Weintrinken und Soletti-Knabbern über die Schulter schauen. Vorträge, Einzelgespräche und kostenlose Tipps von Passivhausprofis gewähren Einblick ins aktuelle Baugeschehen der Stadt.

Während im Wien-Museum und im Architekturzentrum Wien speziell geschmiedete Programme für Kinder angeboten werden, können sich Eltern derweil über Baugemeinschaften und Baugruppen (Info-Abend am Freitag) oder über CO2-neutrale Baumaterialien der Zukunft informieren (Pecha-Kucha-Night am Samstag). Zwei Filmvorführungen im Top-Kino beenden die Architekturtage. In einem der beiden gezeigten Filme sieht man, wie eine Putzfrau einer zeitgenössischen Villa des holländischen Architekten Rem Koolhaas zu Leibe rückt. Alltag und Architektur vertragen sich nicht immer. Zum Schießen. (Wojciech Czaja, DER STANDARD, Print-Ausgabe, 20.5.2010)

  • Das Wiener Programm ist dicht: Wenn man bei der Baustellentour durch den
 neuen Schiffsterminal des Twin-City- Liners (Architekten fasch & 
fuchs) noch einen Platz ergattern will, wird man sich beeilen 
müssen.
    foto: standard/corn

    Das Wiener Programm ist dicht: Wenn man bei der Baustellentour durch den neuen Schiffsterminal des Twin-City- Liners (Architekten fasch & fuchs) noch einen Platz ergattern will, wird man sich beeilen müssen.

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