Österreichische Holocaust-Vertriebene rügen Wien

27. Mai 2010, 14:43
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Gideon Eckhaus, Vorsitzender der österreichischen Pensionisten in Israel: Finanzielle Zuwendungen "sehr, sehr bescheiden"

Gideon Eckhaus, Vorsitzender der Vereinigung der Pensionisten aus Österreich in Israel und damit der oberste Vertreter der aus Österreich stammenden Shoah-Opfer in Israel, findet zunächst einmal lobende Worte für Österreich. Die Beziehungen zu Österreich seien heute wieder sehr gut, "die junge Generation streckt uns die Hand entgegen" und auch die jüdischen Nachfahren würden sich verstärkt für ihre österreichischen Wurzeln interessieren.

Danach schlägt Eckhaus aber rauere Töne an. Eckhaus rügt das Land, aus dem er Ende 1938 rechtzeitig geflohen ist. "Die Zuwendungen an uns sind sehr, sehr bescheiden". Der Nationalfonds der Republik Österreich, 1995 als Zeichen der moralischen Mitverantwortung für die Folgen der NS-Herrschaft gegründet, ist die einzige Quelle der Finanzierung. Insgesamt wurden bisher 28.978 Anträge vom Komitee des Nationalfonds genehmigt, 2.462 Anträge wurden mangels Erfüllung der gesetzlichen Voraussetzungen abgelehnt (Stand 2010). 409 Personen erhielten bisher eine zweite, 77 Personen eine dritte Auszahlung.

"Österreich hinkt hinterher"

"Die Rückgabe von Vermögen wurde noch immer nicht bewältigt. Wir bekommen beispielsweise nur die halbe Pension. Deutschland hat sich viel schneller gekümmert, Österreich hinkt da hinterher", sagt Eckhaus im Gespräch mit derStandard.at. "Man muss verstehen, dass das keine gewöhnliche Pensionisten sind: Das sind Menschen, die in den Konzentrations- und Arbeitslagern gelitten haben, ihren Familien entrissen wurden und ihrem Elternhaus, in das sie nie wieder zurückkehren konnten." Eckhaus über die Shoah-Opfer: "Wir haben in unserer Anfangsphase in Israel keine Zeit gehabt, über das Verlorene nachzudenken." Und nun seien viele Weggefährten sehr alt oder bereits verstorben. "Wir spüren im Alter umso mehr, was uns alles entrissen worden ist."

Pröll: „Sie können auf mich zählen"

Vizekanzler und Finanzminister Josef Pröll (ÖVP) traf Eckhaus bei seinem Arbeitsbesuch in Israel und reagierte emotional auf die Vorwürfe des Pensionistenvertreters. Pröll, sichtlich bewegt, ringt nach der Rede von Eckhaus mit den Worten: "Das waren die eindruckvollsten Tage in meiner Funktion als politischer Verantwortlicher, die ich jemals erleben durfte. Ich bin sehr bewegt und kann ihnen im Moment nur sagen: Sie können auf mich zählen", richtet er Eckhaus aus.

Seit 1994 verhandelt Eckhaus gemeinsam mit der Jewish Claims Conference (JCC, Hauptsitz in New York) und der Israelitischen Kultusgemeinde in Wien (IKG) mit österreichischen Behörden um die Rückgabe des während des Nationalsozialismus geraubten Vermögens und setzt sich für Entschädigungen für Zwangsarbeit ein. "Das kann nicht alles sein", betont er im Gespräch einmal mehr. "Wir wollen mit dem offiziellen Österreich verhandeln."

259.500 Holocaust-Überlebende unter Armutsgrenze

Der JCC ging im Jänner 2010 davon aus, dass von derzeit noch 516.700 Holocaust-Überlebenden aus, 259.500 unter der Armutsgrenze leben, die meisten von ihnen in Israel (74.000) und in der ehemaligen Sowjetunion (90.000). Als arm und zudem pflegebedürftig werden insgesamt 104.000 jüdische NS-Opfer eingestuft. (Anna Giulia Fink, derStandard.at, 27.5.2010)

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    Gideon Eckhaus wurde 1923 in Wien Leopoldstadt geboren und verließ Österreich Ende 1938 Richtung Palästina.

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