Friedrich: Denn du gehst fort, und ich bleib da

27. Mai 2010, 17:15
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Werfen Sie alle Kochbücher fort, die Coq au vin aus Hühnern bereiten - Denn der Coq ist der Hahn - Und das, verrät Ute Woltron, die mit ihm gerungen hat, ist im Leben wie im Tod etwas ganz anderes

foto: heribert corn

In den letzten Momenten vor dem Tod, so sagt man, sehe man sein Leben noch einmal wie in einem Film ablaufen. Vom Anfang bis zum Ende. Ob dem so ist - dereinst wird es sich uns allen weisen, und zwar ausnahmslos. Fest steht, dass ich, wenn schon nicht meines, so das Leben Friedrichs noch einmal im Zeitraffer sah, und zwar just in jenem Moment, in dem ich das Beil hob, um ihm den Kopf abzuschlagen.
Für ihn war es das Ende. Für mich war es ein Anfang.
Als Küken hatte ich ihn in einer Pappschachtel heimgebracht, gemeinsam mit sieben Amrock-Hennen. Die hätten zwar ihr tägliches Ei später auch ohne Gockel gelegt, doch so ein Hahn gehört dazu, wenn alles seine biologisch-idyllische Freilandhuhnordnung haben soll.

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foto: heribert corn

Erstens hält der seine Weiber zusammen, warnt sie vor Raubvögeln, schlägt gegebenenfalls Feinde in die Flucht. Zweitens war man mit der Nachbarschaft übereingekommen, dass Hahnengeschrei zum Landleben eben dazugehöre. Drittens ist so ein Hahn ein beeindruckend schönes Tier. Viertens will man ja auch irgendwann das Wunder schlüpfender Küken erleben.
Wie sie heranwuchsen, diese Hühner - eine Freude und Augenweide war das. Wenn sie nicht gerade den ursprünglich laienhaft läppisch-niedrigen Zaun Richtung Gemüsegarten überflatterten, schritten sie in gemessener Hennenart durch die Wiesen ihres ausgedehnten Geheges.

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foto: heribert corn

Sie fingen Fliegen, scharrten nach proteinhaltigen Delikatessen, nahmen genüssliche Sandbäder, wuchsen biofuttergestärkt zu einer stattlichen Hühnertruppe heran. Der Hahn war zu dieser Zeit noch pars inter pares, doch das änderte sich Mitte des Sommers. Da begann er zu krähen.
Erst ein wenig gurgelnd und pubertär-läppisch, doch innerhalb einer Woche hatte er es zu seiner eigenen Begeisterung stilsicher heraußen. Er schrie fortan, was die Kehle hergab. Und er begann nach Hahnenart selbstredend schon sehr früh morgens damit. Ich begann mich vorsichtshalber bei den geduldigen Nachbarn zu erkundigen, ob man immer noch der Ansicht sei, der Hahnenschrei gehöre zum Landleben dazu.

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foto: heribert corn

Kaum konnte er krähen, der Gockel, wandte er sich auch schon den Hennen in neuer, herrischer Manier zu. Sie wurden zu seinen Hennen. Und das, obwohl sie noch nicht einmal Eier legten. Er wandte sich auch mir, der Hand, die ihn zärtlich großgezogen hatte, in neuer Manier zu - und die war eindeutig zu meinem Missvergnügen. Viereinhalb Kilo revierverteidigender Hahn im Sturmangriff, Sporen voran, sind kein Lapperl. Wenn die Attacke noch dazu hinterrücks erfolgt, während man sich mit liebevoll abgemischtem Futter über den Trog beugt, ist das echt kränkend.
Doch nichts da, der Hahn verteidigt nur die Hennen. Alle Versuche, das Machtgefüge zu meinen Gunsten zu verschieben, scheiterten so gründlich, dass Friedrichs Reich ab Spätsommer selbst bewaffnet nur noch schwer betretbar war.

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foto: heribert corn

Der muss weg, sagten zwei Geflügelprofis unabhängig voneinander. Derart aggressive Hähne seien zu gefährlich.
Friedrich, du Trottel, sagte ich traurig über den mittlerweile für die Außenwelt sicherheitshalber von elektrischen Ladungen durchpulsten Zaun hinweg zu ihm: Zwischen dir und unserer friedlichen Koexistenz liegen noch Jahrmillionen der Evolution. Er blähte seinen Hahnenkragen gefährlich auf und tat ein tänzelndes Scheinscharmützel in meine Richtung. Ein Trottel, wie gesagt.
Ein Junghahn - der Glücksfall für Gourmets
Kulinarisch bewanderte Freunde horchten auf, als ich vom Entschluss berichtete, den Hahn abkrageln zu wollen. Alter: 14 Monate? Ein Traum!

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foto: heribert corn

Ein gar seltener Glücksfall für den Gourmet: Denn nicht umsonst hieße es Coq - und nicht Huhn - au vin, und ebendiese jungen, starken Hähne seien so gut wie nicht aufzutreiben heutzutage. Ja, wann ich denn zu schlachten gedenke?
Ich begann Friedrichs Schenkel und Brüste mit anderen Augen zu betrachten, während ich ihm in Milch getunkte Semmelwürfel über den Zaun zuwarf - genau so, wie das die berechnenden Franzosen mit ihren Bresse-Hühnern zu tun pflegen, in den Wochen bevor sie das Schlachtmesser wetzen.
Als dann 19 Küken schlüpften und damit für Nachwuchshähne gesorgt war, gab es kein langes Fackeln. Der Tag der Urteilsvollstreckung wurde nach den Terminkalendern des gefräßigen Freundeskreises festgelegt.

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foto: heribert corn

Als er dann aber anbrach, schien mir die Welt aus Blei und bar jeder Farbe. Ich fürchtete mich. Vor dem starken Hahn sowieso, vor mir noch viel mehr. Ich würde ein großes, stolzes, stattliches Tier mit bloßen Händen umbringen. Eines, das ich kannte, das ich aufgezogen hatte. Dass ich es danach rupfen, ausnehmen, kochen, essen würde, war belanglos im Vergleich zu den Momenten der bevorstehenden Ermordung.

Im alten Fass über dem offenen Feuer simmerte bereits das Wasserbad fürs Rupfen.

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foto: heribert corn

Der Hahn war mit bloßer Hand nicht einzufangen, das Flobert krachte, er rannte weiter, einer fing und hielt ihn fest, und in dem Moment, als ich das Beil hob, und ganz schnell sein wollte, damit er auf keinen Fall Qualen erleide, als ich wie im Blitz Küken, Hahn, sein ganzes Hahnenleben noch einmal vor mir sah, wusste ich bereits, dass mein Verhältnis zu Fleisch auf immerdar verändert sein würde.

Wer essen will, muss töten können, hieß es über Jahrmillionen. So hieß es noch bis zu unserer Großelterngeneration, bis zu deren Zeit kein Huhn, kein Schwein und schon gar kein Rind fahrlässig geschlachtet worden war, und in der der Begriff Sonntagsbraten noch sinnerfüllt war.

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foto: heribert corn

Am Sonntag gab's Fleisch - wenn überhaupt. Und mehr brauchen wir heute auch nicht. Doch heute heißt es in absoluter Beziehungslosigkeit zu dem, was da auf dem Teller liegt: Wer essen will, braucht nur bezahlen zu können, und diese Beziehungslosigkeit zur Kreatur ist Teil dessen, was diese herrliche Welt verrotten lässt.

14 Monate hatte sein Leben gedauert, 36 Stunden dauerte seine Zubereitung in klassischer Coq-au-vin-Manier nach Bocuse. Zehn Leute fraßen sich an einem warmen, sonnigen Frühlingssonntag an ihm satt - und sein dunkles, kräftiges Fleisch war zart, aromatisch, köstlich.

Friedrich, du Gockel. Jetzt erst weiß ich, was "fressen und gefressen werden" bedeutet. Und ich werde nicht davor zurückschrecken, auch deine Kinder zu fressen. Aber nur selten. Und wenn, dann ist es ein Fest. (Ute Woltron/Der Standard/rondo/28/05/2010)

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