Bunte Vögel in der blauen Blase

26. Mai 2010, 18:56
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Fragen der Mode im Kunsthaus Graz

Graz - Das Podium in der Needle des Grazer Kunsthauses war bunt wie selten zuvor. Und nie zuvor bestimmten die Outfits der Gäste auch inhaltlich die erste Fragerunde, weswegen ihnen auch an dieser Stelle ausnahmsweise gebührendes Augenmerk geschenkt werden soll: Allen voran überraschte Standard-Kolumnist und Moderator des 27. Jour fixe, Gerfried Sperl, mit einer doch außergewöhnlichen Kapuzenjacke mit Pelzbesatz.

Auch Regisseur und Autor Kurt Palm bestach mit einer kurzen Hose, Flipflops aus Bukarest und einem eigens angefertigten Hemd aus Timbuktu mit Vöglein-Muster. Die Kulturwissenschafterin Brigitte Felderer trug eine klassische Kombination von Paul Smith, und die Grazer Designerin und Leiterin des am Donnerstag startenden Designfestivals assembly, Karin Wintscher-Zinganel, eine Eigenkreation in Grasgrün.

Die Jacke Sperls war eine Leihgabe des Kunsthauses und ist Kunstobjekt und Alltagsgegenstand zugleich: Das Designerinnen-Duo Bless (Désirée Heiss und Ines Kaag) zeigt sie gerade in der Ausstellung Bless Nr. 41 - Retrospektives Heim in der blauen Blase. Die Ausstellung wurde nicht zufällig im Grazer Designmonat eröffnet. Derzeit werden Worte wie "Design, Mode" oder "Trend" an allen Ecken der Stadt im Mund geführt. Genau diese Begriffe wollte Sperl von seinen Gästen genau erklärt bekommen, wobei sich herausstelle, dass "Mode" eben nicht für jedermann dasselbe bedeutet.

Palm etwa, dessen Mutter als Schneiderin immerhin "die Frauen im Dorf angezogen hat", während der Vater das Design der Gemeinde mit schmiedeeisernen Balkongittern mitprägte, sprach von einem eher negativ besetzten Zugang zur Mode, die er mit Uniformiertheit gleichsetzte. "Ganz im Gegenteil" konterte Wintscher-Zinganel, es ginge doch auch um Individualisierung "durch das, was man trägt".

Ein Ansatz, den Felderer teilte: "Bei jedem Kleidungsstück, das man kauft, hat man das Gefühl, etwas ganz Individuelles zu tun - das ist das Erstaunliche und Faszinierende an Mode: dass sie immer die Illusion des Individualismus mitverkauft."

Die Dresscodes allerdings ändern sich in der Geschichte, wie das Beispiel der Tracht zeige. Trugen früher auch Intellektuelle wie Sigmund und Anna Freud bei der Sommerfrische diese "lockere, informelle" Kleidung, änderte sich das in der Nazi-Zeit: "Plötzlich gibt es das Ideal der deutschen Frau, die das Leinen selber sät, erntet, spinnt und näht, und hier wird das Dirndl zu etwas ganz anderem", erklärte Felderer. Nicht nur im Grazer Designmonat ist man aber dabei, sich Tracht von den Rechten zurückzuerobern. (Colette M. Schmidt/ DER STANDARD, Printausgabe, 27.5.2010)

 

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