"Ein junges Madl singt Dialekt - das war neu!"

26. Mai 2010, 18:32
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Marianne Mendt, die am Wochenende das 40-Jahr-Jubiläum ihres Lieds "Wie a Glock'n" begeht, im Interview

Das Lied "Wie a Glock'n" von Marianne Mendt ist 40 Jahre alt. Es gilt als Geburtsmoment des Austro-Pop. Karl Fluch erzählt sie, was sie vom Song Contest, "Starmania" und "I Am From Austria" hält.

Standard: Kennen Sie das Lied "Du Oasch" vom Nino aus Wien?

Mendt: Ich glaube, ich habe das jetzt einmal gehört. Irgendwas mit "... du host a z'klanes Spazi ..." - ist das der?

Standard: Knapp. Das heißt "Oaschloch", ein artverwandtes Stück vom Erdberger DJ DSL. "Du Oasch" ist eine Art Austro-Pop-Nummer, die an eine Zeit erinnert, als der noch kratzbürstig war. Was ist im Austro-Pop falsch gelaufen?

Mendt: Net mi fragen! Auch wenn ich angeblich die Mutter des Austro-Pop bin, haben besonders gute Leute für mich geschrieben und komponiert. Ich bin ja damals als Dialektsängerin beschimpft worden, aber wenn man sich diese Texte von damals heute anhört - harmloser geht's ja gar nicht mehr.

Standard: Das Lied "Wie a Glock'n" war einer der Geburtsmomente des Austro-Pop. Wurde Ihnen diese Vereinnahmung je unangenehm? Die "Glock'n" hat ja eher was Jazziges.

Mendt: Ich war schon auf einem anderen Level. Ich habe mich ja auch anderswo hinentwickelt, habe Schauspielerei, Theater und so weiter gemacht. Dass wir mit der "Glock'n" aber etwas ausgelöst haben, das war ganz klar. Ein junges Madl singt Dialekt - das war neu! Das hat sich über die Grenzen hinweg herumgesprochen, von Hamburg bis Zürich. So auf die Art: Wir verstehen zwar kein Wort, aber sie ist niedlich. Die "Glock'n" war ein Impuls für viele, ebenfalls im Dialekt zu singen, und das haben wir einer Idee von Gerhard Bronner zu verdanken. Es ist erdig und ehrlich, und das merken die Leute, das gefällt ihnen.

Standard: Ihr Frühwerk hat ein Lebensgefühl vermittelt, während der Austro-Pop dieses später zugunsten des reinen Kommerzes aufgegeben hat: siehe etwa Rainhard Fendrichs "I Am From Austria".

Mendt: Ich sehe da keine literarisch wertvollen Vorlagen im Austro-Pop der 1970er. Aber es gab schon welche, die belesen waren und intellektuell wussten, wovon sie gesprochen haben. Ein Qualtinger, ein Heller, ein Danzer oder der Peter Wehle. Ich habe aber auch nichts gegen "I Am From Austria". Ich finde ja auch, dass "Weus'd a Herz hast wia a Bergwerk" eine der wunderschönsten wienerischen Balladen ist.

Standard: Im Ernst? Was heißt eigentlich "ein Herz wie ein Bergwerk"? So schwarz und dunkel? Gewinnt man mit solchen Zuschreibungen Frauenherzen?

Mendt: Stark wie ein Bergwerk, das halt sehr viel aushält ...

Standard: ... aber ist das nicht eine schlechte Metapher, wenn man sie nicht versteht?

Mendt: Mir gefällt das Lied.

Standard: Was macht denn ein gutes Lied aus?

Mendt: Wenn wir das alle wüssten, könnten wir jeden Tag eines schreiben. Aber wenn ich eines höre, erkenne ich es.

Standard: Auf Deutsch singen bedeutet immer noch die Beschneidung der eigenen Möglichkeiten. Muss man Englisch singen, um international erfolgreich zu sein?

Mendt: Jo!

Standard: Am Wochenende ist wieder Song Contest. Sie haben 1971 in Dublin teilgenommen und sind mit dem Lied "Musik" Drittletzte geworden. Ist der Song Contest noch zeitgemäß?

Mendt: Um Gottes Willen, nein! Ich bin damals mit der Startnummer eins angetreten, so viel zu meiner Verteidigung. Der Song Contest heute hat mit dem eigentlichen Begriff nichts mehr zu tun. Früher ist es ums Lied gegangen, dann erst um die Interpretation.

Standard: Was halten Sie von Formaten wie "Starmania"?

Mendt: Wenn die Jungen die Möglichkeit haben, innerhalb kürzester Zeit so einen Popularitätsgrad zu erreichen, dann ist das gut. Nur, was ganz schlecht ist - dass sie glauben, das sei es dann. Dass man mit ihnen nichts weiter tut, dass man sie fallen lässt, dass es nur eine Quotenheischerei ist. Das ist unverantwortlich.

Standard: Dennoch bleiben das Retortenkünstler. Das widerspricht dem Genie-Gedanken in der Kunst.

Mendt: Ich tät da nicht so schwarzmalen. Ich hab nichts gegen die Shows, ich mag nur die Sensationsheischerei nicht, durch die manche Teilnehmer öffentlich blamiert werden. Die Publikumsabstimmung, das steht niemandem zu. Das finde ich schiach.

Standard: Sie fördern selbst junge Talente. Gibt es im Jazz andere Mechanismen als im Pop?

Mendt: Jazz ist kein Minderheitenprogramm, es wird nur so verkauft. Im Jazz nützt dir Begabung alleine nichts. Sie ist zwar eine Voraussetzung, aber man muss sein Handwerk lernen. Das hat aber mit Wettbewerben nichts zu tun. Im Jazz gibt es kein Konkurrenzdenken, die Jazzer halten zusammen.

Standard: Wie sind Sie zum Jazz gekommen?

Mendt: Mit zwölf Jahren! Damals hat mir mein Vater eine EP von der Ella Fitzgerald gegeben. Als ich die gehört habe, da wusste ich, das will ich auch!

Standard: Wundern Sie sich hin und wieder, wer und was heute aller als Jazz verkauft wird?

Mendt: Ja, sehr! Norah Jones oder so, das ist sehr schöne Musik, aber es ist nicht Jazz!
(DER STANDARD, Printausgabe, 27.5.2010)

 

Tipp:
Am Samstag, 29. 5., 19.30 Uhr, feiert Marianne Mendt im Wiener Volkstheater "40 Jahre Glock'n", dabei wird sie Auszüge ihres Gesamtwerks sowie Unveröffentlichtes von Georg Danzer singen.

  • Marianne Mendt begeht am Wochenende das 40-Jahr-Jubiläum ihres Lieds "Wie a Glock'n". Mit dem zeitgleich stattfindenden Song Contest will sie eher nichts mehr zu tun haben.
Zur Person: Marianne Mendt, geboren 1945, gilt als Mutter des Austro-Pop, ist Schauspielerin und Jazzsängerin. Sie leitet die MM Musikwerkstatt, die junge heimische Jazztalente fördert. Jährlich findet das MM Jazzfestival statt, heuer vom 30. 9. bis 10. 10. in St. Pölten.
    foto: standard / urban

    Marianne Mendt begeht am Wochenende das 40-Jahr-Jubiläum ihres Lieds "Wie a Glock'n". Mit dem zeitgleich stattfindenden Song Contest will sie eher nichts mehr zu tun haben.


    Zur Person:
    Marianne Mendt, geboren 1945, gilt als Mutter des Austro-Pop, ist Schauspielerin und Jazzsängerin. Sie leitet die MM Musikwerkstatt, die junge heimische Jazztalente fördert. Jährlich findet das MM Jazzfestival statt, heuer vom 30. 9. bis 10. 10. in St. Pölten.

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