Zurück ins 19. Jahrhundert

26. Mai 2010, 18:21
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Offenbar ist den Herren Regierungschefs in Budapest und Bratislava noch nicht ganz klar, dass ihre Untertanen auch Bürger der Europäischen Union sind - von Josef Kirchengast

Sie bleiben einander nichts schuldig, die Populisten in Budapest und Bratislava. Ob mehr rechts oder mehr links, ist ziemlich egal. Hauptsache, nationale Emotionen werden angesprochen - oder gezielt geschürt.

Der designierte ungarische Premier Viktor Orbán hat die Parlamentswahlen auch mit nationaler Rhetorik gewonnen. Materielle Wohltaten kann er seinen Wählern bei leeren Kassen nicht bieten, also muss mit dem Gesetz über die Staatsbürgerschaft für Auslandsungarn ersatzweise eine Wiedergutmachung für die Schmach von 1920 her. Damals wurden durch den Vertrag von Trianon mehr als drei Millionen Ungarn vom Mutterland getrennt.

Der amtierende slowakische Premier Robert Fico will bei den Wahlen am 12. Juni einem seiner bisherigen Koalitionspartner, der Slowakischen Nationalpartei, das Wasser abgraben. Da kommt ihm die ungarische "Provokation" gerade recht. Das Revanche-Gesetz, das Slowaken, die eine andere Staatsbürgerschaft beantragen, automatisch die slowakische aberkennt, ist aber mindestens so bedenklich wie das ungarische zur Doppelstaatsbürgerschaft.

Offenbar ist den Herren Regierungschefs in Budapest und Bratislava noch nicht ganz klar, dass ihre Untertanen auch Bürger der Europäischen Union sind - und dass wir nicht mehr im 19. Jahrhundert leben. Schon damals allerdings wusste ein gewisser Franz Grillparzer: "Von Humanität durch Nationalität zur Bestialität." (Josef Kirchengast/DER STANDARD, Printausgabe, 27.5.2010)

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