Die Wiener Tschechen in der Zeit des Kalten Krieges

29. Mai 2010, 20:10
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Peter Hallama beschreibt in seinem Buch "Zwischen Volksfront und Blockbildung" die Versuche der Tschechoslowakei, Einfluss zu nehmen

Wien - In seinem Buch "Zwischen Volksfront und Blockbildung" beschreibt der Historiker Peter Hallama die Situation in der österreichischen Hauptstadt nach der kommunistischen Machtübernahme in der Tschechoslowakei und deren Auswirkungen auf die in Wien lebenden Tschechen. Er zeichnet darin auch die versuchte Einflussnahme von Seiten der tschechoslowakischen Kommunistischen Partei (KSC) auf die hier lebenden Landsleute nach.

Zahlreiche Versuche zur Einflussnahme

Bereits unmittelbar nach dem Februar 1948 kam es in Wien zu heftigen Auseinandersetzungen, die sich unter anderem in der Gründung einer zweiten tschechischsprachigen Zeitung manifestierten. Zusätzlich zu den "Videnske svobodne listy" ("Wiener freie Blätter") beschlossen die kommunistischen Minderheitsfunktionäre, die prokommunistischen "Videnske mensinove listy" ("Wiener Minderheitsblätter") herauszugeben. Sie wollten die kritischen "Wiener freien Blätter" einstellen. Doch das gelang ihnen nicht. Sie erscheinen bis heute.

Auch auf den tschechischen Schulverein Komensky wollte die KSC Einfluss nehmen. Zwar wurde die Schulleitung durch Kommunisten ersetzt, doch die Lehrer und Eltern wehrten sich. Und die österreichischen Behörden legten sich quer, als "fortschrittliche" Lehrer aus der Tschechoslowakei nach Wien entsandt hätten werden sollen: Ihnen wurde die Einreise verweigert.

Der Versuch der Kommunisten, einen Verband als Dachorganisation der gesamten Minderheit zu etablieren, scheiterte ebenfalls. Es gab zwei Verbände, die den Bruch in der Minderheit in ein prokommunistisches und ein antikommunistisches Lager eher verankerten. Die Blockbildung zeigte sich auch in der Spaltung des tschechischen Turnvereins Sokol im Jahr 1952. In einzelnen regionalen Sokol-Gruppen herrschten unterschiedliche Vorstellungen über die zukünftige Ausrichtung des Vereins: Die Einheiten in Favoriten und Margareten waren für eine Annäherung an die Tschechoslowakei. Andere wollten neutral bleiben.

Kommunistische Akteure

Hallama stützt seine Erkenntnisse auf umfangreiche Recherchen in tschechischen und österreichischen Archiven. Sehr detailliert beschreibt er die beteiligten Akteure wie die Internationale Abteilung des Zentralkomitees der KSC, das Prager Außenministerium oder die Vereinigung der Tschechen und Slowaken in Österreich.

Nichtkommunistische Akteure allerdings, wie den Verein Tschechisches Herz (Ceske Srdce), der das heutige Franz-Horr-Stadion gründete, oder die Tschechoslowakische Sozialdemokratie in Österreich klammerte er in seinem wissenschaftlichen Werk aus. Bewusst wollte und konnte der Autor "nicht alle Facetten des politischen Lebens der tschechischen Minderheit in Wien beleuchten". (APA)


Peter Hallama: "Zwischen Volksfront und Blockbildung. Die Wiener Tschechen und die KSC 1948-1952". 216 Seiten, StudienVerlag 2009.

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