Warum die Gurke nicht mehr krumm ist

26. Mai 2010, 15:43
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Die vielgescholtene EU-Gurken­krümmungsvorschrift ist nicht mehr. Genormt ist nicht alles, was der Konsument wünscht, aber mehr als man denkt

Eine schöne EU-Gurke durfte bis 2009 eine maximale Krümmung von zehn Millimetern auf zehn Zentimeter Länge haben. Festgelegt in der Verordnung Nr. 1677/88/EWG zur Festsetzung von Qualitätsnormen für Gurken. Auf fünf Seiten enthielt die Verordnung detaillierte Angaben über Mindestgewicht, Färbung bis hin zur vielbelachten und heiß diskutierten Krümmung. Während dem Gemüse in den Güteklassen Extra und I die zehn Millimeter zugestanden wurden, war für Handelsklasse II zwanzig Millimeter erlaubt. Die Gurke der Extraklasse sollte "praktisch gerade", die der Handelsklasse I "ziemlich gut geformt" sein. Mindestens so berühmt wurde die normierte Banane, ebenso genau festgelegt waren aber auch andere Obst- und Gemüsesorten. Vielen Unionsbürgern galt gerade diese so genannte Gurkenverordnung als herausragendes Beispiel für Überregulierung und bürokratischen Wahnsinn, der vor allem der EU angelastet wurde, auch wenn der Vorschlag zur Gurkenkrümmungsregelung eigentlich von der UN-Wirtschaftskommission kam.

Vergleichbare Produkte

Die Regelung ging auf Wünsche des Handels zurück. Sie hatte ihren Vorteil vor allem darin, dass das Transportvolumen des Gemüses reduziert wurde. Denn die geraden Gurken benötigen naturgemäß weniger Platz im Lkw oder im Container als gekrümmte. Mit der Verordnung sollte außerdem ein Standard geschaffen werden, der Händlern und Verbrauchern europaweit vergleichbare Produkte garantiert. Ein Gemüsehändler sollte nicht jede einzelne Gurke unter die Lupe nehmen müssen, sondern sich auf eine bestimmte Qualität verlassen können. Die Schattenseite: Produzenten vernichteten immer wieder schlecht gewachsenes Obst und Gemüse. Und irgendwie schlich sich bei vielen Konsumenten verstärkt das Gefühl ein, dass - seit bei der Züchtung auf strammes Erscheinungsbild geachtet wurde - die für Geschmack zuständigen Gene in den Hintergrund rückten. Die so genannte Gurkenverordnung wurde 2009 - übrigens gegen den Willen vieler Mitgliedstaaten - wieder außer Kraft gesetzt. Die Gurke ist nun also wieder dem Wildwuchs überantwortet ebenso wie Zucchini, Karotten, Lauch und Co. So richtig krumm ist das Gemüse allerdings trotzdem nicht mehr anzutreffen.

Ohne Normen gäbe es Chaos

Was Normung bringen soll, ist mit der Gurkenkrümmung wohl hinlänglich erklärt. Normen machen, dass eines zum anderen passt. Ob es um die Krümmung der Gurke oder des Kipferls, die Qualität des Brimsen oder der Krakauer, den Koffeingehalt des Kaffees oder die Abmessungen eines Fußballtors geht. Würde jeder seine Produkte nach eigenem Gutdünken herstellen, so gäbe es wohl die eine oder andere Verwirrung. "Ohne Normen gäb‘s Chaos und Brösel", sagt Walter Barfuß, Präsident des Austrian Standards Institute, anlässlich dessen 90-jährigen Geburtstages. Manche sind österreichisch, manche europäisch und manche gelten weltweit. In Österreich entstand die erste Norm 1921. Da ging es allerdings um die Regelung metrischer Gewinde. Der Schwerpunkt des im Jahr davor gegründeten Österreichischen Normungsinstituts (heute Austrian Standards Institute ASI) lag im Maschinenbau, in der Elektrotechnik und im Kraftfahrzeugbau. 40 bis 60 Normen erschienen jährlich in den 1930er Jahren.

Aus dem Leben gegriffen

"Viele glauben, da sitzen abgehobene Menschen, die sich mit technischem Klimbim auseinandersetzen", sagt Barfuß. Das sei aber keineswegs so: "Normen sind aus dem Leben gegriffen." Rund 6.000 heimische Experten wachen über die heimischen Normen. Gut 5.000 Vorhaben werden jährlich begutachtet, 3.000 davon tatsächlich umgesetzt, bei rund zwei Dritteln handelt es sich um Überarbeitungen. Der Weg der Norm geht von unten nach oben. Jeder Bürger, jede Bürgerin kann die Einrichtung einer Norm anregen oder seine Meinung zu einer geplanten Regelung kundtun. Beim Normungsinstitut wird ein Antrag eingebracht, dann werden Erzeuger, Verbraucher und Wissenschafter gefragt, ob ein Bedarf nach dieser Norm besteht. Zwei bis drei Jahre dauert die Bearbeitungszeit. Dass sich Konsumenten aber bei weitem nicht immer gegen Lobbyisten mancher Branchen durchsetzen, zeigt das Thema Handy-Akku. Eine einheitliche Größe war trotz heftiger Konsumenten(-Schützer)-Kritik nicht durchsetzbar.

Beitrag zum Wirtschaftswachstum

Normen haben aber auch wirtschaftliche Auswirkungen. "Wer die Norm hat, hat den Markt", sagt Elisabeth Stampfl-Blaha, ASI-Vizechefin: "Die Norm ist die Sprache des Handels". Die größte Normungsdichte gibt es laut ASI-Geschäftsführer Gerhard Hartmann in der Bauwirtschaft: "Derzeit, denn in Zukunft gibt es auch Potenzial bei den Dienstleistungen." Internationale Studien belegen, dass Normen und Standards - weil sie ein globales Miteinander zwischen den Wirtschaftspartner aller Welt ermöglichen - rund 25 Prozent zum Wirtschaftswachstum beitragen. Für Österreich bedeutet dies immerhin einen jährlichen Anteil der Normung am Bruttoinlandsprodukt von ein Prozent bzw. zwei Milliarden Euro. Global gesehen bringt jeder Euro, der in die Normung investiert wird laut Gerhard Hartmann den 40-fachen Ertrag.(Regina Bruckner, derStandard.at, 26.5.2010)

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    Die Gurkenkrümmung ist nicht mehr vorgeschrieben. Solche Gurken sieht man dennoch kaum im Handel.

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    Die Internationael Norm ISO 20481 sorgt dafür, dass Kaffee und Kaffee-Erzeugnisse auf ihren Coffeingehalt hin untersucht werden, bevor sie in die Tasse gelangen.

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    Um alle Vitamine und Nährstoffe, die ein Ei enthält, genießen zu können, wird mittels eines Verfahrens sichergestellt, dass jedes Ei salmonellenfrei ist. Dieses Verfahren wird in der ÖNORM EN ISO 6579 festgehalten.

  • ÖNORM DIN 10331 stellt sicher, dass Butter einen idealen Härtegrad hat.
    foto: epa

    ÖNORM DIN 10331 stellt sicher, dass Butter einen idealen Härtegrad hat.

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    ÖNORM EN ISO 1211 legt ein Referenzverfahren zur Bestimmmung des Fettgehalts von Milch fest. Das Verfahren ist auf zahlreiche Milchsorten anwendbar: Rohmilch, Schafsrohmilch, Ziegenrohmilch, Milch mit reduziertem Fettgehalt, chemisch konservierte Magermilch und verarbeitete Flüssigmilch.

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