Der Klang der Vuvuzela

26. Mai 2010, 14:49
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WM-Wege nach Afrika oder wenn ich FIFA-Präsident wäre - eine kritische Betrachtung der WM-Vergabe an Südafrika

Der 15. Mai 2004 war sicherlich ein dramatischer Tag für Fußballfans in Marokko, Ägypten und Südafrika. Es war klar, dass an diesem Tag die Nerven von Fußballfans und sportlichen Behörden in diesen Ländern blank lagen. Denn viele Menschen in diesen Ländern sowie die ganze Fußballwelt warteten gespannt vor den Fernsehern auf die Entscheidung der FIFA: Wo wird das WM-Turnier 2010 ausgetragen? In Marokko, in Südafrika oder in Ägypten? Die Entscheidung im World Trade Centre in Zürich fiel auf Südafrika. Die erste Posaune - Vuvuzela - wurde geblasen. Die Vorfreude zur WM 2010 war in ganz Südafrika enorm. Der Klang der Vuvuzela war überall in Südafrika zu hören und via die modernen Informations- und Kommunikationstechnologien auch in die Ohren der Händler in den "World Trade Centres" unserer Globalwelt gedrungen.

Es war eine begrüßenswerte Entscheidung seitens der FIFA, dass die WM 2010 in Afrika ausgetragen werden müsse. Das WM-Turnier in Südafrika wird sicher als erfolgreichstes Sportereignis auf afrikanischem Boden in die Geschichte eingehen. Die Vorprüfung als Generalprobe, das heißt, die Abhaltung des Confederation Cup 2009 in Südafrika (vom 14. bis 28. Juni 2009) hat gezeigt, dass die Republik Südafrika, sekundiert von der FIFA, imstand ist, die WM professionell und erfolgreich zu organisieren: die Tauglichkeit der Stadien, die Infrastruktur sowie gut ausgebildetes Personal sind gegeben. Und die Vuvuzela ist seit dem Confederation Cup in aller Munde und wurde von der FIFA als Accessoir für die Fußballfan-Dramaturgie akzeptiert. 

Rugbynation

Südafrika aber ist keine Fußballnation. Das Land ist höchstens eine Rugbynation. Das heißt jedoch nicht, dass eine Nicht-Fußballnation den Zuschlag für die WM nicht bekommen soll, wenn sie sich erfolgreich beworben hat. Die USA sind auch keine Fußballnation und haben die WM 1994 erfolgreich organisiert. Das gilt auch für die asiatischen Nicht-Fußballnationen Japan und Südkorea, die gemeinsam die WM 2002 beherbergten. Dennoch ist im Falle von Südafrika eine kritische Betrachtung seiner Ernennung als WM-Austragungsort für die WM 2010 vonnöten. Deshalb die Frage: Wie ist es überhaupt dazu gekommen, dass Südafrika sich für die Austragung der WM 2010 stark gemacht hat und auch als Austragungsort designiert wurde? Diese Frage könnte nur ernsthaft von den 24 Mitgliedern des FIFA-Exekutivkomitees beantwortet werden, da sie sich in Zürich im Jahre 2004 für Südafrika entschieden hatten. Wäre ich aber der FIFA-Präsident, hätte ich eine andere Konstellation für den Austragungsort favorisiert. Weder Marokko noch Südafrika oder Ägypten sollten in diesem Fall einen Zuschlag für die erste WM-Austragung auf afrikanischem Boden erhalten, obgleich die Infrastrukturfrage im FIFA-Exekutivkomitee im Wesentlichen für andere Austragungsorte eine große Rolle spielte.

Die FIFA ist wirtschaftlich und organisatorisch eine Großmacht. Sie fördert Infrastrukturprojekte. Sie hat numerisch mehr Mitglieder als die UNO und kann in manchen Fällen sehr viel mehr für den Frieden in Afrika beitragen als viele westliche philanthropische NROs es tun können. Die FIFA ist auch Peacemakerin und Entwicklungsfördererin zugleich. Aber bei der Wahl des WM 2010-Austragungsorts im Jahre 2004 hat die FIFA zum Teil selbst ihr Peacemakerimage zerkratzt. Sie hat die existierenden Barrieren zwischen Nordafrika und Afrika südlich der Sahara vergrößert. Südafrika würde hier als Kompromisslösung missbraucht: als nicht "rein" afrikanischer Staat (Nicht-Ganz-Afrika südlich der Sahara sprich nicht ganz Schwarzafrika).

Ich bleibe dabei. Als FIFA-Präsident hätte ich für die erste WM-Austragung anders entschieden. Ich hätte das Exekutivkomitee dazu ermuntert, afrikaweit die Möglichkeiten länderübergreifender Kandidaturen für den Austragungsort im Blick auf Infrastrukturförderungen auszuloten. Die Entscheidung Südafrika, Ägypten und Marokko als einzig mögliche Austragungsorte zu bewerten, betrachte ich bis heute als problematisch, wenngleich Tunesien und Libyen versucht hatten, mit einer gemeinsamen Kandidatur durchzukommen. Ihre gemeinsame Bewerbung wurde aber bereits in der Vorrunde abgelehnt und Libyen versuchte abermals vergeblich, sich allein ins Spiel zu bringen. Wie schaute es mit anderen Ländern Afrikas südlich der Sahara - wirkliche Fußballnationen - aus?

Ein Fußballturnier eint in Afrika und gewährt nicht nur in Afrika schwächeren Konfliktparteien - wie im Falle Angola/Cabinda - die Bühne, um ihre Stimme in globaler Öffentlichkeit zu erheben. Solange die mediale Aufmerksamkeit wegen eines internationalen Fußballturniers auf ein afrikanisches Land gerichtet wird, tendieren afrikanische Entscheidungsträger allzu oft dazu, sich als wahre Hüter der Demokratie und Architekten des Friedens zu präsentieren. 

Nun scheint es zum gegenwärtigen Zeitpunkt zu spät zu sein, wenn westliche philanthropische NROs und etliche Entwicklungshilfeindustrielle in Zusammenarbeit mit der FIFA ihre mediale Maschinerie für das Jahrhundertereignis auf dem afrikanischen Boden einschalten. Dies hätten sie vor der Entscheidung im Züricher World Trade Centre im Jahre 2004 bereits machen sollen. Denn ein wirksamer medialer Lobbyismus wie er derzeit hier im Lande geschieht, hätte Südafrika dazu verholfen, sich mit der Heilung frischer Apartheidwunden auseinanderzusetzen, anstatt sich für die WM-Vorbereitung anzustrengen. Südafrika hätte für seine wirtschaftliche Entwicklung Geld gespart, wenn es sich nicht als Kompromisskandidat für die WM beworben hätte. Die Kosten für die Errichtung der Fußball-Stadien sind bereits viel zu hoch und werden das Land sicherlich in die Schuldenfalle treiben.

Südafrika ist ein Rugby-Land, sagt der bekannte südafrikanische Schlagersänger Howard Carpendale in Interviews während seiner Europa-Tournee. Dazu ist es nicht so lang her, dass ein historisches Sportereignis in Südafrika stattgefunden hat, das internationale Rugby-Turnier im Jahre 1995. Und viele Beobachter sind sich einig, dass das WM-Fußballturnier 2010 nicht eine ähnliche gesellschaftspolitische Funktion in Südafrika erfüllen wird, wie es 1995 bei der Rugby-WM der Fall war, als sich das Land durch  Rugby unmittelbar nach Ende der Apartheid als Einheit präsentierte. Ich hätte mich deshalb für andere afrikanischen Nationen stark gemacht, in denen Fußball andere gesellschaftspolitische Werte hat. Damit hätten sie die Möglichkeit, sich aufgrund des Turniers für eine umweltgerechte Modernisierung der Austragungsorte zu engagieren.

Als FIFA-Präsident hätte ich für eine Drei-Länder-Bewerbung plädiert: Ghana - Elfenbeinküste - Togo bzw. Burkina Faso. Flächenmäßig ist Südafrika (1.219.912 km2) doppelt so groß wie Ghana, Elfenbeinküste und Togo bzw. Burkina Faso insgesamt. Die Entfernung zwischen den Stadien in diesen westafrikanischen Ländern (Ghana, Elfenbeinküste und Togo bzw. Burkina Faso) sind halb so kurz wie jene in Südafrika. Die Infrastruktur dieser Länder ist zwar nicht zu vergleichen mit jener Südafrikas, dennoch wären die zehn Stadien, die die FIFA für die Matchspiele benötigt, fast schon vorhanden. Und die Förderung für den Infrastrukturaufbau zwecks der WM 2010 hätte in diesen Ländern lange nach der WM 2010 sicherlich einen nachhaltigen Entwicklungsaufschub beisteuern können. Ich wäre zuversichtlich, dass man innerhalb von sechs Jahren in diesen genannten Ländern eine halbwegs funktionierende Infrastruktur für die WM-Durchführung aufbauen hätte können. Denn die Bilder der Afrikameisterschaft 2008 in Ghana bezeugen von der Fähigkeit westafrikanischer Fußballnationen ein internationales Turnier in der Größenordnung eines WM-Turniers in der Region auszutragen.

Heuschrecken-Kapitalismus

Nun ist es zu spät und die fünfte Posaune (Anm.: Offenbarung Johannes 9 (Die Bibel) - Vuvuzela - tönt bereits, um die Vorherrschaft des Heuschrecken-Kapitalismus über Südafrika voranzukündigen. So haben Heuschrecken durch den Klang der Vuvuzela (Posaune) die Botschaft vernommen, dass Südafrika trotz Rohstoffreichtums vor leerer Kasse stünde und ihre zerstörerische Zeit gekommen sei. So gewähren sie Südafrika durch die Weltbank erstmals seit dem Ende des Apartheidregimes im Jahre 1994 einen Kredit in der Höhe von 3,7 Milliarden US Dollar für die Errichtung des umstrittenen Kohlekraftwerks in der Ortschaft Kusile unweit von Johannesburg. Die Weltbank hat bei ihrer Entscheidung zur Kreditvergabe das Wohl der Anrainer und das Bedenken der Umweltexperten außer Acht gelassen. Hier gilt nur das Gesetz des Heuschrecken-Kapitalismus, das alles zerstört.

Auch wenn wir uns alle längst über das Fußballereignis in Südafrika freuen und dass das WM-Finale erfolgreich durchgeführt wird, wie ich in der Tiefe meines Herzens den WM-Organisatoren wünsche, werde ich meine Meinung nicht ändern: Ich hätte mir gewünscht, dass das Turnier in Westafrika stattfände. Freilich hätte der Klang der Vuvuzela die Ohren der Fußballfans nicht erreichen können; aber die Chance für eine andere afrikanische Gegend, länderübergreifend ihre Infrastruktur zu erschließen, hätte meiner Meinung nach das Gesicht Afrikas mehr erneuern können; besser sogar als das Geld, das in die Fußballinfrastruktur einer Rugbynation gepumpt wurde, tun könnte. Indes bräuchte Südafrika viel mehr Geld, um die durch das Apartheidregime den Menschen geschlagene Wunden zu heilen. Zur Erinnerung: Das Budget für die Stadieninfrastruktur beläuft sich auf 2,5 Milliarden EURO (Stand 2008).

Südafrika als Kompromisslösung zwischen Nordafrika und Afrika südlich der Sahara eignet sich nicht dazu, um Afrika 125 Jahre nach der Berliner Konferenz und 50 Jahre nach der Unabhängigkeitserklärung der meisten afrikanischen Staaten als Aushängeschild für den Kontinent hervorzuheben. Fazit: Die Wahl von Südafrika als Austragungsort für die WM 2010 erweist sich als ein Nur-Jetzt-Projekt, das das Bild Afrikas in der globalen Öffentlichkeit trotz massiver "Medienkampagnen" nicht nachhaltig verbessern wird. Also eine verpasste Chance durch die Fußball-WM, ein Fundament für den Aufbau nachhaltiger umweltgerechter Infrastruktur irgendwo anders in Afrika südlich der Sahara - außer in Südafrika - zu errichten. (Von Espérance-François Bulayumi)

ZUR PERSON:

Dr. Espérance-François Bulayumi ist Bildungsbeauftragter am Afro-Asiatischen Institut in Wien (AAI-Wien) und Autor mehrerer Bücher. Demnächst: "Das Beichten eines Afro-Wiener" (Roman).

WISSEN

FIFA (französische Abkürzung von Fédération Internationale de Football Association): Internationaler Fußballverband. Die FIFA wurde am 21. Mai 1904 in Paris gegründet. Gründungsmitglieder waren die nationalen Fußballverbände der Niederlande, Belgiens, Dänemarks, Frankreichs, der Schweiz und Schwedens sowie der spanische Fußballclub "Madrid Football Club", der heutige Real Madrid. Gegenwärtig gilt die Mitgliedschaft zu einem der sechs Kontinentalverbände als Voraussetzung für die FIFA-Mitgliedschaft, wobei die traditionelle Kontinentalgrenze in manchen Fällen Ausnahmen bildet. So gehört zum Beispiel Australien zur "Asian Football Confederation", nicht aber zur "Oceania Football Confederation" (OFC); Israel und einige zentralasiatischen Staaten sind FIFA-Mitglieder aufgrund ihrer Mitgliedschaft zur UEFA. Schottland, Wales, Färöer-Inseln sind FIFA-Mitglieder, trotzt ihrer Zugehörigkeit zur Vereinten Königreich Großbritannien bzw. Dänenmark; dagegen gehören Kosovo und Baskenland nicht zu den 208 Nationalverbänden, die sich derzeit in der FIFA zusammengeschlossen haben. Die sechs Kontinentalfußballverbände sind: Asian Football Confederation (AFC), Confédération Africaine de Football (CAF), Confederation Sudamericana de Fútbol (CONMEBOL CSF),
Confederation of North and Central American and Caribean Association Football (CONCAF), Oceania Football Confederation (OFC) und Union of European Football Association (UEFA).
Die FIFA wird von 35 ständigen Ausschüssen und juristischen Institutionen verwaltet (darunter Goal Developments Officers zuständig für Entwicklungsfragen). Ein gewählter Präsident ist der höchste Verbandsrepräsentant. Der Schweizer Joseph Blatter ist der derzeitige FIFA-Präsident. Seit 1934 befindet sich der FIFA-Sitz in Zürich.

VUVUZELA: Die Vuvuzela ist ein traditionelles südafrikanisches Horn. Das Instrument hat seinen Einzug in die südafrikanischen Sportstadien in der 90er-Jahren gefunden. Der Klang der Vuvuzela ähnelt dem Elefantengeschrei. Sie hat die länge eines Unterarms eines durchschnittlichen erwachsenen Menschen. Seit dem Confederation Cup 2009 ist die Vuvuzela als Fan-Accessoires offiziell für den Einsatz in den Fußballstadien der FIFA zugelassen.

  • Dr. Espérance-François Bulayumi hätte - wenn er FIFA-Präsident wäre - die WM nicht an Südafrika vergeben, sondern für eine Drei-Länder-Bewerbung plädiert.

    Dr. Espérance-François Bulayumi hätte - wenn er FIFA-Präsident wäre - die WM nicht an Südafrika vergeben, sondern für eine Drei-Länder-Bewerbung plädiert.

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