Klimagerechtes Wohnen hat seine Tücken

26. Mai 2010, 11:51
5 Postings

Die vielen Niedrigenergie- und Passivhäuser reichen nicht aus, um Österreichs Klima-Rückstand auch im Wohnen wettzumachen. Auf das Verhalten der Bewohner kommt es an, hieß es beim Wohnsymposium

Die vielen Niedrigenergie- und Passivhäuser reichen nicht aus, um Österreichs Klima-Rückstand auch im Wohnen wettzumachen. Auf das Verhalten der Bewohner kommt es an, hieß es beim STANDARD-Wohnsymposium.

Wenn es nur nach den gemeinnützigen Bauträgern ginge, dann hätte Österreich seine Klimaziele schon längst erreicht. Denn der geförderte Wohnbau hat in den vergangenen Jahren konsequent auf Niedrigenergie- und Passivhaustechnologie umgestellt, bei dem nur noch ein Bruchteil der Heiz- und Kühlkosten anfallen. Österreich ist in diesem Segment ein internationaler Vorreiter, hieß es beim 37. STANDARD-Wohnsymposium, das sich vergangene Woche unter dem Titel "Aktiv oder passiv" dem Beitrag des Wohnbaus zum Klimaschutz widmete.

Aber in der gesamten heimischen Wohnungswirtschaft fällt die CO2- Bilanz viel ernüchternder aus. Da Passivhaustechnologie zwar staatlich gefördert, aber nicht gesetzlich gefordert wird, ist der Energieverbrauch bei freifinanzierten Wohnhäusern viel höher. Die thermische Sanierung des riesigen Wohnungsaltbestands kommt trotz des Erfolgs der vorjährigen Förderung nur sehr schleppend voran. Die 1,5 Millionen Ein- und Zweifamilienhäuser in Österreich sind zum Großteil Energieschleudern. Und selbst neue Passivhäuser erfüllen selten alle Erwartungen, weil die Bewohner mit der ungewohnten Technologie nicht umgehen können.

Die Sanierung könne mit Förderungen angekurbelt werden, aber das Verhalten der Menschen zu ändern sei eine viel größere Herausforderung, betonten Experten und Praktiker bei der vom Fachmagazin "Wohnen Plus" mitveranstalteten Tagung im Wien-Museum. "Klimaschutz im Wohnbau ist in erster Linie eine Wohnkulturfrage und nicht eine technische Frage", sagt der Raumplaner und Innovationsexperte Robert Korab im Eröffnungsreferat.

In den vergangenen 15 Jahren habe sich die Technologie und damit die Hardware geändert, aber "bei der Frage der Verhaltensänderungen stehen wir erst am Anfang. Diese sind eine Frage der Werte und erzwingen eine Änderung des Lebens." Was bringe es dem Klima, wenn Menschen zwar in Passivhäusern wohnten, aber der Wohnraum wachse und durch größere Entfernungen auch die Abhängigkeit vom Automobil, fragt Korab und fügt hinzu: "Ein Teil der energetischen Einsparung wurde bereits wieder konsumiert."

"Keine Heilslehre"

Ob das Wohnen im Passivhaus funktioniere, sei eine Frage der Akzeptanz, erklärt der Salzburger Psychologe Alexander Keul, der hunderte Bewohner in verschiedenen Wohnanlagen befragt hat. Die Mehrheit der Passiv- und Niedrigenergiehaus-Bewohner seien keine Umweltschützer und hätten sich nicht bewusst für energiesparendes Wohnen entschieden; und unter ihnen seien viele unzufrieden. "Niedrigenergielösungen sind keine Heilslehre, es gibt Menschen, die das nicht wollen", sagt Keul. Deshalb sollte man differenzierte Angebote machen. Es hat keinen Sinn, Leuten das Gefühl zu geben, sie sind dort hineingeschoben worden."

Die Immobilienmanager Michael Pech (Österreichisches Siedlungswerk) und Gerhard Schuster (Buwog), die beide Passivhausanlagen errichten, können aus der Praxis Ähnliches berichten: Es dauere lange, bis sich Menschen an das Leben mit komplizierten Lüftungsanlagen gewöhnen, und dies erfordere viel Überzeugungskraft und offene Kommunikation.

Dass Österreich deutlich die Kioto-Klimaziele verfehlt und diese bis 2012 kaum noch erreichen kann, dazu trägt auch der Gebäudebestand bei. 16 Prozent der CO2-Emissionen kommen vom Heizen. "Der Gebäudesektor spielt beim Erreichen der EU-Klimaziele eine zentrale Rolle", sagt Ingmar Höbarth, Geschäftsführer des Klima- und Energiefonds der Bundesregierung.

"Gemeinnützige vom Passivhaus weit entfernt"

Den größten Handlungsbedarf sehen Experten bei der Sanierung des Bestandes. Die Wifo-Ökonomin Angela Köppl sieht in einer Sanierungsoffensive, mit der die Sanierungsrate des Bestandes von den derzeit mageren ein Prozent auf drei Prozent erhöht wird, zahlreiche ökologische, ökonomische und soziale Vorteile. Mit Investitionen von 2,2 Milliarden Euro könnte eine Bruttowertschöpfung von 3,3 Milliarden Euro erzielt werden, fast alles bei heimischen Unternehmen. Dies würde den CO2-Ausstoß im Jahr um 180.000 Tonnen verringern. Und für die Bewohner würden langfristig die Energiekosten fallen. "Wenn wir bedenken, welche Relevanz Gebäude beim Energieverbrauch haben, kommen wir da nicht herum", sagt Köppl.

Der Architekt und Boku-Professor Martin Treberspurg sieht bei der Sanierung selbst die Gemeinnützigen im Verzug. "Sie haben zwar einen Bestand auf gutem Niveau, aber vom Passivhaus ist man weit entfernt", kritisiert er. (Eric Frey, DER STANDARD, Print-Ausgabe, 26.5.2010)

  • Artikelbild
    cartoon: standard/oliver schopf
Share if you care.