Die Probleme mit den denkenden Autos

25. Mai 2010, 19:37
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Wien - Ausparken, über die Autobahn brausen, einparken. All das soll Leonie können - ohne menschliche Hilfe. Denn Leonie ist ein an der Technischen Universität Braunschweig entwickeltes Forschungsfahrzeug, das ein "autonomes Fahrzeug" sein soll, in dem also der Lenker oder die Lenkerin die Hände nicht mehr am Steuer und die Füße auf den Pedalen haben soll. Die Vision des TV-Superautos K.I.T.T rückt also näher. Die immer weiter gehende Eigenständigkeit der Fahrzeuge wirft aber rechtliche Fragen auf.

"In den vergangenen 20 Jahren ist in den Fragen der Verkehrssicherheit vornehmend auf passive Systeme wie Airbags oder Karosserie Wert gelegt worden", sagt Christoph Lauterwasser, Geschäftsführer des Allianz-Zentrums für Technik in München, wo man sich für die Versicherung auch mit Unfallforschung beschäftigt. "Der nächste Schritt sind nun die aktiven Systeme." Die Unfall- und Opferzahlen würden durch automatische Bremssysteme, Fußgängererkennung oder Spurverlassenswarner, die selbstständig in die Lenkung eingreifen, in Zukunft weiter deutlich sinken, ist er überzeugt.

"Das wichtigste Assistenzsystem derzeit ist das ESP, das Schleudern verhindert." Auch ein automatisches Bremssystem für den Stadtverkehr, wie es derzeit beispielsweise Volvo anbietet, sei sinnvoll. "25 Prozent der Unfälle sind Auffahrunfälle, das Schleudertrauma der häufigste Personenschaden."

Dominantes Fahrzeug

Beim Autofahrerklub ÖAMTC ist man bei der Bewertung deutlich vorsichtiger. "Aus technischer Sicht lässt sich heute schon fast alles machen", sagt Steffan Kerbl, Leiter der Testabteilung. "Die Frage ist aber: Wie weit lässt sich der Fahrer beeinflussen?"Das Antiblockiersystem oder ESP befürwortet auch er, da es meistens passiv ist und der Fahrer es auch beim Einsatz kaum bemerkt. "Bei Bremsassistenten wird es schon schwieriger. Es hängt ja auch von der Situation ab: Will ich bremsen oder ausweichen? Wenn nun ein Fahrzeug so dominant reagiert, dass es automatisch bremst, obwohl man ausweichen will, könnte eine Verantwortungsfrage entstehen."

Denn im sogenannten Wiener Übereinkommen aus dem Jahr 1968 ist festgelegt, dass jeder Führer (übrigens auch von Zug- und Reittieren) "dauernd sein Fahrzeug beherrschen" muss. "Wenn es zu einem Auffahrunfall kommt, wird der Kläger wohl sagen: ,Ich hätte noch ausweichen können', während der Hersteller argumentieren wird: ,Das System bremst erst, wenn man nicht mehr ausweichen kann", erläutert Kerbl.

Auch die Einparkassistenz, bei der der Wagen nahezu selbstständig in eine parallel zum Gehsteig verlaufende Parklücke fährt, ist für den Techniker "fast schon über der Grenze". Es müsse nicht unbedingt ein Unfall mit einem anderen Fahrzeug sein, es reiche schon, wenn die eigene Felge beschädigt wird, da das System eine Unregelmäßigkeit am Bordstein übersieht.

Gerade dieses System sieht Versicherungsmann Lauterwasser aber als Beispiel, dass Fahrer über Hilfe froh sind. "Eine Umfrage ergab, dass die Akzeptanz sehr hoch ist und man mittlerweile fast darauf angewiesen ist. Etwa weil neue Autodesigns die Sicht durch die Heckscheibe einschränken." ÖAMTC-Experte hat bei anderen Systemen aber eine andere Erfahrung gemacht. "Von den Überprüfungen bei Gebrauchtwagen wissen wir, dass beispielsweise Abstandstempomaten zu den eher jungfräulichen Schaltern im Auto gehören. Abgesehen von wirklichen Vielfahrern werden sie offenbar nicht benutzt."

Auch Lydia Ninz vom ARBÖ weiß, dass der Eingriff ins automotive Leben von den Lenkern nur bedingt gewünscht ist. "Autofahrer wollen gerne mit Informationen versehen werden, beispielsweise über aktuelle Tempolimits. In der Regel wollen sie aber nicht, dass das Auto direkt ins Geschehen eingreift."

Einig sind sich alle drei, dass die Bedienbarkeit das entscheidende Kriterium sein wird. "Natürlich ist man verpflichtet, sich vor der Inbetriebnahme eines Fahrzeugs mit diesem vertraut zu machen. Aber es ist in Wahrheit unrealistisch, dass sich jemand bei einem Mietauto 30 Seiten in der Bedienungsanleitung durchliest", sagt Krempl.

Auch die Korrektur der Systeme durch den Fahrer müsse intuitiv sein, meint Lauterwasser. Das werde auch die Einführung von vollautonomen Systemen deutlich bremsen. "Es kann dann natürlich sein, dass die Haftungsfrage vollkommen neu diskutiert werden muss." Schließlich stellt Krempl die Frage: "Warum soll ich diese Systeme überhaupt benutzen, wenn ich ohnehin ständig alles im Griff haben muss?" (Michael Möseneder/DER STANDARD, Printausgabe, 26. Mai 2010)

  • Ein Mann und sein Auto kämpfen nicht nur gegen das Unrecht - mitdenkende Autos sollen auch die Unfallzahlen senken - Das Kommando des Computers wird aber nicht allgemein goutiert und wirft rechtliche Fragen auf
    foto: der standard/mega

    Ein Mann und sein Auto kämpfen nicht nur gegen das Unrecht - mitdenkende Autos sollen auch die Unfallzahlen senken - Das Kommando des Computers wird aber nicht allgemein goutiert und wirft rechtliche Fragen auf

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