Neue Abfalljäger braucht das Land

25. Mai 2010, 19:22
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Zu Jägern nach verlorenen Schätzen im Abfall werden einige Österreicher - mit Biomüllprojekten für den Straßenbau und der Erdgasgewinnung aus Treibhausgasen

Das Magazin Reader's Digest lesen wir gern, wenn es Dinge bestätigt, die wir schon immer vermutet, aber nie zu behaupten gewagt haben: Wir Österreicher sind Europameister beim Mülltrennen! Von 32.000 befragten Europäern trennen im Schnitt rund 82 Prozent Müll. Dies aktiv zu tun, gaben aber 96 Prozent der Österreicher in einer April-Umfrage des Magazins an. Anfang Mai legte die Altstoff Recycling Austria mit einer Statistik nach: Ähnlich rekordverdächtig ist die heimische Sammelwut - 824.000 Tonnen an recyclingfähigem Material wurden 2009 zusammengetragen und fast 90 Prozent davon wiederverwertet.

Was nicht in Reader's Digest steht: Unserer hochentwickelten Gesellschaft von Sammlern gehören ebenso engagierte Jäger nach neuen Technologien an. Diese arbeiten gerade an der Lösung für die Aufbereitung von Abfällen, deren wahrer Wert uns vorderhand verborgen bleibt.

Öle, die ökologisch picken

"Mit Pressrückständen von Ölpflanzen wie Raps, mit Pechen aus der Speiseölverarbeitung oder mit anfallenden Reststoffen der Zellstoffgewinnung sollte es uns gelingen, künftig gewöhnlichen Bitumen für den Straßenbau herstellen zu können", ist Johann Bleier überzeugt. Der Nutzen einer solchen Technologie sei evident, so der Leiter des Forschungsprojekts bei der oberösterreichischen Vialit-Gesellschaft: Allein Österreich benötige fast 500.000 Tonnen Bitumen jährlich für den Straßenbau, die Preise dafür sind in den letzten vier Jahren um das Dreifache gestiegen, und derzeit gibt es kein alternatives Bindemittel für den Straßenbau. Dass die Forschung für nachaltige Erdölsubstitute von der Forschungsförderungsgesellschaft FFG unterstützt wird, liegt also auf der Hand. Das Projekt ist Teil des Programms Fabrik der Zukunft des Infrastrukturministeriums.

Und dennoch liegt die Erzeugung von Biobitumen in großem Maßstab noch in weiter Ferne. Das hängt auch mit einer Grundsatzentscheidung der Projektpartner zusammen: Rund ein Prozent der gesamten in Österreich wachsenden Biomasse müsste für die bedarfsdeckende Produktion eingesetzt werden. Allerdings sollen nachwachsende Rohstoffe selbst nur beschränkt "verschwendet" werden - im Idealfall werden nur deren schwieriger zu verarbeitende Abfallprodukte eingesetzt.

Außerdem müssten Großanlagen wie Erdölraffinerien für eine Substitution fossiler Rohstoffe mit ins Boot geholt werden, aber solange die Verfügbarkeit der Erdölreserven noch gesichert scheint, gebe es eine "sehr schlechte Startposition für Biobitumen", so Bleier. Mittelfristig realistischer sei der Einsatz in Schwellenländern, wo kleine und bäuerliche Versorgungslinien parallel entstehen.

Dass die Primärsubstanzen von nachwachsenden Rohstoffen effektiv im Straßenbau eingesetzt werden, hat Vialit bereits nachgewiesen: Seit 1992 wird in Ober- und Niederösterreich Rapsasphalt zur Straßenerhaltung verwendet. Die Bilanz: Straßenabschnitte, die mit "Bioasphalt" behandelt wurden, sind auch nach 18 Jahren noch funktionstüchtig, weisen also kaum Frostschäden auf. Die Konservierungskosten liegen, auf die gesamte Nutzungsdauer gerechnet, nur bei rund 10 Eurocent pro Jahr und Quadratmeter.

Erdgas aus dem Treibhaus

Und dann gibt es da einen Abfallstoff, der uns, global betrachtet, gerade die größten Schwierigkeiten bereitet: das Treibhausgas CO2. Wie daraus ein wertvoller Rohstoff wird, glaubte Alexander Krajete schon 2007 herausgefunden zu haben. Nur wollte während seiner Tätigkeit im erdöl- und erdgasreichen Norwegen davon niemand etwas wissen, also ging er 2008 nach Österreich zurück. Mit Unterstützung der oberösterreichischen Hightech-Gründeragentur tech2b rief er das Projekt Greentech ins Leben, eine "Preseed"-Finanzierung von der Austria Wirtschaftsservice folgte.

Aber was hatte Krajete eigentlich herausgefunden? "Die Biologie eignet sich besser als die Chemie, um CO2 sinnvoll verwerten zu können," so der promovierte Chemiker. Während der Hälfte unserer Erdgeschichte musste Leben ohne Sauerstoff auskommen. Die ältesten Mikroorganismen waren demnach Spezialisten in der Umwandlung von CO2, um das eigene Überleben zu gewährleisten. Was liegt also näher, als diesen Bakterien die schwierige Arbeit umzuhängen, bisher wertlose Abfallgase aufzubereiten.

Im Labormaßstab funktioniert der Prozess mithilfe dieser Organismen bereits: An der TU Wien wurde im Labor und in einer mobilen Pilotanlage CO2 zu Erdgas umgewandelt! Abgesehen vom ohnehin revolutionären Charakter dieses Verfahrens, ist es außergewöhnlich, dass CO2-Abgasströme direkt verwertet werden könen. Die Bakterien kommen auch mit einem nichtaufbereiteten Gemisch an Abfallgasen zurecht. Das Potenzial: mittelfristig etwa beim Einsatz in Biogasanlagen. Langfristig betrachtet, eignet sich das Verfahren dazu, unterirdisch zwischengespeicherten "CO2-Müll", der somit gar nicht erst in die Atmosphäre gelangt, umzuwandeln. Daraus würde ein gigantisches Erdgasreservoir entstehen. (Sascha Aumüller/DER STANDARD, Printausgabe, 26.05.2010)

 

  • Bio für den Straßenbau? Aus Pressrückständen von Ölpflanzen will man in Oberösterreich Bitumen herstellen.
    illustration: fatih aydogdu

    Bio für den Straßenbau? Aus Pressrückständen von Ölpflanzen will man in Oberösterreich Bitumen herstellen.

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