Das schwierige Erbe der Anthropologie

25. Mai 2010, 19:03
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Die undankbare historische Aufarbeitung der Museumsgeschichte

Noch im Jahr 1996 wurden im Saal XVII des Naturhistorischen Museums Wien "Menschenrassen" ausgestellt - und zwar in Form von Schädeln und Fotos, die mit allerlei wertenden Begleittexten versehen wurden. Symptomatisch war auch die Anordnung der 1978 aufgestellten Objekte: Am Beginn des Rundgangs im "Rassensaal" wurde ein "primitiver" Tasmanierschädel gezeigt, am Ende der eines "nordiden" Schwedens samt Foto eines blonden Skandinaviers. In einer Ecke des Saals stand damals eine Tafel, die "eine Neugestaltung der Anthropologischen Schausäle in nächster Zeit" ankündigte, zumal es "ein Gebot der Stunde" sei, "darzustellen, auf welche Art und Weise unser Jahrhundert den an sich wertneutralen Rassebegriff zum Rassismus verwandelte und ihn als legitime (sic!) Grundlage für die Ausrottung und Vertreibung ganzer Völker (...) missbrauchte".

Der damals neubestellte Generaldirektor Bernd Lötsch hatte zunächst nicht allzu viel an der Saalgestaltung auszusetzen. Erst nach mehreren Artikeln in der Stadtzeitung Falter und zwei parlamentarischen Anfragen der Grünen sah er sich gezwungen, die einigermaßen rassistische Schädelschau zu schließen und eine Neugestaltung der anthropologischen Dauerausstellung anzukündigen.

Es blieb bei leeren Worten. Zwar legte Maria Teschler-Nicola, die Leiterin der Abteilung für Anthropologie im NHM, bereits vor fast zehn Jahren ein Konzept für eine Neuaufstellung vor, doch Lötsch verhinderte dessen Umsetzung beharrlich. Der Platz wurde und wird stattdessen für Sonderausstellungen (aktuell: die vielbesuchte Darwin-Schau) genützt. Nach den Plänen des neuen Generaldirektors soll sich das demnächst ändern: Spätestens Anfang 2012 soll es laut Köberl endlich wieder eine anthropologische Dauerausstellung über die Evolution des Menschen im Museum auf Basis der aktualisierten Konzepte von vor fast zehn Jahren zu sehen geben. In der Zwischenzeit hat sich die Leiterin der Abteilung nicht nur mit ihren anthropologischen Forschungen einen internationalen Namen gemacht, sie ist auch zur Historikerin ihres eigenen Fachs geworden, das gerade am NHM Wien eine dunkle Geschichte hat. Nach einer Aufarbeitung der anthropologischen Aktivitäten in der NS-Zeit hat sich Teschler nun ein eine besonders mühsame und undankbare, aber umso ehrenhaftere Aufgabe vorgenommmen: Im Rahmen eines vom Wissenschaftministerium finanzierten Formuse-Projekts erforscht sie mit Mitarbeitern die zum Teil illegalen anthropologischen Anschaffungen insbesondere rund um 1900.

Schon in den ersten Monaten des Projekts stieß das Team um Teschler auf höchst fragwürdige Erwerbungen, die bislang noch nicht bekannt waren. So seien laut Teschler auch in Südostasien und Afrika unter halb kriminellen Umständen Knochen erworben bzw. eher entwendet worden, um sie den Beständen des Museums einzuverleiben. Und diese Bestandrecherchen haben auch konkrete Folgen: Bereits im vergangenen Herbst wurden die Aborigines-Knochen in einer würdigen Zeremonie restituiert. (tasch/DER STANDARD, Printausgabe, 26.05.2010)

 

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