Der riskante Wandel in der Türkei

25. Mai 2010, 19:05
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Eine Modernisierung in der Türkei findet statt, kein Zweifel. Geblieben sind aber die tief patriarchalischen, traditionalistischen Strukturen.

Die EU hat derzeit andere Sorgen als den Beitritt der Türkei. Griechenland und die Euro-Krise stellen die Frage nach dem Zusammenhalt und dem inneren Zustand der Union. Auf absehbare Zeit kann die EU nicht ein neues Mitgliedsland mit 70 Millionen Einwohnern und einer zwar wirtschaftlich dynamischen, aber gesellschaftlich-politisch potentiell explosiven Struktur brauchen.

Es existiert allerdings unter europäischen Eliten ein Gedankenmodell, wonach die EU gerade durch die Aufnahme der Türkei im "Kampf der Kulturen" mit dem Islam eine erlösende Rolle spielen könne. Beim nun zum dritten Mal stattfindenden "Istanbul Seminar" des in Rom angesiedelten "Reset" -Thinktanks entwickelte der berühmte französische Soziologe Alain Touraine die Theorie, dass die EU dringend eine neue Lebensaufgabe bräuchte. Die bisherige Raison d'etre, nämlich die Überwindung der Erbfeindschaften in Europa, die wirtschaftliche Integration, die Eingliederung Deutschlands in die demokratische Entwicklung und die Vereinigung von West-und Osteuropa sei sozusagen positiv erledigt. "Europa hat nur eine Chance auf Überleben, wenn es Einfluss bei der Lösung großer internationaler Probleme hat. Der Beitritt der Türkei zur EU ist der einzig mögliche Weg für uns, das Verhältnis zum Islam positiv zu gestalten. Statt schwache islamische Länder anzugreifen sollte der Westen starke islamische Länder wie die Türkei inkorporieren" .

Tatsächlich wirft jeder Besuch in der Türkei aufs Neue die Frage auf, ob Europa nicht eine immense Chance vergibt , wenn es die Türkei nicht als Mitglied aufnimmt - oder ob es mit einer Aufnahme ein unkalkulierbares Risiko eingehen würde.

Dazu gibt es zunächst anekdotische Beweislagen. Mit jedem Besuch in Istanbul scheinen die Kopftücher und die schwarz vollverhüllten Frauen mehr zu werden. Die Stadt erlebt auf jeden Fall eine massive Einwanderung konservativster Schichten aus Anatolien. Das westlich orientierte Bürgertum, aus dem etwa Orhan Pamuk stammt, gibt es zwar und die angesagten Diskotheken sind voll mit den Schönen und Reichen und Jungen, aber die riesengroße Mehrheit ist arm und tief traditionalistisch.

Andererseits hat die gemäßigt islamische Regierungspartei ganz zweifellos Reformen in Richtung Rechtsstaat, Demokratisierung und Minderheitenrechte vorangetrieben. Das wird aber wieder unterminiert durch den rabiaten türkischen Nationalismus, einem "Türkentum-Mythos" , dem auch Premier Erdogan Zugeständnisse machen muss. Das - und die damit einher gehende tief autoritäre - Mentalität ist das Problem in der Türkei , nicht so sehr der Islam.

Das Land ist ganz eindeutig in einem historischen Wandel. Eine Modernisierung findet statt, kein Zweifel. Geblieben sind aber die tief patriarchalischen, traditionalistischen Strukturen. Ein liberales Demokratie-und Gesellschaftsverständnis ist selten. Premier Erdogan bastelt an einer Verfassungsänderung, die ihm präsidiale Macht geben würde. Die meisten glauben an autoritäre Lösungen. Das ist das Risiko. (DER STANDARD, Printausgabe 26.5.2010)

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