"Ein Neoliberaler macht so etwas nicht"

25. Mai 2010, 18:54
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Als guter Umweltschützer recycle er auch politische Ideen, sowohl von links als auch von rechts, sagt Antanas Mockus im STANDARD-Interview

STANDARD: Sie treten für die Grüne Partei an. Welche Priorität hat der Umweltschutz in Ihrem Programm?

Mockus: Prioritär ist der Respekt des Lebens und der Menschenwürde. Danach kommen die Transparenz und die Aufrichtigkeit bei der Handhabung der Steuern durch die öffentliche Verwaltung und danach der Umweltschutz. Kolumbien hat sehr fortschrittliche Umweltgesetze. Das Problem ist jedoch, dass sie nicht umgesetzt werden. Das müssen wir ändern. Ich und meine Nachfolger im Rathaus von Bogotá, die mich heute unterstützen, haben beispielsweise die Tarife für Wasser angehoben und damit den Konsum um die Hälfte reduziert.

STANDARD: Wie definieren Sie Ihre politische Linie?

Mockus: Ich recycle gute Ideen verschiedenster ideologischer Richtungen. Von den Rechten habe ich gelernt, dass die Intervention des Staates oft ineffizient ist und gut überlegt sein muss. Von der Linken habe ich gelernt, dass der Markt allein die Dinge nicht regelt. Im Herzen meines Programms befinden sich daher Einnahme und transparente Verwaltung der Steuergelder. Ich habe in Bogotá zweimal Wahlen mit dem Versprechen höherer Steuern gewonnen. Ein Neoliberaler macht so etwas nicht.

STANDARD: Ihr Gegner, Juan Manuel Santos, zweifelt an Ihrem Willen zur Bekämpfung der Guerilla. Wie wollen Sie mit der Farc umgehen?

Mockus: Wir alle kennen den hohen Preis, den wir für Erpressung und Entführungen bezahlt haben. Unser Friedenswille wurde systematisch von der Farc missbraucht. Wir müssen ihnen jetzt ein klares Zeichen geben, dass Verhandlungen nicht möglich sind, solange sie Menschen entführen. Gespräche sind nur möglich, wenn die Farc die Menschenrechte und die kolumbianische Verfassung respektiert. Das Problem ist, dass sich die Farc durch Drogenhandel finanziert. Ohne Drogen hätte es hier längst ein Friedensabkommen gegeben.

STANDARD: Wie soll sich Kolumbien in Zukunft gegenüber den Europäern positionieren?

Mockus: Von Europa können wir viel lernen in Sachen Integration. Hätten sich die europäischen Staaten nicht integriert, wären sie heute unbedeutende Akteure auf der Weltbühne. Nun bricht eine neue Phase für unser Land an, und ich hoffe, dass Europa uns dabei unterstützen wird. DER STANDARD, Printausgabe 26.5.2010)

Zur Person:

Antanas Mockus (58), mit vollem Namen Aurelijus Rutenis Antanas Mockus Šivickas, ist der Sohn litauischer Einwanderer. Er studierte Geografie und Philosophie und wurde zunächst Professor, dann Rektor der Universität Bogotá. Im Jahr 1995 wurde er erstmals zum Bürgermeister Bogotás gewählt, 2001-2004 absolvierte er eine zweite Amtszeit.

 

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    Mockus: "Ich recycle gute Ideen verschiedenster ideologischer Richtungen."

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