Sisyphos verliert gegen das Öl auf dem Meer

25. Mai 2010, 19:07
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Die Bewohner der Küstengebiete von Louisiana sind der Ölpest hilflos ausgeliefert: Strände und Meer sind verseucht, Fischerei und Tourismus am Boden - Der Zorn der Menschen hat einen Adressaten: BP

Es ist da. In orangebraunen Pfützen treibt das Öl auf dem Meer. So, als wären Farbeimer umgekippt. "Boje 27", meldet Kelly Besson über Funk. "Da haben wir die Pampe wieder."
Keine zehn Minuten ist der Käpt'n in die Barataria Bay hinausgefahren. Schwappt die braune Brühe aus dem offenen Meer hier in die Nähe der Inselchen, schwappt sie in ein hochempfindliches Ökosystem. "Dann sind wir erledigt", sagt Kelly Besson, ein baumstarker Kerl Mitte vierzig: "Erledigt. Mausetot."

Eine verendete Schildkröte liegt wie ein Felsbrocken am Ufer. Verschmiertes Schilf ragt aus dem Wasser: Vor Queen Bless Island zeigt sich das Ausmaß der Katastrophe. Beim nächsten Sturm werden die Wellen das Öl weit ins Innere des Eilands treiben. Der Schlamm, den das Schilf zusammenhält, wird dann in die Bucht rutschen. Besson weiß, was das bedeutet: Das Ende von Queen Bless Island.

Zwei Meilen weiter liegt die "Azmania". Der vietnamesische Garnelenfischer, dem der Trawler gehört, fischt Öl. Mit schnellen Griffen zieht er eine weiße Kunststoffschlange aus dem Wasser. Das poröse Material saugt die braune Brühe auf. Ist die Schlange klebrig genug, stopft der Fischer sie in einen Plastiksack. Die nächste Schlange: Sisyphos auf dem Meer.

Deano Bonano ist der Kragen geplatzt, als der stinkende Brei am Freitag den grauen Sandstrand von Grand Isle erreichte. Manche Klumpen sind so groß wie ein Handteller. Die Klumpen lassen Josie Cheramie, die Chefin der örtlichen Zimmervermittlung, vom Ende des Tourismus sprechen - die Insel lebt zu hundert Prozent davon: "Wer will im Schmieröl Sandburgen bauen?"

In den Kirchen beten die Menschen, dass BP das Loch auf dem Meeresboden stopfen kann. Die Wundermaschine von Kevin Costner ist Inselgespräch, ein Riesenstaubsauger, der das Gift angeblich aufsaugen kann. 26 solcher Geräte will Costner an den Golf von Mexiko bringen. Aber an Wunder glaubt kaum jemand mehr.

Deano Bonano fliegt täglich übers Meer - und beobachtet das Öl: Aus 14 Meilen zur Küste wurden zehn, dann acht, dann vier. Er schlug Alarm - aber von BP bekam er zu hören, dass es nicht so schlimm werden würde. Grand Isle liege ja westlich der Mississippi-Mündung.

Jetzt ist es nirgends so schlimm wie hier: Katastrophengebiet. Am Sonnabend ließ sich Bonano, der Sicherheitschef des Gemeindebezirks Jefferson Parish, keine Ausflüchte mehr gefallen. Die Boote, die BP unterstanden und rausfahren sollten, um Schwimmbarrieren zu legen, requirierte er kurzerhand. Die Regierung Barack Obamas, fügt der Krisenmanager hinzu, habe den Multi zu lange gewähren lassen. Seit Sonntag lässt Bonano in der Barataria-Bucht Rohöl fischen. Es ist zu spät - das ahnt er selber.

Big Oil und Big Government

"BP sucks!", hat jemand auf ein Sperrholzschild gekritzelt. Daneben steht, dass das Baden auf Grand Isle verboten ist. "And Obama sucks too", steht mit Filzstift unter der Zeile. Big Oil und Big Government - in den Augen Dean Blanchards haben sie aber beide versagt.

Im Unterhemd sitzt Blanchard am Tisch seines winzigen Büros. Er ist so etwas ist wie der König von Grand Isle, ein Großhändler, der pro Jahr 40 Millionen Dollar Umsatz macht: Jeder Garnelenfischer liefert seinen Fang an ihn. Eine Straße ist nach ihm benannt.

Blanchard ist Lokalpatriot, eine lokale Legende, die auch schon Hurrikane aussaß. Jetzt denkt er ans Weggehen. "Nach einem Hurrikan kannst du alles wieder aufbauen. Aber Fischen kannst du hier auf Jahre nichts mehr. Die verdammten Ölmänner haben ihren Verlust bald wieder rein, und wir sitzen dann immer noch im Schlamassel." (Frank Herrmann aus Grand Isle/DER STANDARD, Printausgabe, 26.Mai 2010)

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    "Wer will schon, dass seine Kinder im Sommer im Schmieröl Sandburgen bauen?" Der Tourismus auf Grand Isle ist tot - So tot wie der Strand und die dort angespülten Meerestiere

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