"Krieg" um Drogenboss

25. Mai 2010, 22:28
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Der Premierminister gab grünes Licht für die Auslieferung des Drogenbosses Christopher "Dudus" Coke - Seither brennen in den Armenvierteln von Kingston Polizeistationen

Kingston – Die Polizei hatte am Montag ein Viertel im Stadtteil Tivoli Gardens in Kingston gestürmt und Barrikaden durchbrochen, die von Anhängern des gesuchten Gangsters Christopher "Dudus" Coke errichtet worden waren. Vize-Polizeichef Glenmore Hinds sprach von einem "Krieg" gegen die Banden. Bei den blutigen Auseinandersetzungen um die Entwaffnung einer Bande sind neuesten Angaben zufolge mindestens 60 Menschen getötet worden. Die Polizei konnte die neuen Opferzahlen zunächst nicht bestätigen.

Die Schlacht begann, als Jamaikas Premierminister Bruce Golding grünes Licht für die Auslieferung des Drogenbosses Christopher "Dudus" Coke gab. Seither brennen in den Armenvierteln von Kingston Polizeistationen. Sicherheitskräfte und Killer liefern sich blutige Straßenschlachten mit schwerem Geschütz. Mindestens 31 Menschen, zum Großteil Zivilisten, wurden bei der Erstürmung eines Elendsviertels in Kingston bisher getötet.

Seit Sonntag gilt auf der Insel der Ausnahmezustand und der stellvertretende Polizeichef Glenmore Hinds sprach vom "Krieg" gegen die Banden, auf deren Hauptquartier die Polizei zum Sturm ansetzte: Jamaikas Drogenmafia fordert den Staat offen heraus. Ihr Ziel ist es, die Auslieferung von "Dudus" Coke in die USA zu verhindern. "Wir werden den Kriminellen keinen Triumph gönnen", erklärte Golding am Montag.

Epizentrum der Auseinandersetzungen war am Wochenende West Kingston, doch am Montag griff die Gewalt auch auf andere Viertel über. Im Stadtzentrum kam es zu Plünderungen, Bewaffnete blockierten eine Brücke zwischen Montego Bay und Kingston.

Reisewarnung

Die USA erließen eine Reisewarnung, und der Generalsekretär der Organisation Amerikanischer Staaten (OAS), José Miguel Insulza, bot dem Karibikstaat Hilfe an: "Das organisierte Verbrechen bringt unsere demokratischen Institutionen in Gefahr." Die Situation weist Parallelen zu Kolumbien in den 80er-Jahren auf: Auch dort brachen die Drogenbosse einen blutigen Krieg vom Zaun, um sich einem Auslieferungsgesetz zu widersetzen.

Held und Krimineller

"Dudus" Coke gilt als der Chef eines internationalen Drogenkartells. Er soll 1400 Menschenleben auf dem Gewissen haben. Doch in den Armenvierteln gilt der 41-Jährige als Held. Er unterstützt Bedürftige, bezahlt Arztbesuche. Seine Gang "Shower Posse" hat auch in den USA Anhänger.

Die US-Regierung hat die Auslieferung Dudus schon vor einem Jahr beantragt, doch bis dato hatte sich Golding gesträubt. Wohl aus Angst vor Enthüllungen: Die USA sagen, dass die grassierende Korruption in Kingston dem Drogenhandel Vorschub leistet.

Die Polizei glaubt, dass sich den Killern von Dudus noch weitere Kriminelle angeschlossen haben und stürmte am Montag das Viertel Tivoli Gardens, die Hochburg Dudus in der Hauptstadt Kingston. Zuvor hatte man die "unbescholtenen und die Gesetze respektierenden" Anrainer aufgefordert, ihre Häuser zu verlassen.

Anwohner erklärten via Radio, sie fürchteten um ihr Leben, wenn sie einen Fuß auf die Straße setzten. Einige berichteten von Schießereien und Leichen auf den Straßen. "Ich brauche Hilfe, vor meinem Haus liegen eine tote Frau und ein Mädchen", sagte ein Mann einem Radiosender, während im Hintergrund Schüsse zu hören waren. (APA/AFP/Sandra Weiss/DER STANDARD, Printausgabe, 26. Mai 2010)

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    Polizisten und Soldaten stürmten ein Armenviertel der Stadt.

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    Ausnahmezustand in Kingston

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