Thailands Krieg im Internet

26. Mai 2010, 13:14
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Der Auslandsösterreicher Daniel Bednarik über seine Erfahrungen rund um die Proteste in Bangkok

Der Krieg tobte auf den Straßen Bangkoks und scheint nun, da die Lager der Rothemden vom Militär gestürmt wurden, beendet. Doch weitergeführt wird er seitdem woanders, auf einem anderen Schlachtfeld und konträr zu dem lokalen Gemetzel: im Internet.

Im Netz wird seit Beginn der Ausschreitungen in der thailändischen Hauptstadt der virtuelle Kampf gefochten. Zuerst vereinzelt und lokal, dann über die Berichterstattung auf nahezu jeder Onlineplattform global. Zu jedem Artikel oder Bericht gibt es unzählige Kommentare, entweder mit Argumenten, die die Rothemden unterstützen oder aber um die Aktionen der Regierung zu verteidigen. Naturgemäß wird dieser Kampf um Information und politische Sichtweisen besonders unerbittlich in Thai Medien geführt und besonders auf den Homepages sozialer Netzwerke.

Aktive Ausländer

Ausländer (Farangs) sind hier besonders aktiv. Ob sie zu der Gruppe von Expats gehören, die tatsächlich in Thailand leben oder ob sie von der Freundlichkeit und Lebenslust der Thais und der Schönheit des Landes anderwärtig berührt wurden, spielt dabei keine Rolle. Jeder hat etwas zu den Geschehnissen in Bangkok zu sagen und jeder wähnt sich im Recht.

Vergleiche mit Hitler und Saddam

Viele dieser Kommentare sind Hassreden, sie strotzen von Aufrufen zu Gewalt und Beleidigungen. Da wird der thailändische Ministerpräsident Abhisit Vejjajiva schon einmal als Thailands Adolf Hitler bezeichnet, der Abtransport der Demonstranten durch das Militär mit der Fahrt der Juden ins KZ verglichen oder die Regierung Thailands mit der Militärjunta in Burma assoziiert und die Führer der Rothemden mit Gandhi oder Nelson Mandela. Auf der anderen Seite werden alle Redshirts als Terroristen, Osama bin Laden und Saddam Hussein tituliert. Der Verlust des weltweit zweitgrößten Shoppingcenters wird mehr betrauert als jene Menschen, die in den Kämpfen in Bangkok ihr Leben lassen mussten.

Zwischen den beiden Fraktionen findet keine Diskussion statt und bewegt man sich in einem Forum, egal welcher Seite zugehörig und versucht sich mit einer Diskussion, wird man am wahrscheinlichsten persönlich beleidigt. Argumente werden ignoriert.

In der netzinternen Kommunikation ist es zur Untermauerung der eigenen Thesen üblich, andere Kämpfe um Freiheit und Demokratie aus dem eigenen kulturhistorischen Hintergrund als Vergleich zu bemühen. Doch diese Vergleiche hinken. Die Französische Revolution oder der Apartheitskampf in Südafrika sind in ihre jeweilige regionale Geschichte eingebettet und wenn man einen schlüssigen Vergleich für Thailand finden will, so sollte man sich in Südost Asien umschauen. Jeder, der aber Willens ist das zu tun und etwas über die Geschichte Südostasiens zu lernen, wird feststellen das Thailand in diesem Kontext eine funktionierende Demokratie hat, bei dem Stimmenkauf, Korruption und Zensur fixe Bestandteilen des hiesigen Systems sind.

Gerüchte wurden von internationaler Presse übernommen

Beide Seiten, die UDD und die thailändische Regierung haben diesen Kampf im Internet um Information und Beweismaterial und dessen Interpretation unerbittlich geführt. Unzählige Fotos und Videos, die von Privatpersonen ins Internet geladen wurden, sind von CRES und der Regierung übernommen worden um das gewaltsame Vorgehen gegen die Demonstranten vor der thailändischen Bevölkerung als auch der internationalen Community zu rechtfertigen. Die UDD und die Red Intelligence haben dieses Vorgehen schon längst professionalisiert und bald begonnen, gezielt Gerüchte im Internet auszustreuen. Während die Kämpfe in Bangkok stattgefunden haben, war es oft unmöglich zu sagen, welche Nachrichten wahr sind und welche nicht. Selbst für jemanden, der mitten in der Stadt lebt. Umso überraschender und bedenklicher ist dabei die Tatsache, dass solche Gerüchte oft von der nationalen und der internationalen Presse übernommen wurden, ohne abzuwarten bis diese verifiziert wurden.

Die Wochenzeitung "The Nation" in Thailand und der US-Amerikanische Fernsehsender CNN haben sich besonders ausgezeichnet, was das Verbreiten von Gerüchten und einseitiger Berichterstattung angeht. CNN musste einen Bericht über den thailändischen König 30 Minuten nachdem er auf der Homepage veröffentlicht worden war, wieder zurückziehen. Natürlich war er kurz darauf auf youtube zu bestaunen und hat einen Sturm der Entrüstung in Thailand hervorgerufen. Brooke Baldwin, die verantwortliche CNN Journalistin entschuldigte sich sich via Twitter - Aber der Schaden an CNNs Reputation ist getan.

Thailands und vor allem Bangkoks Elite, die den Rothemden und deren Anführern gegenübersteht, bemüht sich zwar um Verständnis, macht aber den Fehler die Demonstranten von oben herab zu behandeln. Sie bezeichnen sie als ungebildete Bauernopfer während sie gleichzeitig deren mangelhafte Schulbildung bedauern. Damit wird gerade der Vorwurf der Rothemden an die Regierung und die Elite des Landes bestätigt, dass nämlich die Landbevölkerung mit einem anderen Maß gemessen wird und zu einer Bauern- und Dienstbotenklasse degradiert wird. Nachdem in Bangkok nun scheinbar Ruhe eingekehrt ist, poppen im Internet Gruppen auf, die beim Wiederaufbau der Stadt mithelfen wollen. Eine dieser Gruppe, von einem Farang aus Bangkok gegründet, ruft dazu auf sich "seine Maid" und einen Besen zu schnappen, um dann beim fröhlichen Kehren auf Bangkoks Straßen mitzuhelfen. Das zeigt mitunter auf, worum es in diesem Kampf geht. Auch um die Selbstverständlichkeit, mit der sich Ausländer hier ihrer "Dienstboten" bedienen, die zu 80 Prozent aus dem Umfeld der Redshirts kommen.

Traumatisiertes Land

In einem Bericht der Bangkokpost wurde eine Studie von Psychologen veröffentlicht in dem dargelegt wird wie sehr die Einwohner der Stadt unter den Demonstrationen psychisch leiden. Das war bevor die Demonstrationen zu Ausschreitungen wurden und Bangkok in Flammen aufging. Die Stadt und das ganze Land sind traumatisiert und das eigentliche Problem ist nicht aus der Welt geschafft. Es ist die Aufgabe der Politik dafür zu sorgen, dass dieses Trauma aufgearbeitet werden kann und die Bevölkerung Thailands einen Weg findet, miteinander in Frieden zu leben.

Beide Seiten, an beiden Fronten, in den Straßen Bangkoks und den Internetforen weltweit müssen einsehen das sie Fehler gemacht haben: in ihren Vorverurteilungen und Gewaltaufrufen. Und ob das verbale und formulierte Gewalt im Internet ist oder die sehr reale Waffengewalt, spielt dabei keine Rolle. (Daniel Bednarik, derStandard.at, 26.5.2010)

Daniel Bednarik lebt und arbeitet in Bangkok

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