Titos Erben im Theaterzauberwald

25. Mai 2010, 17:40
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Das Theater in Serbien, das mit Proben bei "forum festwochen ff." gastiert, entspringt der Sehnsucht nach kultureller Normalität

Ein provisorischer Rundgang durch restjugoslawische Befindlichkeiten.

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Es lässt sich kaum etwas Schmuckeres und zugleich Modernes denken als eine Belgrader Mittelbühne. Das Theater Atelje 212 mit seiner festen Anbindung an die Belgrader City liegt wie ein Schmuckstein in einer mondänen Straße: Der Autoverkehr scheint das hell getünchte Bauwerk eher zu polieren, als dass die Benzinschwaden ihm Abbruch täten. Nichts lässt hier an die hässlichen Industrie-Ruinen in den Ausläufern des Donau-Knies denken, deren Narben man hierorts pflegt wie heilige Wundmale.

Im Theater Atelje 212 läuft seit bald zwei Jahren das Stück Suma blista (Der Wald leuchtet) der Belgrader Autorin Milena Marković. Die wunderbar zähe Aufführung, die im Rahmen des forums festwochen ff. ab 31. Mai im Wiener Schauspielhaus gastiert, bezeichnet auf ebenso reizvolle wie verstörende Weise die Klippen des serbischen Theaters.

Eine Gruppe hässlicher Außenseiter ist in einer Bar gestrandet. Eine gescheiterte Diseuse, eine Art Balkan-Folksängerin, wird von Männern herumgeschubst und vertreibt sich auf einer Couch die Zeit mit Kettenrauchen. Gewalt liegt in der Luft; Männer mit gescheiterten Vorleben bringen sich geldzählend ein, ein Klosterbruder hinkt auf Krücken in dieses Anhaltelager ohne Aussicht auf Entrinnen.

Der Wald brennt ist eigentlich ein "expressionistisches" Drama: Marković, die vor vielen Jahren als aufstrebende Dramatikerin am Wiener Theater m. b. H. auf sich aufmerksam machte, schreibt über Prostituierte, die wie ein Schwarm Putenvögel, singend und schnatternd, auf ihre Verschickung in die gelobten Länder des Westens warten.

Die Inszenierung des Slowenen Tomi Janezić betont die existenzielle Trostlosigkeit eines Lebens im Provisorium. Janezić ist ein Unruhefaktor in der restjugoslawischen Theater-Diaspora: Wiewohl als Regisseur wie als Lehrer in Laibach fest verankert, ist er ein in Belgrad gern gesehener Gast.

Für Janezić gilt Belgrad als historisch bedeutsamer Bühnenboden: "Die slowenischen Theater in Ljubljana oder Maribor haben sich immer an Deutschland orientiert, an der Kunst von Meisterregisseuren. Das in Belgrad stand seit 1945 unter russischem Einfluss: Die hiesigen Schauspieler lernten aus erster Hand die Stanislawskij-Methoden - ganz einfach, weil die Veteranen des Stanislawskij-Theaters hier gastierten. Und manche serbischen Schauspieler haben sogar bei Peter Brook reüssiert!"

Zerbrochene Beziehungen

Die Zerrüttungen, die den Zerfall Jugoslawiens begleiteten, verschonten auch nicht langjährige Verbindungen. Belgrad oder Novi Sad sind heute isolierte Metropolen. Die Kunstausbildung wird durch staatliche Akademien vermittelt. Wer die Bühnenkünste zu seinem Lebensinhalt macht, sieht sich besser flankierend nach einem Brotberuf um.

Oder, wie es der international gefeierte Choreograf Saša Asentić ausdrückt: "Kunstakademien sind hierzulande ein Ausdruck der Trostlosigkeit: Sie vermitteln - etwa mit Blick auf den Tanz - Fertigkeiten, für die im ganzen Land aufgrund fehlender Ressourcen keine Nachfrage vorhanden ist. Wo soll ich die Tanzkunst professionell ausüben, wenn es keine Kompanie gibt?" Wer trotzdem Karriere machen will, müsse sich an das allgegenwärtige Cliquensystem anpassen.

Längst sind die südosteuropäischen Künstler es leid, in ein Ghetto abgeschoben zu werden. Die serbische Mehrheitsgesellschaft, so sagen es die Intellektuellen, träume von der europäischen Option, weil sie an den schrankenlosen Konsum glaube. Marković : "Das ist Romantizismus. Romantik ist schön, wenn es um Kultur geht; in der politischen Analyse ist sie von Nachteil. Man muss nicht für Milošević gewesen sein, um nicht die alten, wohlklingenden Parolen der Tito-Ära noch im Ohr zu haben: Kultur für alle! Für meine Eltern, die vom Land nach Belgrad kamen, war das die Erfüllung ihrer Wünsche."

Asentić: "Das Übel liegt in der Ignoranz: Die jungen Menschen fahren nicht ins Ausland! Sie können daher auch keine Alternativen zur serbischen Gesellschaft namhaft machen!" (Ronald Pohl aus Belgrad, DER STANDARD/Printausgabe, 26.05.2010)

  • "Der Wald leuchtet" , doch für den Brennstoff sorgt die Lust auf das 
Vergessen - Szene aus "Suma blista" , einem Gastspiel des Theaters 
"Atelier 212" .
    foto: djordjevic

    "Der Wald leuchtet" , doch für den Brennstoff sorgt die Lust auf das Vergessen - Szene aus "Suma blista" , einem Gastspiel des Theaters "Atelier 212" .

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