Antike Schauwerte vor Zwettl

25. Mai 2010, 16:31
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Death is not the End - Von Christian Schachinger

Wenn man sich im Waldviertel auf dem Weg von Gmünd nach Zwettl befindet und Limbach ansteuert, kann es unvorbereiteten Autofahrern passieren, dass sie unwillkürlich aufs Bremspedal wechseln. Die Verkehrsberuhigung der neuen Art, die unvermittelt auf einer Brache auftaucht, ist gut 20 Meter hoch. Man glaubt es nicht. Muss die Geschichte des alten Ägypten umgeschrieben werden?

Das "Stein-Center" Grünsteidl, ein regionales Kompetenzzentrum für Grabplatten aus Granit und Marmor, Brunnen, Futtertröge und Disco-Unfall-Marterln, hat seine Geschäftsräume als Pyramide gestaltet. Mit zwei mannshohen Marmorlöwen als Torwächtern und einem Obelisken davor vermittelt das zumindest mit zeitgenössischen Kulturtechniken wie einem Zeltdach konstruierte Gebäude deutlich, dass der Tod keineswegs das Aus bedeutet. Der Tod ist erst der Anfang - weil der Wahnsinn kein Ende nimmt.

Gerade eben feierte das Steincenter "Hausmesse" mit Freibier und den "Neuheiten 2010". In der Mitte der Pyramide fanden die ungläubigen Besucher diesbezüglich eine über 20 Tonnen schwere Marmorkonstruktion namens "Temple of Love" vor. Auch diese kann käuflich erworben werden. Zielgruppe: russische Oligarchen mit Faible für makabre Sexspiele aus der Antike. Sage noch einer, das Leben auf dem Land sei langweilig. (Christian Schachinger, DER STANDARD/Printausgabe, 26.05.2010)

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