Kasachstan: Der zentralasiatische Tiger in Jagdlaune

25. Mai 2010, 15:00
3 Postings

Kasachstan drängt aus dem Schatten Russlands. Politisch sucht es Anerkennung im Westen, wirtschaftlich will es seine Position als zentralasiatischer Tigerstaat ausbauen. Dabei gibt es Hürden. 

***

Almaty/Wien - Heimatliche Gefühle kommen auf. Eine Seilbahn führt vom Stadtzentrum auf den Kok Tobe, den Blauen Hügel. Dort nennt sich ein Imbissstand im angedeuteten Alpinstil schlicht "Glühwein". Als wäre man nicht in Almaty, der 1,7-Millionen-Metropole des zentralasiatischen Steppenstaates Kasachstan, sondern irgendwo in den europäischen Bergen.

Von Steppe keine Spur. Mit ihren Alleen, die die meisten Straßen säumen, ist Almaty wohl eine der grünsten Städte dieser Größenordnung. Das Grün beginnt allerdings mit Weiß: So sind sämtliche Baumstämme etwa eineinhalb Meter hoch getüncht, zum Schutz vor Ungeziefer.

Das künstliche Weiß der Stämme korrespondiert mit frischem Schnee, der Mitte Mai die nahen Berge bedeckt. 2011 richten Almaty und das 1500 Kilometer Luftlinie entfernte Astana im Norden, seit 1998 offizielle Hauptstadt Kasachstans, die Asiatischen Winterspiele aus. Einige Sportstätten, darunter das höchstgelegene Eisstadion der Welt und mehrere Skipisten, sind in einer halben Stunde vom Zentrum Almatys aus zu erreichen. Nachdem die Kasachen nicht in die engere Bewerberrunde um die Olympischen Winterspiele 2018 gekommen sind, sollen die Asien-Spiele im kommenden Jahr ihre Chancen für 2022 erhöhen.

Sportlich, politisch, wirtschaftlich - auf allen Ebenen schiebt sich Kasachstan mit Vehemenz aus dem Schatten der einstigen "Mutter" Russland. Zugleich will es sich auch gegenüber dem wirtschaftlich übermächtigen östlichen Nachbarn China als unverzichtbarer Partner des Westens positionieren, als ein "Tor nach Zentralasien".

So formuliert es Dschingis Kanapianow, Vizechef der 2005 gegründeten Agentur RFCA. Der Name ist Programm: Regional Financial Centre of Almaty City. Die kasachische Metropole soll in einigen Jahren zu einem Finanzzentrum werden, das über Zentralasien hinausstrahlt, attraktiv für den Westen wie für das islamische Finanzsystem, das Zinsen verbietet.

Die ökonomische Basis für diese Rolle ist vorhanden. Wieder, wie man wohl hinzufügen muss. Nach einem goldenen Jahrzehnt mit jährlichen Wachstumsraten um die zehn Prozent wurde Kasachstan als eines der ersten Länder schon im September 2007 von der Finanzkrise getroffen. Mehr als die Hälfte der von kasachischen Banken vergebenen Kredite gingen ins Ausland. Mit einem Rettungspaket von zehn Milliarden US-Dollar übernahm die Regierung die vier größten Banken (vorübergehend, wie betont wird) und kurbelte die Wirtschaft an, etwa durch Finanzierung gefährdeter Wohnbauprojekte.

Neues Wachstum

Inzwischen hat sich die Lage stabilisiert. Nach der Stagnation 2008/2009 wird für heuer wieder ein Wachstum von fünf bis sieben Prozent (Regierungsprognose) oder zumindest 3,5 Prozent (unabhängige Experten) erwartet. Entscheidend für den Umschwung war der Anstieg der Öl- und Gaspreise. Die Einnahmen aus diesen Bereichen machen 65 Prozent des Bruttoinlandsprodukts aus.

Das Bankenrettungsprogramm wurde hauptsächlich aus dem Entwicklungsfonds finanziert, der von den Öl- und Gaseinnahmen gespeist wird und eigentlich die Diversifizierung der kasachischen Wirtschaft fördern soll. Diesem Fonds dürfen aber jährlich nur maximal acht Mrd. Dollar entnommen werden, wie Jelena Bachmutowa, Vorsitzende der kasachischen Finanzmarktaufsicht, betont. Die Krise habe jedenfalls ihr Gutes: Sie unterstreiche die Notwendigkeit der Reformen für eine nachhaltige Wirtschaft.

Warum die kasachische Führung gerade jetzt die Diversifizierung der Wirtschaft so stark vorantreibt, erläutert Alexander Picker. Der Österreicher ist Chef der ATF Bank. Das fünftgrößte Geldinstitut des Landes wurde im Juni 2007 von der UniCredit übernommen. ATF strebt die Führungsposition im Sektor der Klein- und Mittelbetriebe an, die die nachhaltige Transformation der kasachischen Wirtschaft tragen sollen.

Größtes Handicap dieser Umwandlung könnte, nur scheinbar paradox, in Übermaßen fließendes neues Öl werden. Das Ölfeld Kashagan im Kaspischen Meer wird den Prognosen zufolge die kasachische Produktion verdoppeln - wenn es einmal sprudelt. Denn technische Schwierigkeiten (wegen des seichten Wassers sind herkömmliche Bohrinseln untauglich) haben den Produktionsstart von ursprünglich 2010 auf 2013 verschoben. Eben wegen der Aussicht auf diese neuen Öleinnahmen dränge die Regierung darauf, die Wirtschaft auf eine breitere Basis zu stellen.

"Problematische Seite"

Bei allen Problemen ist Kasachstan für Pirker aber "klar der Tigerstaat Zentralasiens". Das Image des Landes im Westen reflektiere nicht die Realität, wenngleich es auch "die problematische Seite einer starken Führung" gebe. Damit spielt Picker auf die Quasi-Allmacht des Präsidenten Nursultan Nasarbajew und seiner Familie und die Kritik an andauernden Menschenrechtsverletzungen an. "Aber im Vergleich mit dem, was rundherum passiert, läuft es sehr gut."

Westliche Hoffnungen auf politischen Pluralismus sind demnach wohl unrealistisch, zumindest aber verfrüht. Ja, eine Zivilgesellschaft könne sich durchaus entwickeln, vor allem in der Mittelschicht, die im Entstehen sei, meint Picker. Aber das werde, asiatischen und auch russischen Traditionen folgend, "nicht so individualisiert, mehr kollektivistisch" geschehen. Aus den gegenwärtigen Ansätzen einer Zivilgesellschaft heraus werde der Präsident zwar kritisiert - "aber am Ende stellt niemand seine Autorität infrage".  (Josef Kirchengast/DER STANDARD, Printausgabe, 25.5.2010)

  • Bild nicht mehr verfügbar

    Schon seit Sowjetzeiten mächtigster Mann Kasachstans: Nursultan Nasarbajew (hier bei der Verleihung des Ehrendoktorats der Korea-Universität in Seoul Ende April). Mit einer Verfassungs-
    änderung im Jahr 2007 wurde die Begrenzung seiner Amtszeit aufgehoben.

  • Banker Alexander Picker: neuer Ölsegen als Handicap.
    foto: atf

    Banker Alexander Picker: neuer Ölsegen als Handicap.

  • Artikelbild
Share if you care.