"Vater" des österreichischen Internet warnt vor Inhaltsfiltern

25. Mai 2010, 13:40
  • Artikelbild

    Peter Rastl und Hannes Ametsreiter

Internet in Österreich wird am 10. August 20 Jahre alt

Vor 20 Jahren, am 10. August 1990, wurde das österreichische Internet "geboren". Über eine Standleitung zum Genfer Kernforschungszentrum CERN wurde die Universität Wien permanent mit dem Internet verbunden. Die Datenleistung betrug für damalige Verhältnisse sagenhafte, für heutige mickrige 64 Kilobit pro Sekunde. Den Siegeszug der Online-Verbindung beurteilt der "Vater" des heimischen Internets, Peter Rastl, im Nachhinein als unvorhersehbar: "Mitte der 80er Jahre haben wir noch gar nichts vom Internet gewusst, oder gar seiner kommerziellen Bedeutung."

"Das Internet kommt immer wieder mit Entwicklungen, die die großen Massen nicht vorhersagen können"

Dieser Grundsatz gilt laut dem Chef des Zentralen Informatikdienstes der Uni Wien noch heute. "Das Internet kommt immer wieder mit Entwicklungen, die die großen Massen nicht vorhersagen können", erklärte Rastl am Dienstag bei einer gemeinsamen Pressekonferenz mit der Telekom Austria Group. Dementsprechend futuristisch muten seine Zukunftsprognosen an: "Ich bin überzeugt, in einigen Jahren wird jedes Auto eine Internetadresse haben." Auch Telekom-Generaldirektor Hannes Ametsreiter sieht noch unübliche Verwendungen wie eine Online-Verortung von Tieren oder ein "Internet der Dinge", das Waggons mit ihrer Ladung verbinden könnte, auf Bevölkerung und Wirtschaft zukommen.

Die Österreicher sehen einer marketmind-Umfrage zufolge ebenfalls große Zukunftstrends vorher: 90 Prozent der 506 Befragten glauben an eine virtuelle Partizipation an öffentlichen Prozessen und 67 Prozent an individuelles TV via WorldWideWeb. 60 Prozent sehen das Internet künftig als primäre und offene Wissensplattform und 40 Prozent als Ermöglicher virtueller Einkaufszentren.

Demokratisierung

Derzeit schreite eine Demokratisierung des Internet voran, meinte Ametsreiter. "Immer mehr machen mit, immer mehr werden Produzenten." Die internationale Plattform "Facebook" zähle mittlerweile schon zwei Millionen österreichische Teilnehmer und jeder dritte Internetnutzer veröffentliche an verschiedenen Stellen pro Woche mindestens fünf Online-Beiträge.

Die Bedeutung des ersten Einloggens ins WWW komme der Erinnerung an die erste Mondlandung gleich, erklärte Ametsreiter. "Drei Viertel der Österreicher denken voller Emotionen an den ersten Einstieg ins Internet zurück." Punkto mobiler Internetnutzung sei die Alpenrepublik in Europa mit einem Anteil von 13,8 Prozent mittlerweile führend, der EU-Schnitt liege vergleichsweise bei 4,2 Prozent.

"Das Problem sehe ich darin, dass die Staaten - angestachelt durch 9/11 - beginnen, das Internet einzuschränken"

Für Peter Rast ist das Internet eine Kulturtechnik wie Lesen und Schreiben, der eine ähnliche Bedeutung wie der Erfindung des Buchdrucks zukommt. Entwicklungen hin zur Vorratsdatenspeicherung oder Kinderpornografie-Filtern machen dem Experten derzeit allerdings Angst: "Das Problem sehe ich darin, dass die Staaten - angestachelt durch 9/11 - beginnen, das Internet einzuschränken", betonte Rastl.

"Da verspricht man sich zu Unrecht Erfolge gegen kriminelle Handlungen", ist er überzeugt. "Da würde ich mir gerne wünschen, dass unsere politischen Entscheidungsträger mehr Wissen über das Internet hätten und wüssten, dass solche Methoden nicht helfen." Täter würden sich gut genug auskennen, um die Maßnahmen zu umgehen, gleichzeitig entstehe eine Infrastruktur, "die man ausnützen kann". Gefährliche Nebenwirkungen seien beispielsweise bei Regierungsübernahmen durch Diktatoren zu befürchten. Leider habe man schon ein gutes Stück des Weges zu mehr Kontrolle zurückgelegt.

"Man kann Kinderpornografie damit auch nicht bekämpfen"

Auch Beschränkungen gegen Online-Kinderpornografie hält Rastl für falsch: "Man kann Kinderpornografie damit auch nicht bekämpfen", sagte er. "Aber die Infrastruktur, die man zum Filtern hat, kann verwendet werden, um andere ungewollte Meinungen zu filtern. Vor dieser Entwicklung habe ich Angst." Ein Beispiel für solche Vorgehensweisen sei Saudi-Arabien.

Neben einer Vorratsdatenspeicherung beurteilte der Internet-Pionier auch die strenge Verfolgung von Urheberrechtsverletzungen als negativ. Dahinter verberge sich eine Reaktion auf das Verabsäumen der Film- und Musikbranche, rechtzeitig auf technische Neuerung einzusteigen, meinte Rastl. Auch künftig stünden unerwartete Internet-Entwicklungen bevor, so würden Provider künftig an Bedeutung verlieren. Ihre Aufgabe, eine größere Bandbreite zur Verfügung zu stellen, sei heute erfüllt.

Derzeit steht für den Erfinder des heimischen Internet die Partizipation der User im Vordergrund. "Wir müssen darauf achten, dass es verträglich für die Gesellschaft bleibt", betonte Rastl gegenüber der APA. Punkto Privatsphäre sei das Problem allerdings die mangelnden Awareness der Nutzer: "Die User stellen ja selbst die ganzen Informationen hinein, die sie auf einer Bahnhofswand vermutlich nicht veröffentlichen würden."

"Ich habe auch einen Facebook-, einen Xing- und einen Linkedin-Account, damit ich weiß, was meine Tochter im Urlaub so treibt"

Trotz alldem ist auch Rastl ein regelmäßiger Besucher verschiedener Online-Plattformen: "Ich habe auch einen Facebook-, einen Xing- und einen Linkedin-Account, damit ich weiß, was meine Tochter im Urlaub so treibt", verriet Rastl über seinen persönlichen Internet-Gebrauch. "Und ich bin ein großer Freund klassischer Musik." Mittels "Youtube" verfolge er die Entwicklungen unbekannter Komponisten.

Das Internet habe bahnbrechende Anwendungen wie Suchmaschinen und Wissens-Datenbanken a la "Wikipedia" ermöglicht. Vor 1990 habe man sich lediglich über eine Einwahlverbindung kurz ins Internet einloggen und Mails lesen bzw. senden könnten, erinnerte sich Rastl. Mit der Installierung einer Standleitung über die Schweiz in die USA im August 1990 wurde schließlich die Übermittlung von Daten möglich, das Einloggen in andere PCs sowie die Bildung von Kooperationen mit anderen Einrichtungen. Das WorldWideWeb sei 1992 zum ersten Mal vorgestellt worden.

Für die Wissenschaft war das Internet laut Rastl zunächst nur eine spannende, interessante Spielerei. Zu einer unentbehrlichen Anwendung entwickelte sich die Online-Welt erst Zug um Zug. Davon zeuge auch eine der ersten Anwendungen einer Salzburger Uni-Professorin, die ihren Kollegen einen Adventkalender präsentierte, dessen Türchen sich online öffnen ließen. (APA)

 

Kommentar posten
Posting 1 bis 25 von 26
1 2
Styx
00
27.5.2010, 22:39

Inhaltsfilter führen zur Zensur

Mac1984
01
28.5.2010, 18:55

jedes Filter ist Zensur

Satthaber
00
27.5.2010, 13:56
Erkan Alles, Shaun Klar

Peter Rast

ÖVP su:cks
00
26.5.2010, 10:19
leider etwas spät

wird nix helfen bei den verblödeten politikern u. deren beratern....
da wird nur gschaut, welcher verwandte abcashen kann

Piratenpartei
04
28.5.2010, 15:38
geben sie uns noch ein wenig zeit

im oktober sind die wien-wahlen, dann schaun wir weiter...

Cafe Corretto
00
30.5.2010, 19:51
Ahoi und Viel Glück!!!!!

kalinka karechta
02
26.5.2010, 08:31
Ich habe bei der Staatssicherheit beantragt, dass dieser aufrürerische Artikel vom Netz genommen wird!

Zorn
11
25.5.2010, 21:23
besser recherchieren!

Welche Universität hatte wann den ersten Internetknoten in Ösiland?

Zorn
00
31.3.2012, 20:23
1984:

Uni Linz aka Johannes Kepler Uni

Ein nitupsaR
 
00
26.5.2010, 05:08

Ich bin über meine Schule 1993 das erste Mal über die Uni Innsbruck eingestiegen, blackbox oder so, mit erster eMail-Adresse. Mit 17 war ich noch a Revoluzzer, heut hink ich zugegebenermaßen hinten nach, aber das ist der Lauf der Dinge.

kalinka karechta
10
26.5.2010, 08:32

1990. WU-Wien. Von einem HP-UX Rechner.

ü-strichal
01
25.5.2010, 19:18

ich glaube da können noch soviele experten vor den überwachungs-, bespitzelungs- und zensierungsmaßnahmen warnen ...

denn das dumme wahlvolk ghört ja eingeschüchtert und überwacht ...
denn wenn man etwas nicht versteht, so wie der großteil der politiker eben das internet nicht versteht, dann ist es böse und ghört eingeschränkt und die nutzer auf schritt und tritt dabei beobachtet

Belze Bub
01
25.5.2010, 16:33
Vater des Internet?

und wer ist die Mutti?

Cafe Corretto
00
30.5.2010, 19:48
Es heißt übrigens ..

der Krieg ist der Vater und Sex die Mutter der Technologie. Zumindest hab ich das mal wo aufgeschnappt und was das Internet betrifft stimmt das 100%. - Das ARPAnet der US-Luftwaffe war der Vorläufer des Internets und die Pornobranche die Mutter des e-Commerce. Müsste somit eigentlich von den christlichen Kirchen als Teufelswerk eingestuft werden.

Ava Tar
02
25.5.2010, 18:43

so wie's aussieht, Ametsreiter

W. Müller
 
03
25.5.2010, 17:54
Frau Mupid ?

Queen of Sheba
 
00
25.5.2010, 22:13
Wohl der größte Flop der Computergeschichte.

LCD
02
25.5.2010, 22:58

Nichts was mit einem Z80A Prozessor läuft, kann man als Flop bezeichnen.

W. Müller
 
03
25.5.2010, 22:39
Nein.

Schon von Kirch's D-Box gehört (Ver.1.x)? DAS war ein Flop. Und ein G'lumpert. Und ein Millionengrab für den deutschen Steuerzahler. Das war MUPID alles nicht.

MUPID war eigentlich ganz gut, die Rahmenbedingungen vielleicht etwas zu beamtenstarr. Hättens etwas liberaler den (wenigen) Heim-PCs den Zugang erleichtert und Peripherie zugelassen, wär' BTX deutlich verbreiteter gewesen.

teh_pwnerer
00
25.5.2010, 16:15
Die Österreicher sehen einer marketmind-Umfrage zufolge

Von wann ist die Umfrage? Österreicher sagen Online-Shop ("Einkaufszentren"), Internetseiten ("Wissensplattform"), YouTube und Streaming ("individuelles TV") und "virtuelle" (Was auch immer das sein mag, die Partizipation jedenfalls ist sehr real) Partizipation (Twitter, Abgeordnetenwatch, Blogs) voraus?!
Könnte aus dem Jahr 2000 sein.

Michael Jack Dundee
 
00
25.5.2010, 17:07
Könnte aus dem Jahr 2000 sein?

Paßt auch zur Aussage: "Internet in Österreich wird am 10. August 20 Jahre alt" Naja, Mupid war zwar nicht Internet, aber genauso eine Rechnervernetzung und das war in den Achtziger Jahre des 20. Jahrhunderts.

mitrovic dejan
21
25.5.2010, 15:50
Ein Neuer Universum.

In CERN würde nicht Schwarze Loch gefunden sonder Internet.
Jetz kommt einer aus Österreich mit berühmten Worten
"Ich binn dein Vater".
Darth Vader warnt von "Möge der Macht bei Inhaltsfilter sein"

maruh
04
25.5.2010, 14:02

20 jahre internet und noch immer kupferleitungen…

belgarion666
 
00
25.5.2010, 15:13
altes soldatensprichwort:

"oft hast' ein pech, selten hast' ein glück"

Haderlump
32
25.5.2010, 15:31

Warum das Rad neu erfinden...Kupfer reicht für den Privatmarkt noch ewig aus für alles andere gibt es schon Glasfaser.
;)

Kommentar posten
Posting 1 bis 25 von 26
1 2

Die Kommentare von Usern und Userinnen geben nicht notwendigerweise die Meinung der Redaktion wieder. Die Redaktion behält sich vor, Kommentare, welche straf- oder zivilrechtliche Normen verletzen, den guten Sitten widersprechen oder sonst dem Ansehen des Mediums zuwiderlaufen (siehe ausführliche Forenregeln), zu entfernen. Der/Die Benutzer/in kann diesfalls keine Ansprüche stellen. Weiters behält sich die derStandard.at GmbH vor, Schadenersatzansprüche geltend zu machen und strafrechtlich relevante Tatbestände zur Anzeige zu bringen.