Ein tönendes Stahlnest

24. Mai 2010, 19:19
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Istanbul, zurzeit Europas Kulturhauptstadt, hat seit ein paar Tagen mit "The Morning Line" eine markante klingende Stahlskulptur im urbanen Angebot

Die Tatsache, dass Istanbul Europas Kulturhauptstadt 2010 ist, dürfte bisher von der Mehrzahl der mindestens 13 (inoffiziell wohl eher 17) Millionen Istanbuler souverän ignoriert worden sein. Querelen um die staatliche Missachtung der heimischen zeitgenössischen Kunst (Nobelpreisträger Orhan Pamuk etwa finanziert sich sein "Museum der Unschuld" jetzt ohne offizielle Unterstützung selbst) schaffen es dann doch eher auf die Kulturseiten ausländischer Zeitungen.

Seit wenigen Tagen trifft nun allerdings eine westliche Großkunst-Installation direkt auf die mehr oder weniger werktätigen Menschenmassen an einem Ort des intensivsten Istanbuler Stadtlebens.

Kunst für belebte Gegend

Am Eminönü-Platz direkt an der Galata-Brücke über dem Goldenen Horn, zwischen der Neuen und der Rüstempascha-Moschee, gleich neben dem Ägyptischen Gewürzmarkt, umtost vom Verkehr, bevölkert von tausenden Frommen, Überlebenskämpfern des Kleinhandels, Flaneuren, Touristen und patriarchalisch geführten Großfamilien auf Sonntagsausflug, dort steht jetzt also The Morning Line - eine schwarze Metallgroßkonstruktion mit vager Vogelnest-Anmutung, die auf 360 Grad Töne von sich gibt.

Die Klangstruktur ist von Mathew Ritchie, Aranda/Lasch und Arup AGU und ein Auftragswerk der Thyssen-Bornemisza Art Contemporary. Die wiederum ist bekanntlich das Vehikel, mit dem Francesca Habsburg die Kunstwelt aufmischt.

Frau Habsburg wollte die Installation ursprünglich eigentlich im Kern des historischen (und touristischen) Zentrums auf dem Platz des ehemaligen byzantinischen Hippodroms direkt vor der Blauen Moschee aufstellen. Der Istanbuler Bürgermeister hatte jedoch etwas dagegen.

Tatsächlich taugt der Eminönü-Platz eigentlich viel eher für eine Konfrontation mit dem Alltagsleben der Stadt. Ein Lokalaugenschein zeigt, dass hier überwiegend freundliche Akzeptanz zu herrschen scheint. Kopftuchträgerinnen handyfotografieren einander vor dem markanten Ding aus immerhin zwanzig Tonnen Stahl, das dem Platz sogar eine Art Mittelpunkt gibt.

Francesca Habsburg ist "glücklich, dass diese moderne Struktur mit nichtpopulärer Musik in dieser Umgebung einen neuen Akzent setzt". (Hans Rauscher aus Istanbul, DER STANDARD/Printausgabe 25.5.2010)

  • Die Skulptur "The Morning Line" ist ein Auftragswerk der Thyssen-Bornemisza Art Contemporary.
    foto: epa/jose manuel vidal

    Die Skulptur "The Morning Line" ist ein Auftragswerk der Thyssen-Bornemisza Art Contemporary.

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