Fleißaufgabe der Bestialität

Hans Rauscher, 24. Mai 2010 18:59

Rechnitz war keine Ausnahme: Massaker vor Kriegsende auch anderswo

Das Stück Rechnitz von Elfriede Jelinek, jetzt bei den Wiener Festwochen, erinnert daran, wozu der Mensch von nebenan fähig ist.

In den letzten Kriegstagen 1945, als die Russen im südlichen Burgenland nur noch wenige Kilometer entfernt waren, fand im Schloss Rechnitz eine "Untergangsparty" statt. Die Hausherrin war Gräfin Batthyány-Thyssen. Auf dem Höhepunkt des Festes machten sich einige NS-Funktionäre, SS-Angehörige (darunter der Lover der Gräfin) und sonstige Volksgenossen zum sogenannten Kreuzstadel auf und veranstalteten dort ein Massaker unter ungarischen Juden, die von Budapest heraufgetrieben worden waren. Die Gräfin war offenbar nicht direkt beteiligt.

Die rund 180 Toten wurden verscharrt, über ihrem Grab steht vermutlich heute ein Gebäude. Intensive Suchversuche seitens Bundes- und Landesregierung hat es nicht gegeben. Tatzeugen fanden nach dem Krieg rätselhafte Tode. Um das Andenken kümmert sich ein Verein des Pianisten Paul Gulda. Die Nachfahren eines heldenhaften Ehepaares, das Juden versteckt hatte, wurden vor zwei Jahren geehrt.

Der Punkt bei alledem ist: Rechnitz war nicht allein. Solche Massaker unmittelbar vor dem Kriegsende fanden auch in der Steiermark (Präbichl), Niederösterreich (Hainburg, Hadersdorf) statt. Volkssturm und Hitlerjugend, Bürger von nebenan erledigten noch eine Fleißaufgabe der Bestialität in letzter Minute. (Hans Rauscher/DER STANDARD, Printausgabe, 25.05.2010)

Kommentar posten
Posting 1 bis 25 von 27
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gamma_ray
25.05.2010 15:29
Näheres zu den Geschehnissen in Rechnitz

http://sz-magazin.sueddeutsche.de/texte/anz... igen/33506

kerihuelo
25.05.2010 17:27

danke für diesen link!

d. hebenstreit
25.05.2010 14:23
Peter Sichrovsky
26.05.2010 03:27
Notwehr?

Notwehr gegen solche Posting? Alles sollte erlaubt sein!

G e o r g
25.05.2010 16:23

Notwehr? Unsinn. Wer hier den Begriff Notwehr verwendet, hat etwas grundlegend falsch verstanden. Wie die beiden Batthyánys wie auch Rauscher zu recht betonen, besteht ein Ungleichgewicht in der Beachtung des Massakers von Rechnitz, dass durch die Boulevard-Zutat Gräfin und Schlossparty mehr Aufmerksamkeit bekommt und damit die Opfer tendenziell ausblendet.
Darüber hinaus kritisieren sie, dass Jelinek "Wahrheit und Dichtung verschwimmen" lässt. Da sie aber ein Theaterstück und keinen Tatsachenbericht geschrieben hat, scheint mir diese Kritik verfehlt. Dies aber nun unter den Titel Notwehr zu stellen, ist infam: So als ob es darum ginge, gegen eine "Nestbeschmutzerin" zu hetzen.

d. hebenstreit
25.05.2010 13:21
nun hat aber dieser herr jelinek deutlich ins braune gegriffen.

http://diepresse.com/home/mein... ern.portal

Harry Meier
 
25.05.2010 12:37
Cuca Racha
 
25.05.2010 14:33

danke für den link !

valtheWU
25.05.2010 11:17
die frau gräfin batthyány-thyssen ist ebenso unbeteiligt

wie die frau abgeordnete barbara rosenkranz.

um dem ganzen eine ganz aktuelle note zu geben, wenn über die toten von damals schon nicht berichtet wird, kann man ja über die hetzer von heute reden, frau ich tu' so , als wüsste ich von nix rosenkranz.

aber: der schoß ist sehr fruchtbar noch, ...

Avicenna
 
25.05.2010 10:24
Ungelöst

Das Massaker von Rechnitz ist ein ungelöster Kriminalfall. Ein Massen-Mord an mind. 180 Menschen, der nie wirklich aufgearbeitet, geschweige denn gesühnt wurde. Die Opfer haben nicht einmal ein ordentliches Grab. Ein Sittenbild des Nachkriegs-Österreich und ein Abgrund von Psychopathologie, um dessen Analyse man sich gedrückt hat. Die Mechanismen, die sogar mehrere Menschen gemeinsam zu unglaublicher Grausamkeit verleiten, wurden erforscht (Erich Fromm, Arno Gruen, Milgram, Zimbardo et al.). Auch die psychotischen Komponenten, gerne "das Böse" genannt, die so ein Verhalten möglich machen. Dennoch ist die Angst vor Bewältigung nach wie vor groß. Aber es gibt nur einen Weg, um sich vom Grauen zu befreien: sich der Vergangenheit zu stellen.

styx12
25.05.2010 10:19

Es stimmt, Herr Rauscher, es gab nicht nur das immer wieder in den Medien vorkommende Rechnitz. Und ich finde es wichtig, dass auch andere derartige Stätten nicht in Vergessenheit geraten. Auch bei uns (nördliches Burgenland) gab es im Zuge des Südost-Wall Baues Lager mit ungarischen Juden. Diese wurden zwar vermutlich nicht im Rahmen einer solch spektakluären Aktion ermordet, aber viele starben und wurden (nach Zeitzeugenberichten teilweise noch halb lebendig) nur auf einem Acker verscharrt. Näheres weiß man nicht mehr. An dem Ort stehen heute ein paar Bäume inmitten eines Ackers. Leider gibt es weder eine Erforschung der Geschehnisse, noch ein Gedenken dafür.

Pagode
 
13.06.2010 08:50
sehr geehrter styx12,

dann wäre es sehr schön, wenn sie sich dort an ihrem wohnort um erforschung, den umgang mit den gräbern und ein würdiges gedenken kümmerten.

Avicenna
 
25.05.2010 10:50
Omertà

"Leider gibt es weder eine Erforschung der Geschehnisse, noch ein Gedenken dafür." Und das ist traurig.
Man war und ist ja so sehr damit beschäftigt zu verdrängen, abzuwehren, "endlich einen Schlussstrich zu ziehen". Die Angst davor sich in irgendeiner Weise schuldig fühlen zu müssen und die Unfähigkeit mit dem Leid der Opfer mitzufühlen verstärkt die Verdrängung. Alexander Mitscherlich hat das die Unfähigkeit zu Trauern genannt. Der unbewußte Wunsch sich mit dem Stärkeren, in diesem Fall mit den Tätern zu identifizieren, machen es bei manchen noch schwerer. Aber es geht nicht um Kollektivschuld und deren Anerkennung, sondern darum, sich den Dämonen der Vergangenheit zu stellen um für die Zukunft zu lernen.

Ausgeflippter Lodenfreak
25.05.2010 17:42

Das mit dem Schweigen stimmt für meine Generation schlicht nicht. Ich war im Gedenkjahr 1988 in der mittleren Schulstufe und bin mein ganzes schulisches und auch privates Leben (durch das Fernsehen) intensivst über die Verbrechen des 2ten Weltkrieges informiert worden, ob es die Vernichtungslager, die "Mühlviertler Hasenjagd" oder die Verbrechen der letzten Stunden wie Rechnitz sind.
Wenn immer wieder der Vorwurf der Verdrängung und des Ignorierens kommt, so gilt das für die Generation die in den 50er und 60ern aktiv das Leben dominiert haben. Die nachfolgenden Generationen wurden mit dem Tehma konfrontiert und haben für sich eine bewusste Entscheidung getroffen damit umzugehen und brauchen nicht noch weitere Gedenkveranstaltungen.

Avicenna
 
01.06.2010 12:06
Sie sind leider nicht alle

"Die nachfolgenden Generationen wurden mit dem Tehma konfrontiert und haben für sich eine bewusste Entscheidung getroffen damit umzugehen und brauchen nicht noch weitere Gedenkveranstaltungen." Schön wär's! Ich glaube ihnen sofort, dass sie dem Thema nicht ausgewichen sind. Das aber für die gesamte jüngere Generation festzuhalten ist reichlich optimistisch. Von einer bewussten Entscheidung ist bei vielen schon gar nichts mehr zu spüren. Der Geschichtsunterricht auch in den 70er und 80er Jahren war z.T. niveaulos, streckenweise katastrophal. Es lässt sich selbst bei gebildeten Menschen ein erheblicher Mangel an histor. Bildung feststellen! Gedenkveranstaltungen sollten nicht belehren, sondern mahnen und die Erinnerung wach halten.

styx12
25.05.2010 10:40

Ach ja, wollte noch ergänzen: ja, vermutlich gab es Leute in der Bevölkerung die bei diesem Treiben noch mitgeholfen haben. Aber ich denke, es war sicher auch schwer sich dagegen zu wehren. Lt. Zeitzeugen drohten drakonische Strafen, wenn man den ausgezehrten, hungernden und frierenden Menschen nur ein Stück Brot zuwerfen wollte, wenn sie zu den Arbeitsstätten geführt wurden....

Land der Zwerge
25.05.2010 13:13

Schwarzschlachten und Schwarzhandel mit Lebensmitteln waren mit genauso unmenschlichen Sanktionen belegt, aber dennoch ungleich populärer...

Faktor I
25.05.2010 08:13
Bild in der Vorschau...

Was hat das Bild in der Seitenvorschau mit dem Text zu tun? Dort sind einige nackte Damen und Herren zu sehen? Absicht? Werbung? Finde ich jedenfalls (soweit ich das Bild erkennen kann:)) ziemlich geschmacklos. Oder geht das Interesse der Werbekunden (wofür immer das Bild Werbung macht) auch den Qualitätsmedien über Pietät? Falls das bild mit dem Text zu tun haben sollte, nehme ich das zurück...

- rau -
25.05.2010 08:24
Das Bild ist aus der Jelinek-Aufführung

d. hebenstreit
25.05.2010 13:21

igitt.

gastrosoph
25.05.2010 07:42
Nein, Herr Rauscher,

'wozu der Mensch von nebenan fähig ist'. Es sind wir selbst, nicht immer die anderen! Das Böse liegt im Menschen selbst wie das Gute. Eine Frage der Vererbung wie auch der Sozialisierung - jedoch nur in dieser Reihenfolge. Jeder Mensch kann zum Mörder werden, nicht aber jeder ein Verbrecher sein.

Peter Sichrovsky
26.05.2010 03:29
Stimmt!

Verdammt, wie Recht Sie haben, mit dem Finger auf andere zeigen und die Empörung präsentieren wir solche Verbrechen nicht verhindern

Eisherz
25.05.2010 09:20

Finde ich eine sehr gute Anmerkung.

Dante Alighieri
24.05.2010 21:47

Sowohl die Gräfin Margit als auch der Podezin Franzl haben sich übrigens direkt danach in die Schweiz abgesetzt. (Dort waren solche Gestalten solange sie genug Kohle haben stets willkommen.) Erstere konnte dann unbehelligt nach Österreich zurück, letzterer ist zu den Apartheid-Verbrechern nach Südafrika weitergeflohen.

;:;
24.05.2010 21:06
Für das zur Sprache bringen der großen und der alltäglichen „Fleißaufgaben der Bestialität“ Respekt!

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