Netzwerkanalyse

Die vertikale Effizienz besiegt mit einem Minimum an Kontakten die horizontale Dominanz

24. Mai 2010 18:58

Die Analyse der häufigsten Passbeziehungen gerinnt zum Manifest fußballerischer Effizienz. Inters Netzwerk stellt in dieser Hinsicht die ultraperfektionierte Zuspitzung des reduktionistischen Ansatzes der Finalsiege Griechenlands bei der EURO 2004 und Italiens bei der WM 2006 dar. Kaum einmal ist ein Team mit weniger Ballbesitz zum Erfolg gekommen. Die Entstehungsgeschichten der Tore bzw. der größten Torchancen stehen sinnbildlich für Inters gesamte Spielanlage: den Ball mit einem Minimum an Kontakten vom eigenen Sechzehner in die Spitze zu bringen - wo stets Milito lauerte. Der zweifache Torschütze ist denn auch Inters Schlüsselspieler: Sowohl die Verteidiger als auch die Mittelfeldspieler suchten die argentinische Solospitze als den vertikalen Fluchtpunkt schlechthin. In Cambiasso und Sneijder fanden sich im zentralen Mittelfeld zwei geniale Architekten dieser hocheffizienten Vertikalität, flankiert von den giftigen Flügelspielern Eto'o und Pandev, die auf ihre Art den bayrischen Stargeiger Robben in den Schatten spielten.

Bayerns Netzwerk nimmt sich im Vergleich zur geisterhaft effizienten Mailänder Maschine als stotterndes Werkl aus, dem die Dominanz im Ballbesitz zur öden Redundanz verkam. Viele Details im Bayern-Netzwerk verdeutlichen das systematische Versagen: Zum einen findet sich etwa die stärkste Beziehung zwischen Schweinsteiger und Badstuber - ein Hinweis darauf, dass der erfahrenere Kollege die Aufgabe hatte, die spielerisch größte Schwachstelle im Aufbau zu stabilisieren. Gerade aus solchen Systemschwächen resultierten jene schnörkeligen Zwischenschaltungen, die das Bayern-Spiel hemmten. Olics' Isolation steht dem Beziehungsreichtum seines stürmischen Gegenübers Milito diametral gegenüber. Die Robustheit der Beziehungen in seinem Rücken breitete sich in horizontalen Ringen um den gegnerischen Sechzehner aus und erstarrte allmählich in Ratlosigkeit. (Helmut Neundlinger, DER STANDARD Printausgabe 25.05.2010)

  • INTER in Zahlen:

DIE MEISTEN PÄSSE/PASSVERSUCHE

1. Cesar-Pandev 11
1. Maicon-Eto'o 11
3. Cesar-Milito 10
3. Cambiasso-Milito 10
5. Cambiasso-Sneijder 9
6. Pandev-Milito 8
6. Samuel-Pandev 8
8. Pandev-Cambiasso 7
8. Maicon-Milito 7
8. Milito-Eto'o 7
8. Maicon-Sneijder 7
8. Milito-Sneijder 7
8. Milito-Pandev 7

SCHLÜSSELSPIELER*

1. Milito 89 (27/62)
2. Sneijder 78 (35/43)
3. Pandev 67 (23/44)
4. Cambiasso 61 (36/25)
5. Eto'o 53 (19/34)
6. Maicon 52 (31/21)
7. Zanetti 32 (18/14)
8. Cesar 31 (26/ 5)
8. Samuel 31 (22/ 9)
10. Chivu 23 (18/ 5)
11. Lucio 22 (13/ 9)

*Gegebene und angenommene Pässe

ERFOLGREICHE PÄSSE IN PROZENT

1. Eto'o 94,74 (18 von 19)
2. Zanetti 94,44 (17 von 18)
3. Milito 88,89 (24 von 27)
3. Chivu 88,89 (16 von 18)
5. Lucio 84,62 (11 von 13)
6. Cambiasso 83,33 (30 von 36)
6. Stankovic 83,33 ( 5 von 6)
8. Samuel 81,82 (18 von 22)
9. Maicon 77,42 (24 von 31)
10. Sneijder 74,29 (26 von 35)

  • BAYERN in Zahlen:

DIE MEISTEN PÄSSE/PASSVERSUCHE

1. Badstuber-Schweinsteiger 26
2. Schweinsteiger-Badstuber 24
3. Schweinsteiger-Van Bommel 22
4. Van Buyten-Lahm 21
5. Van Bommel-Robben 20
5. Lahm-Robben 20
7. Robben-Lahm 18
7. Demichelis-Schweinsteiger 18
9. Lahm-Van Bommel 14
9. Lahm-Van Buyten 14
11. Schweinsteiger-Altintop 13
11. Demichelis-Badstuber 13
11. Altintop-Schweinsteiger 13

SCHLÜSSELSPIELER*

1. Schweinsteiger 226 (114/112)
2. Lahm 155 ( 81/ 74)
3. Van Bommel 139 ( 71/ 68)
4. Robben 132 ( 60/ 72)
5. Badstuber 123 ( 68/ 55)
6. Demichelis 103 ( 61/ 42)
7. Van Buyten 101 ( 60/ 41)
8. Müller 95 ( 37/ 68)
9. Altintop 70 ( 31/ 39)
10. Olic 37 ( 11/ 26)
11. Butt 35 ( 23/ 12)

*Gegebene und angenommene Pässe

ERFOLGREICHE PÄSSE IN PROZENT

1. Demichelis 96,72 ( 59 von 61)
2. Schweinsteiger 93,86 (107 von 114)
3. Van Bommel 92,96 ( 66 von 71)
4. Lahm 91,36 ( 74 von 81)
5. Van Buyten 88,33 ( 53 von 60)
6. Badstuber 86,67 ( 59 von 68)
7. Altintop 83,87 ( 26 von 31)
8. Müller 81,08 ( 30 von 37)
9. Butt 73,91 ( 17 von 23)
10. Robben 70,00 ( 42 von 60)

Kommentar posten
Posting 1 bis 25 von 35
1 2
salman
 
27.05.2010 13:31

Bayern war nicht chancenlos, Müller und Roben waren nach der Pause dicht dran am Ausgleich. Aber gerade als die "horizontale Doinanz" sich in mehr gefährlichen Strafrausituationen niederschlug, schlug Milito unbarmherzig zu.

wing
26.05.2010 21:07

wenn das ganze nicht so pseudowissenschaftlich geschrieben wäre, wäre es ja durchaus interessant.

Laandaks
25.05.2010 17:00
Die vertikale Effizienz bewies sich, die Grafik bestätigt...

...

was aber nichts dran ändert, daß man stets ein Hättens-Waratens durchspielen kann, weil man im nachhinein stets klüger ist.

Wie schon vor dem Spiel gesagt wurde: Das erste Tor wird entscheidend sein. Hätte der Schiri einen Handselfer gegeben, wäre _vielleicht_ usw.

Mourinho war halt m.E. ausgebuffter und geduldiger. Und van Gaal hätte in diesem Spiel vielleicht doch mit dem routinierteren Klose statt Müller beginnen sollen.

Das Barça-Fiasko hätte auch lehren können, daß man selbst enorm auf die eigene Defensive achten muß, denn Inters Kontergefährlichkeit war ja auch bekannt.

Naja. Hättens-Waratens. Für Bayern war's ja trotzdem enorm, bis ins Finale zu gelangen. Ob die Youngsters reifer werden, zeigt sich in den nächsten Jahren...

Pestassori
25.05.2010 15:28
Wie schon Stastny damals mit Österreich ...

... hat Mourinho mit Inter vor einem guten Torwart sechs bis acht mittelmäßige Spieler vor allem mit Defensivaufgaben betraut, weil oft nur zwei (gute, schnelle) Stürmer genügen, den freien Raum hinter einer ständig anrennenden Mannschaft (Barcelona, Bayern M.) besser zu nutzen!
Die ständig anrennenden Teams haben in dem Beinegewirr vor dem gegnerischen Tor nur geringe Chancen, sich durch diese Reihen zu spielen oder aus Fernschüssen zu Torerfolgen zu kommen ...

In Österreich erntete Senekowitsch als Nachfolger Stastnys bei der WM in Argentinien die Früchte dieser Taktik!

Interessant wäre es, Milito, Eto'o und Sneijder in einer Mannschaft mit Bayern-Taktik spielen zu sehen ...

Totaler Durchblicksstrudel
 
26.05.2010 21:22

Fußball ist nicht Handball. Wenn man so wie die Bayern ohne Dynamik in das Angriffsdrittel kommt, wird man dort gestoppt werden. Barca macht das zwar nicht besser, hat aber die Individualisten, die mit einem schnellen, unerwarteten (Doppel)-Pass zum Abschluss kommen können. Das ist aber kein moderner Fußball. Die beste Abwehr ist chancenlos, wenn die Angriffe mit einem Höllentempo vorgetragen werden! Das ist die Zukunft des Fußballs. Vergleichbar mit dem Tempo von Eishockey!

boro boros
 
25.05.2010 12:36

perfekt zu sehen, wie die bayern nur quer gespielt haben und somit genau nix von ihrem hohen anteil an ballbesitz hatten. die italiener dagegen haben schnell nach vorne gespielt. ziemlich perfekt.

Obrigado José
25.05.2010 14:27
stimmt, bayern hat wie immer gespielt und versucht

das spiel zu zerstören (obwohl laut piefke-boulevard von FAZ bis Blöd das ja neue und sympathische Bayern waren) und die bessere und offensivere mannschaft hat gewonnen.


mfg

boro boros
 
25.05.2010 20:44

hä?

120 Jahre Karl Schranz
25.05.2010 18:19
satire? restfett?

mit dem "bessere" kann ich mich ja durchaus anfreunden, der rest ist aber zu 100% nonsens und steht auch in keiner verbindung zu der obigen netzwerkanalyse. weder hat bayern zerstörerisch noch inter sonderlich offensiv gespielt.

Totaler Durchblicksstrudel
 
26.05.2010 21:26

Selber fett? Wenn die Schlüsselspieler gerade die fünf offensiven sind, kann man sehr wohl von offensiver Spielausrichtung sprechen! Viel deutlicher hätte es die Analyse ja gar nicht mehr machen können!

120 Jahre Karl Schranz
27.05.2010 13:42
eben nicht, sie sollten die analyse komplett lesen: "schlüsselspieler" ist ein relativer wert, ohne die absoluten zahlen ist er wenig aussagekräftig

vielleicht lesen sie einfach die posts weiter unten, dann verstehen sie vielleicht was ich meine. wenn milito 2x mal am ball gewesen wäre und alle anderen 1x, wäre er ja auch der schlüsselspieler gewesen. deshalb hier nochmal: die tatsache, dass inter insgesamt viel weniger pässe UND viel weniger ballbesitz hatte (die kombi macht es hier deutlich), der schlüsselspieler mittelstürmer aber trotzdem 3x seltener am ball war als der schlüsselspieler der bayern, die häufigen passkombinationen torwart auf mittel/außenstürmer (die liste ließe sich beliebig verlängern) lässt nur einen schluß zu: inter hatte ein extrem schnelles konterspiel, war aber NICHT offensiv eingestellt.

Totaler Durchblicksstrudel
 
27.05.2010 21:39

Ich vermute, du sitzt hier einem Trugschluss auf. Ballbesitz ist keineswegs Zeichen von offensiver Ausrichtung.
Lass mich "offensiv" so definieren: Raumgewinn pro Minute Ballbesitz, oder sogar noch besser, Raumgewinn pro angekommenen Pass. Ich glaube jetzt ist's klar, worauf ich hinaus will? Offensiv heißt einfach nach vorne zu spielen.
Das Axiom, eigener Ballbesitz schützt vor gegnerischen Torchancen, wie es Hitzfeld oder auch eingeschränkt, v. Gaal vertreten, gilt einfach nicht mehr. Gerade wie man beim 1:0 sehen konnte, braucht es für eine sehr schnelle Mannschaft gerade einmal einen weiten Abschlag für das entscheidende Tor!
Ich würde sogar behaupten, Stellungsspiel vor Ballbesitz! Vielleicht "trennen" sich die eigen Reihen wieder!

120 Jahre Karl Schranz
25.05.2010 13:18
im kern stimmt das, aber ganz so einfach ist es dann doch auch nicht

man darf bei den dicken pfeilen bei inter, die alle schön nach vorne zeigen, die absoluten zahlen nicht völlig aus den augen lassen. die häufigste passkombination bei inter ist immer noch seltener vorgekommen als die 13.beste bei bayern. dass die münchner viel quer gespielt haben ist an sich noch nicht das wirklich tragische (auch barca spielt häufig quer wenn sie 70% ballbesitz haben): da sie mindestens doppelt so viele pässe gespielt haben wie inter wäre da immer noch genug platz für gefährliche pässe in die spitze, die aber größtenteils ausblieben. der teufel liegt auch in der netzwerkanalyse im detail und nicht darin, dass der dicke pfeil bei den bayern nicht richtung inter-tor zeigt

boro boros
 
25.05.2010 20:47

und wenn man sich übrigens alles noch weiter ansieht merkt man, dass sowohl olic, als auch gomez praktisch nicht vorhanden waren.

boro boros
 
25.05.2010 20:35

genau darum geht es ja, das meinte ich. bayern hatte die meiste zeit den ball, konnte damit aber nix anfangen, weil vorne kein platz war. somit blieb das querspielen als einziges übrig, ohne eine idee nach vorne. mit robben UND ribery hätte alles wohl ein bissl anders ausgesehen.

Sawyer
26.05.2010 23:11

wäre vl taktisch klüger gewesen den schnellen olic auf die flügel zu stellen anstatt altintop...aber das leben im konjunktiv gibt es ja bekanntlich nicht

polypus
25.05.2010 11:48

Man sieht auch schön die (ich nehme mal an wegen Robben) asymmetrischen Aussenverteidiger bei Inter.
Maicon aktiver und offensiver als Chivu. Nett.

Interista66
25.05.2010 10:38
II) Schluesselspieler

Bayern
1. Schweinsteiger 226 (114/112) DMF
2. Lahm 155 ( 81/ 74) RAV

Inter
1. Milito 89 (27/62) CFW
2. Sneijder 78 (35/43) 3/COMF

mgl. interpretation:
inter war nicht ausschließlich defensiv ausgerichtet (siehe schluesselspieler), sondern fokusiert auf den richtigen augenblick des angriffes.
4-2-3-1, das mou-system bei inter. eine echte waffe!

120 Jahre Karl Schranz
25.05.2010 12:06
"inter war nicht ausschließlich defensiv ausgerichtet (siehe schluesselspieler), sondern fokusiert auf den richtigen augenblick des angriffes."

das eine schließt das andere ja nicht aus, wobei "ausschließlich defensiv" natürlich falsch ist (das trifft maximal auf das rückspiel gegen barca zu, im finale mussten sie ja zumindest ein tor machen). die tatsache dass der schlüsselspieler inters weniger oft am ball war als der achtbeste bayer, spricht halt doch genau für die defensive grundausrichtung die sie oben verneinen. die netzwerkanalyse bestätigt doch genau das was man das ganze spiel über gesehen hat: bayern war recht offensiv, hatte den ball, wusste aber trotz einiger chancen insgesamt zu wenig damit anzufangen. inter stand tief und sicher, spielte aber in den entscheidenden momenten schnell und kontrolliert nach vorne.

polypus
25.05.2010 11:46

Schaut für mich eher nach 4-1-2-3 aus...
Bayern hat aber ein Bilderbuch 4-2-3-1

Interista66
25.05.2010 10:32
I) DIE MEISTEN PÄSSE/PASSVERSUCHE

Bayern
1. Badstuber-Schweinsteiger 26
2. Schweinsteiger-Badstuber 24

mgl. interpretation: badstuber war als LAV heillos ueberfordert und schweini mußte ihm "beistehen".
damit haben die bayern die ohnehin bereits schlechte linke seite voll und ganz "aufgegeben".
ein fataler fehler

120 Jahre Karl Schranz
25.05.2010 12:16
sehr richtig. badstuber war v.a. im spielaufbau überfordert

und schweinsteiger musste ständig ein auge auf ihn haben, was ihn sehr gehemmt hat. es wäre interessant gewesen zu sehen wie es mit ribery gelaufen wäre - dass die bayern gewonnen hätten glaube ich nicht, aber zumindest wäre das spiel weniger rechtslastig gewesen und hätte auch in der zentrale räume aufgerissen. dass war alles insgesamt zu durchschaubar für die alten hasen bei inter. letztlich kann man aber als bayern-fan fast froh sein, dass das finale verloren ging: ein sieg hätte die baustellen im team (die IV und ein zweiter AV - da besitzt außer lahm eigentlich niemand wirklich die CL-reife) wahrscheinlich überdeckt, so wie es offensive und mittelfeld in spielen davor getan haben.

Robert Paladin
25.05.2010 07:20
Bei der Wm wirds auch nicht anders ausschauen!

Brasilien und England sind da für mich die Favoriten, die spielen ein ähnliches System. Eher hinten bleiben und auf Konter. Spanien und Argentinien werden offensiver spielen, dafür sind sie dann auch viel anfälliger auf Konter. Der Idealtyp wäre eigentlich eine Mannschaft die beides kann. Wechsel zwischen Ballbesitz, aber auch schnellen Konterattacken. Inter kann beides, Brasilien auch, daher sind sie für mich Favorit. Bei so Mannschaften wie Spanien fehlt dann manchmal der Plan B und das kann tödlich sein.

LL MM
24.05.2010 23:34

Ein externer Betriebsberater würde sagen: "Robben raus".

Schließlich hat er eine miserable Bilanz bei den "erfolgreichen Pässen" und ist nur am 10. Platz seines Teams. :-)

thomas P
 
25.05.2010 08:15
naja

gegenspieler gibts ja auch noch ! und das bei den bayern ohne ribery robben der gefährlichste war ist nicht nur für mourinhou klar......


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